Das Leben ist!
Das Leben ist! «Wohhhhow, Augen auf!» Ich fühlte mich beim Aufwachen heute prächtig und stark! Es gab keine Schnarcher diese Nacht. Kein Wunder, meine Mitbewohner in der P


Veröffentlicht: 10.08.2026
Tag 8
22.Juli 2026, Via Jacobi: Einsiedeln (SZ) – Alpthal (SZ)
Heute Morgen blieb ich entgegen meiner Gewohnheit noch einen Moment in meinem Bett liegen. Ich war noch etwas benommen, denn wilde Träume haben mich diese Nacht heimgesucht. Geister, Götter und Anderswelten stürmten, sausten und verschmolzen mit der uns bekannten Wirklichkeit. Verrückt, was so ein Kloster alles auslösen kann.
Ich freute mich auf einen Kaffee und schlurfte gemütlich in den Essraum. Ich hatte es heute nicht eilig, denn es ging abends wieder nach Hause, bevor ich noch einige Kilometer weiter wandern würde. Im Essraum beschloss ich extra, mich neben die grimmigst dreinschauende Person zu setzen. Denn da hatte ich bestimmt meine Ruhe. Frühmorgens bin ich zwar innerlich gut gelaunt, möchte aber einfach nur in Ruhe ohne Konversationen in den Tag starten. Als ich fragte, ob der Platz noch frei sei, nickte die Dame um die 60 - welch Überraschung - grimmig. Es war herrlich, so assen wir beide still user Konfibrötli mit Kaffee bis wir wach wurden und fingen irgendwann eben doch die 3 klassischen Einstiegsgespräche zu führen. Woher kommst du, was machst du hier und wie heisst du? Aber egal wie ich mich bemühte, ich konnte die Dame einfach nicht verstehen. Ich entschuldigte mich und beteuerte, wie leid es mir täte, als es nach dem dritten Anlauf wieder nicht klappte. Fortan bemühte sie sich, ihr Lötschentaler-Dialäkt mir zuliebe etwas abzumildern. «Wiler chennt mu ja!» meinte sie knapp und ich wurde sofort stutzig. Meine Nackenhärchen stellten sich mir auf und meine Vorahnung bestätigte sich. Es stellte sich heraus, dass die Dame wegen des grossen Felssturzes in Blatten ihr gesamtes Zuhause verlor und fortan in Wiler lebt. «Zum Glick isch niäma schadä cho. Usser eimä, däm Schäfer!» berichtete sie. Aber dieser sei selbst schuld! Als ich einwarf, dass sich in so einem Falle die Schuldfrage ja gar nicht stelle, weil der Schäfer nicht mehr unter uns weile, antwortete sie: «Stimmt! Äs isch wiä-n-äs isch!» Und ich meinte, in ihrem Gesicht ein leichtes Mundwinkelzucken wahrgenommen zu haben. Dieses Frühstück verlangte einen zweiten Kaffee, nur damit wir weiter plaudern konnten und ich erfuhr so viel Spannendes und sehr Persönliches über ihr bewegtes Leben. Was ein Geschenk! Ihre grösste Angst war, dass dieses wunderbare Dorf in Vergessenheit gerät. Man trage zwar die Erinnerungen im Herzen, aber irgendwann würde alles vergessen sein. Ich versicherte ihr, dass eben genau dieses Dorf mit seiner unglaublichen Geschichte nie in Vergessenheit geraten wird. Es wird eines der bestdokumentierten Dörfer der Schweiz werden. Da lächelte sie das erste Mal.
Plötzlich ging ein Raunen durch die Reihen und es wurde mucksmäuschenstill. Ein Mönch betrat den Saal und ich flüsterte ihr fragend zu, wer das denn sei. Ehrfürchtig flüsterte sie: «Das isch dr Abt, quasi dr Chönig vam Chloschter!» Oha, entweder war ich die Einzige, die dies nicht wusste, oder die andern taten alle gescheit? Hinter ihm betrat ein weiterer Mönch den Saal: «Das isch miinä Bruäder!», verkündete sie stolz, denn jedes Jahr besucht sie scheinbar ihren Bruder für ein paar Tage im Kloster. Ich liess den Abt und den Bruder neben meine neue, gar nicht mehr grimmige Bekanntschaft sitzen und wir verabschiedeten uns beide sehr herzlich. Ich werde sie nie vergessen!
