Wieder da, auf dem Weg nach Vilnius
Der Außenbereich eines Restaurants in Vilnius, der Kellner vertreibt Tauben mit einer Wasserspritze. Auf der Speisekarte stehen litauische Gerichte, ich entscheide mich für...


Veröffentlicht: 29.06.2023
























Vilnius ist bunt, Fassaden, Geschäfte mit ihren Auslagen und Restaurants, Farben überall. Nach dem Ankuftstag stand für mich am Mittwoch die obligatorische Stadtführung auf dem Programm.
Tourguide Milda führte die bunte Truppe mit etwa 20 Besuchern und Besucherinnen, davon etwa die Hälfte aus Deutschland, durch die Altstadt, berichtete auf überaus charmante Weise von Kultur und Geschichte der Stadt: Heidnische Kulte, mittelalterliche Fürsten, polnische Bündnisse, jüdische Stadtviertel, litauische Spezialitäten wie gefüllte Kartoffelklöße oder Baumkuchen sowie die "singende Revolution" von 1989.
Unterbrochen von einigen Regenschauern führte uns die junge Litauerin auch nach Užupis. Dort gründeten Künstler Ende der 90er Jahre eine Spaßrepublik, ein Dada-Projekt zwischen Guerilla- und Aktionskunst, gestalteten ein heruntergekommenes Viertel farbenfroh und verwandelte es in ein bohemes Stadtquartier. Ein Touristenmagnet mit zahlreichen Fotomotiven. Es bereitete mir große Freude, Milda zuzuhören und Vilnius auch danach noch weiter zu erkunden. Als sich die Sonne nachmittags durchkämpfte, strahlte die Stadt noch mehr.
Trotzdem kam ich nicht umhin festzustellen, dass einige Seiten im Bilderbuch Vilnius fehlten. Die Stadt an der Vilna galt als das "Jerusalem des Nordens". Spuren der reichhaltigen jüdischen Historie waren fast gänzlich verschwunden. Anders als in Prag oder Krakau erinnerte kaum etwas an die 100.000 Juden (mehr als 40% der Einwohner), die hier vor dem Einmarsch der Deutschen lebten. Lediglich zwei kleine Museen, eine Synagoge sowie ein Denkmal im Wald von Paneriai erinnerten an den Völkermord. In Paneriai, etwa 10 km westlich von Vilnius, erschossen Deutsche mit litauischen Komplizen mehr als 100.000 Menschen, darunter 70.000 Juden.
Das Dritte Reich löschte in Vilnius eine Kultur aus und vernichtete eine Welt: Zeitungen, Schulen, Sportvereine, Gebetshäuser, Clubs, Verlage, Krankenhäuser, Friedhöfe, Wohnhäuser, Werkstätten usw. Alles gewaltsam zerstört und unwiederbringlich verloren.
"Und der Herr sprach zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel?"
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