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Wadenbeisser und Knieschlotteri

Veröffentlicht: 15.09.2026

Spaziergang
Alpthal → … → Ingenbohl
26 km · Via Jacobi
Unterkunft
Ingenbohl
Essen
Restaurant am Vierwaldstättersee
$$ · Abendessen
Sehenswert
Pfarrkirche St. Leonhard
Brunnen, Switzerland
Attraktion
Bruustchappeli
Alpthal, Switzerland
Attraktion
Haggenegg
Alpthal, Switzerland

Via Jacobi 2.September 2026 Alpthal (SZ) – Ingenbohl (SZ)

Gestern abends um 20.00Uhr entschied ich mich wieder ultraspontan heute loszuziehen. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich jemand so kurzfristig bereiterklärt, sich für 3 Tage um meine Pudeldame zu kümmern und sie dann auch noch selbst abholen kommt, während ich nicht mal zuhause bin. Um 4.30 Uhr klingelte also wieder mal mein Wecker, damit ich ungefähr um 8.30Uhr in Alpthal starten konnte. Ich tat kein Auge zu vor Aufregung. 452 Höhenmeter hoch, und 1095 runter würden mich auf ungefähr 20km erwarten. Und weil meine Knie gerne mal aufmucken, zog ich diesmal mit meinen neuen Wanderstöcken los, obwohl ich mich bis anhin immer dagegen gewehrt hatte. Ein Freund, der diese Wanderung schon einmal ging, riet mir eindringlich dazu. Im Bus nach Alpthal recherchierte ich noch einmal meine Route und merkte plötzlich, dass der Bus nur auf Verlangen hält. Das Gemurmel des Busfahrers verriet die Stationen nicht wirklich. Ich blickte auf die Uhr und stellte mit Schrecken fest, dass ich die Station wohl verpasst haben musste und drückte sofort den Halteknopf. Der Bus hielt irgendwo im nirgendwo und ich musste mich erst einmal orientieren. Es stellte sich heraus, dass der Bus verspätet unterwegs war, und mein eigentlicher Startpunkt 4km entfernt lag. Ich stieg also entgegen meiner Annahme zu früh aus dem Bus. Die beiden Mythen sah man schon weit entfernt vom Tal. Irgendwo in die Nähe der Beiden wird es heute wohl gehen. «Na das fängt ja schon wieder gut an!» dachte ich noch immer müde und tappte lustlos der Hauptstrasse entlang. Vielleicht war der Extramarsch gut zum Aufwärmen, denn in den «eigentlich» ersten 4 Kilometern warteten gleich die ganzen 450 Höhenmeter in einem Stück auf mich. Und die hatten es in sich, denn man schleppt ja auch sein ganzes Hab und Gut mit. Ich war wieder einmal ganz alleine unterwegs und begegnete keiner Menschenseele. Natürlich, wer ist denn auch so bekloppt und tut sich das an? Aber ich kam gut voran. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mittlerweile mit dem Rauchen aufgehört habe oder daran, dass ich insgesamt etwas sportlicher geworden bin. So langsam beginnen mir die Herausforderungen Spass zu machen. Immer wieder gab es winzige Kapellen am Wegesrand zu sehen. So auch das bekannteste unter ihnen, «es Bruustchappeli». In der kleinen historischen Pilgerkapelle befindet sich die kunsthistorisch wertvolle, spätgotische Madonna aus der Zeit um 1500 rum. Lustigerweise wird das kleine «Chappeli» mit Kuhdraht geschützt, was mich zum Schmunzeln brachte. Ein Einbruchschutz gegen Kühe.