Bevor es auf meinem Pilgerweg weiterging, schaute ich mir im Kloster noch einmal alles ganz genau an. Das Kloster feiert dieses Jahr das grosse Jubiläumsjahr „500 Jahre Wiederaufblühen des Klosters“. In der Epoche der Renaissance und der Reformation wollte keiner mehr ins Kloster und sich als Mönch verpflichten. Im Zuge der Glaubensspaltung verliessen fast alle Mönche das Kloster. Einige heirateten, andere traten zum neuen reformierten Glauben über. Am Ende blieb nur noch ein einziger Mann übrig. Das war der 86-jährige Abt Konrad III. von Hohenrechberg. Hätte der hochbetagte Abt keinen Nachfolger bekommen, wäre das Kloster rechtlich erloschen. Die Rettung kam schliesslich durch die Schwyzer Behörden. Am 15. August 1526 setzten sie gegen den Willen des alten Abtes den St. Galler Mönch Ludwig Blarer als Nachfolger (Koadjutor) ein. Dieser baute die Klostergemeinschaft von Grund auf neu auf und rettete Einsiedeln vor dem Untergang. Also wirklich, das ist doch auch schon wieder so eine verrückte Geschichte!
Ich verabschiedete mich von diesem schönen Ort und freute mich darauf, noch ein wenig weiterzuziehen. Von nun an ging es auf dem offiziellen Via-Jacobi Pilgerweg weiter, der bis nach Genf führt. Heute reichte es aber nur bis Alpthal. Obwohl ich am Vortag genügend Weihwasser abbekam, füllte ich mir noch eine Flasche ab und musste ständig aufpassen, dass ich sie nicht mit meiner identischen Trinkflasche verwechselte und aus Versehen daraus trank. Auf dem Weg passierte schon wieder so viel, dass es hier den Rahmen sprengen würde. Ein riesiger Hund, der sich in mich schockverliebte und eine halbe Stunde lang mit mir statt mit dem Herrchen weiterwollte oder meine stille Pilgerin, der ich seit zwei Tagen immer mal wieder begegnete, die aber heute plötzlich ganz überschwänglich und fröhlich war und der fast gänzlich ausgetrocknete Fluss Alp.
In Alpthal angekommen bemerkte ich, dass das Postauto erst wieder in 2 Stunden zurück in Richtung Zuhause fahren würde. So setzte ich mich vor die Kirche und machte erst mal eine Rast um zu überlegen, als genau in dem Moment der Postautofahrer sein Gefährt garagierte. Er fahre mit seinem Privatauto zurück nach Einsiedeln, ob ich mitwolle, fragte er mich. Er schien vertrauenswürdig, so dass ich das Angebot gerne annahm. Meinen Kindern hätte ich für so eine Aktion die Ohren langgezogen, aber nun gut! Als ich in diesem winzigen klapprigen Auto sass, fragte er mich, ob ich keine Angst hätte? Nö, hatte ich nicht, aber diese Frage beunruhigte mich dann doch etwas und ich drohte: «Liegt auch nur einmal deine Hand auf meinem Knie, trete ich dir dermassen in die …, das willst du nicht erleben!» Gott, war ich schon wieder drüber! Für mich wars eigentlich ein bisschen witzig, aber auch ein bisschen ernst gemeint. Die Stimmung in den ersten 5 Minuten Fahrt waren dementsprechend verhalten. Dann fingen wir beide an zu plaudern und unser Humor näherte sich langsam ein wenig an. Glück gehabt! Ich verabschiedete mich und bedankte mich tausendmal und schenkte ihm ein edles Gebäck, welches ich in Einsiedeln erstanden hatte. Er sollte mich nicht als undankbar und kratzbürstig in Erinnerung behalten, denn das bin ich dann doch nicht! Genau wie das Kloster vor 500 Jahren, ist auch mein Tag heute im letzten Moment auf wunderbare Weise gerettet worden. Ich habe meinen Vorsatz von Tag 4, (die nächste liebe Geste anzunehmen) heute eingelöst. Der Spruch: «Der Camino gibt dir, was du brauchst», ist so wahr! «Äs isch wiä-n-äs isch!» – und manchmal ist es einfach perfekt.(AMA)
Erkenntnis des Tages:
«Der Camino gibt dir, was du brauchst!», ist keine leere Floskel
Menschen und ihre Geschichten – so spannend, ich könnte ein Buch darüber schreiben!
«Äs isch wiä-n-äs isch!»
