Auf dem Bruderklausenweg
Tag 11: Via Jacobi 4.September 2026 Oberdorf (NW) – Flüeli Ranft (OW) Mit etwas steifen Gliedern klettere ich heute um 7.00Uhr aus dem Stroh und mache mich fertig für’s...


Veröffentlicht: 04.10.2026


















Tag12 Via Jacobi 27.September 2026 Flüeli-Ranft (OW) – Lungern (OW)
Wieder einmal konnte ich mir ein paar Tage frei machen und sitze frühmorgens im Zug in Richtung Flüeli-Ranft, um meinen Weg fortzuführen. Je weiter ich ins Innere der Schweiz komme, desto mehr Asiaten fahren in den Abteilen mit, und sind verzaubert, ob der schönen Berglandschaft. Ich bin es ebenso und bin gerade sehr dankbar und glücklich, dass ich in diesem wunderschönen privilegierten Land lebe.
Um ziemlich genau 9.00Uhr marschiere ich also in Flüeli Ranft los und besuche als erstes die wunderschöne Kirche die hoch oben über dem Dorf thront. Und wie soll es anders sein, wieder laufe ich mitten in eine gutbesuchte Messe rein! Nur diesmal kümmert es keinen. Damit das Rascheln nicht so stört, habe ich gewartet bis gesungen wurde und drückte dann den Stempel in meinen Pilgerpass. Ich machte noch etwas mit, denn in katholischen Messen ist ständig was zu tun. Sätze beenden, Hostie empfangen, singen usw. Bevor es aber auf die Knie ging, huschte ich wieder unauffällig nach draussen, denn schliesslich bin ich ja wegen der Anreise eher spät gestartet.
Verrückt, es ist schon nach 9 Uhr, und die Sonne ist noch nicht über dem Berg. Alles liegt noch in warmem Schatten. Natürlich war es eine super Idee, am Vorabend noch bis spät in die Nacht im Ausgang gewesen zu sein, obwohl ich um 4.30Uhr aufstehen musste. Aber die Seele will schliesslich auch genährt werden, nicht wahr? ;-) .
Unterwegs laufe ich an einer Bank mit einem Liebesschloss und einer Kerze vorbei. «Fly high!» steht darauf geschrieben. Vielleicht ein Gleitschirmflieger oder so, der von uns gegangen ist. «Fly high und flüüg hei!» wünsche ich unbekannterweise ebenso und stelle es mir gerade bildlich vor. Ich bin überzeugt davon, dass es diese Person genau so gemacht hat und es ihr jetzt bestens geht.
Der Weg heute ist wunderschön, und es ist wirklich angenehm, dass es nicht immer nur aufwärts geht. Am Sarnersee schlägt meine Misophonie «volle Kanone» zu. Hinter mir gingen längere Zeit zwei Engländer. Und die Dame war mit ihren Wanderstöcken unterwegs. Natürlich ohne Schutzfüsschen und so klackerte es bei jedem Schritt. Wer unter Misophonie leidet, weiss genau was ich meine. Es ist eine Geräuschüberempfindlichkeit, bei der eine unverhältnismässige Wut aufsteigt und man dabei richtig leidet, bis das Geräusch endlich aufhört. Die meisten Misophoniker haben es bei Kaugeräuschen oder wiederholtem Kulliknipsen und ähnlichem. Bei mir sind es Tastaturgeräusche und klackern. Klingt lächerlich, ist es aber nicht, denn man möchte gerne auf der Stelle explodieren vor Wut und der verursachenden Person alle Schande sagen und körperlich werden. Ich auferlegte mir eine Zwangspause und liess sie überholen. «Klick-klack-Klick-klack…!» Beim Überholen möchte ich ihr am liebsten ins Ohr schreien: «Mach Gummifüsse ran, sonst steck ich dir die Stöcke…!» Na ihr wisst schon! Stattdessen lächelte ich möglichst freundlich, sie kann ja nichts dafür! Ausser Hörweite war das Thema sofort erledigt, ich erleichtert und wieder gut gelaunt. Was es nicht alles für verrückte Marotten gibt, nicht? Ich muss es in den Griff kriegen, denn vor Santiago de Compostela laufen viele Leute mit Wanderstöcken rum. Zum Glück habe ich noch viel, viel Zeit.
Als ich durch Sachseln lief, war ich ein bisschen gerührt. Denn in Sachseln liegt der geografische Mittelpunkt der Schweiz. Ich bin auf meinen zwei Beinen also wirklich einmal durch die halbe Schweiz gepilgert. Warum ich das so cool finde? Ich weiss es nicht, aber es treibt mich an weiterzumachen, Schritt um Schritt! Auch in Sachseln beginnt gerade eine Messe. Ich husche kurz rein, um den Stempel zu erwischen, halte kurz inne und möchte entgegen der Menschenmenge wieder raus. Ich meine den strengen Blick des Pfarrers wahrgenommen zu haben, aber wenn ich an Sonntagen jeder Messe beiwohnen würde, käme ich ja wirklich nirgends hin!
In Giswil vervollständige ich die erste Seite meines Pilgerpasses. Wie schnell doch die Zeit vergeht! Der weitere Weg verläuft danach wunderschön am türkisblauen Lungerersee. Leider ist der Verkehrslärm auf der gegenüberliegenden Seite sehr laut. Irgendwie müssen die Leute halt auch in den Bergen von A nach B gelangen. Der Lärm fällt an so wunderschönen, stillen Orten halt viel mehr auf. Entlang des Sees werde ich langsam müde und zum ersten Mal schmerzen meine Füsse. Auf jeden Fall ist es heute eine gute Idee, früher ins Bett zu gehen und morgen später aufzustehen als gestern. In Lungern auf dem Minghof werde ich von Susanne herzlich empfangen. Ich habe das herzig eingerichtete Zimmer ganz für mich alleine und mache erstmal ein Nickerchen. Danach geht es ins Restaurant Bahnhöfli. Dort bestehe ich auf einen Platz am Fenster, als man mich in eine Ecke verfrachten wollte. Schliesslich habe ich ein Date mit mir selbst! Heute zelebriere ich es richtig und nehme Vorspeise und Hauptgang und ein Glas vom guten Wein. Das Essen ist wirklich ausgezeichnet und ich bin so richtig glücklich. In meinem Kajüttenbett lese ich auf meinem Zähler 37118 Schritte. Ich werde heute gut schlafen!