In etwas über 2 Stunden später war ich so gut wie oben und konnte die beiden Mythen beinahe anfassen. Mit einem Selfie versuchte ich die Bergspitze zu berühren, wie es die Leute in Paris mit dem Eifelturm oder in Pisa mit dem schiefen Turm machen. «Touris» müssen sowas tun, es gibt ungeschriebene Gesetze! Auf dem Haggenegg gabs meine erste Malzeit des Tages. Salat und Wienerli. Es bot sich ein traumhafter Ausblick auf der Terrasse und es gab schon einige Wanderer, die mit dem etwas entfernten «Bähnli» hergekommen waren. Nach der Rast lief ich noch etwas höher hinauf, um einen fantastischen Ausblick auf einer Anhöhe geniessen zu können. Dort tätigte ich auch meinen Anruf im Kloster Ingenbohl und bat um ein Pilgerbett. Meine Übernachtung war somit gesichert. Dann packte ich etwas widerwillig meine Wanderstöcke aus und war noch skeptisch, ob mir das Gehen mit Gestänge taugen würde. Aber gleich nach den ersten Metern war ich mehr als dankbar! «Holy Shit» war das steil. Und der Weg ging gefühlt ewig! Immer wieder sah man aus der Ferne den Lauerzersee und ich konnte es nicht fassen, dass ich noch so tief runter sollte. Ich stützte meine Arme mit aller Kraft auf die Stöcke, um die Schläge so gut es ging abzufedern und freute mich, dass ich die Investition nicht umsonst getätigt habe. Vor Schwyz wurde es langsam flacher und in den Vororten merkte man richtig, dass die Dörfer sehr stolz auf ihre Pilgertradition sind. Überall hängen Pilgerinformationen und die kleinen Kirchen mit ihren Stempeln sind liebevoll mit Blumen und Kerzen eingerichtet. «Willkommen in Schwyz am Jakobsweg» steht in grossen Lettern geschrieben, als hätte man nur auf mich gewartet. Ich fühle mich persönlich angesprochen und freue mich. Allerdings war der Weg in Schwyz nicht gut ausgeschildert. In der City war es mühsam, den richtigen Pfad zu finden. Und der weitere Weg nach Ingenbohl brachte mich mehr an meine Grenzen als der steile Auf- oder Abstieg. Er führte in brütender Hitze an der wirklich hässlichen Hauptstrasse entlang. Was können 5km lang sein, wenn die Hitze auf Asphalt knallt! Im Kloster Ingenbohl wurde ich von einer betagten, netten Nonne empfangen, kriegte eine kleine Einführung und durfte mein Mehrbettzimmer beziehen und duschen. Funfact: 280 Schwestern gehören zur Gemeinschaft und nur 15 dieser Ordensfrauen sind jünger als 70 Jahre. Das Durchschnittsalter im Kloster Ingenbohl liegt bei über 84 Jahren!

Nach der nötigen Dusche machte ich mich rasch in den Nachbarort Brunnen auf, denn später hätte ich meine müden Knochen nicht mehr dazu aufraffen können. Am Vierwaldstättersee gab es einen Burger und ein alkoholfreies Bier für mich. Und zum Dessert einen Aperol Spritz, der mich förmlich aus den Latschen haute und der gehörig in den Kopf knallte. Es war eine wunderschöne Abendstimmung am See und ich machte mich gestärkt und glücklich und leicht angesäuselt auf den Rückweg. Bevor ich in mein Bett huschte, wollte ich nur einen kurzen Blick in die erhöhte, römisch-katholische Pfarrkirche St.Leonhard werfen. Als ich um 20.00uhr durch eine Seitentüre eintrat, kamen mir unfassbar schöne Klänge entgegen. Ein über 70-köpfiges Orchester mit Chor und 2 Solisten führten ihre Generalprobe durch, die der Vorbereitung auf das Eröffnungskonzert des 8.Othmar Schoek Festivals, welche 2 Tage später stattfand, diente. Vor allem die weibliche Solistin liess mich staunen. Ihre Stimme war so zart, präzise und glasklar und trotzdem stark! Und sie schien es mit einer unfassbaren Leichtigkeit zu singen, während die Männer dem Ganzen zusätzlich Gänsehaut bescherte. Zusammen mit dem Männerxang Küssnacht und dem Urschweizer Kammerensemble war es ein wahrer Ohrenschmaus. Ein Gratiskonzert auf wirklich hohem Niveau für mich ganz alleine. Wie eine Königin sass ich im Kirchengestühl und applaudierte logischerweise als Einzige. Im Anschluss war der Dirigent sogar an meiner Meinung interessiert. Unwichtig für mich, ob er mich verwechselt hatte, oder ob er meinte, ich sei eine gehobene Musikerin oder ob er einfach freundlich sein wollte! Ein wahrlich würdiger Abschluss des Tages!

Erkenntnis des Tages:

Stöcke können Knie retten und Alkohol macht nach Verausgabung betrunken 😉

Definitiv gelaufene Distanz: 26km, 34346 Schritte, 452 HM hoch,1095 HM runter.


Auf einen Blick

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Dauer
1 Tag
Begleitung
Allein
AbenteuerlichKulturellEntspannend
  • Via Jacobi-Etappe von Alpthal nach Ingenbohl
  • Haggenegg mit Blick auf die Mythen
  • Übernachtung im Kloster Ingenbohl
  • Abend am Vierwaldstättersee in Brunnen
  • Generalprobe mit Orchester, Chor und Solisten in der Pfarrkirche St. Leonhard
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