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Aceh – wie die Scharia durchgesetzt wird

Veröffentlicht: 08.07.2026

Sehenswert
Banda Aceh
Banda Aceh, Indonesien
Attraktion
Taman Sari
Banda Aceh, Indonesien
Attraktion
Moschee Baitrrahman
Banda Aceh, Indonesien
Essen
Daus
$$ · Abendessen
Attraktion
Tsunami-Museum
Banda Aceh, Indonesien
Attraktion
Museum PLTD Apung
Banda Aceh, Indonesien
Spaziergang
Moschee Baitrrahman → … → Tsunami-Museum
Banda Aceh, Indonesien

Im vorherigen Blog habe ich erklärt, wie es in der indonesischen Provinz Aceh auf Sumatra zur Einführung der Scharia kam, des islamischen Gesetzeswerks. Was die Durchsetzung dieser Gesetze konkret bedeutet, habe ich in Banda Aceh eindrücklich erlebt, ganz abgesehen davon, dass es keinen Alkohol gibt und praktisch alle Mädchen ab etwa acht Jahren und alle Frauen mit Kopftüchern verhüllt sind.

Ganz so strikt wie Saudi-Arabien ist man hier allerdings nicht, das nur nebenbei: Es gibt zum Beispiel einige christliche Kirchen und eine katholische Schule. Und man sieht, sehr vereinzelt, Frauen ohne Kopftücher, meistens Christinnen. Aber ein fröhlicher Ort ist Banda Aceh definitiv nicht.

An einem Freitag kurz vor dem Mittagesgebet traf ich auf einer Marktstrasse hinter der Grossen Moschee auf eine siebenköpfige Patrouille von Scharia-Polizistinnen. Eine von ihnen sprach ziemlich gut Englisch (was in Aceh eine Seltenheit ist). Ihre Aufgabe sei, «die Männer in ihren Läden zu ermuntern, in die Moschee zu kommen», sagte sie. (Das Freitagsgebet ist für Muslime obligatorisch, für Musliminnen nicht.) Nein, beantwortet sie meine Frage, für Säumige habe das vorerst keine Folgen. «Wenn einer aber drei-, viermal erwischt worden ist…» Sie lässt die Konsequenzen offen.

Diese erlebe ich, als ich, zu Fuss unterwegs von der Moschee Baitrrahman zum Tsunami-Museum, am Zentralpark vorbeikomme, dem Taman Sari. In der Mitte des Parkes steht eine riesige, offene Event-Halle mit grosser Bühne. An deren Rand kniet eine ganz in weiss gehüllte Frau. Sie wird von einer anderen Frau, die ein weites, braunes, bodenlanges Kleid, ein braunes Kopftuch und einen beigen Gesichtsschleier trägt, der nur die Augen freilässt, mit einer langen Rute auf den Rücken geschlagen. Eine männliche Stimme zählt über Lautsprecher die Schläge: «…vierzehn, fünfzehn, sechzehn…».

Neben der Frau stehen Polizisten und Polizistinnen in Uniform. Vor der Bühne und an der Strasse gaffen Schaulustige, und zwei, drei professionelle Fotografen machen Nahaufnahmen. Die Schläge sind deutlich zu hören, und die Frau verzerrt vor Schmerzen ihr Gesicht. Neben dem Pavillon sind zwei Ambulanzen geparkt.

Nach der Frau kommt ein junger Mann mit einem weissen Baumwollmantel über den Kleidern an die Reihe. Eine Lautsprecherstimme liest seine Vergehen vor. Dann erhält auch er Schläge, vielleicht dreissig oder vierzig, allerdings im Stehen. Weitere Frauen und Männer folgen, die Frauen jeweils kniend, die Männer stehend, bis ich irgendwann nicht mehr hinschauen mag und weitergehe.

Strafe für Sex, Alkohol, Glücksspiel

Abends komme ich im Restaurant «Daus» in der Nähe meines Hotels mit einer jungen Frau – schwarzes Kleid bis zum Boden, schwarzes Kopftuch – ins Gespräch. Sie heisst Icha, ist 28 Jahre alt, stammt aus Jakarta und arbeitet hier im Restaurant «Daus». Fahrurrazi, Ichas Cousin, kommt hinzu. Er hat in Medina, der zweitheiligsten Stadt der Muslime in Saudi-Arabien, Scharia-Recht studiert, dann aber das Restaurant seines Vaters Firdaus übernommen, als dieser 2021 starb.

Das Essen im «Daus» ist hervorragend; eine gemischte Platte mit Frittiertem: Tintenfisch, Hähnchenkeule, ein Rinderspiess, eine Riesengarnele und dazu eine Omelette und Nasi Goreng, also gebratener Reis. Aber ich kann mich ausnahmsweise nicht auf das Essen konzentrieren, denn ich muss den beiden von der Prügelstrafe erzählen, deren Zeuge ich geworden bin.

Icha ist gläubige Muslimin; «ich trage sogar im Fitness-Studio ein Kopftuch», sagt sie lachend. Doch dieser Art öffentlicher Demütigung kann sie nichts abgewinnen. Fahrurrazi erklärt, wofür man die erniedrigende Strafe erhalten kann: vorehelicher oder gleichgeschlechtlicher Sex, öffentliche Liebesbezeugungen, Verkauf oder Konsum von Alkohol, Glücksspiel. «Als unverheiratetes Paar kannst du problemlos hier im Lokal sitzen», meint Icha. «Aber wenn du in der Nacht irgendwo erwischt wirst, hast Du Pech gehabt.»

Was würde ich Hans aus Dänemark berichten, der mich im Dezember 2025 im Gästehaus «Seafever» auf Mauritius vor einem Besuch von Banda Aceh gewarnt hatte? Ich wurde von niemandem feindselig behandelt. Schwierigkeiten gab es bei der Verständigung, weil ich kein Indonesisch kann und die meisten Acehnesen kein Englisch. Weil es hier kaum Touristen gibt, weckt man als Europäer Neugier, vor allem bei Kindern. Es treten aber auch spontan Leute auf einen zu und schütteln einem die Hand. Im Tsunami-Museum bittet mich eine Frau um ein Selfie mit ihrer Mutter, im Museum PLTD Apung ein Vater um ein Foto mit seinem Nachwuchs.

Nein, ich habe mich, ausser vielleicht bei der öffentlichen Auspeitschung, keinen Moment unwohl oder unwillkommen gefühlt. Und dafür, dass ich keinen Alkohol bekommen habe, nur Wasser, Fruchtsäfte und Kaffee, hat mir meine Leber einen Dankesbrief geschrieben. 

Auf einen Blick

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Begleitung
Allein
KulturellAbseits der Pfade
  • öffentliche Auspeitschung in Banda Aceh
  • Besuch des Restaurants Daus
  • Tsunami-Museum
  • Museum PLTD Apung
  • Begegnungen mit Einheimischen in Banda Aceh
StadtKulturGeschichteEssen
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