Ausflüge wie sie im Buch stehen
Die Tochter hat uns mal wieder ein aktivierendes Buch geschenkt. "Ab ins Güne - Ausflüge mit der Berliner S-Bahn". Wir nutzen die ersten drei Sonnentage im jahr 2019, um schon...


Veröffentlicht: 05.01.2019
„Wie war die größte Sylvester-Party Deutschlands am Brandenburger Tor?“ fragt mein Sohn angemessen ironisch in seiner What’s App-Nachricht zu Neujahr. Können wir nicht sagen. Näher als 500 Meter sind wir nicht dran gekommen. Doch der reihe nach.
Vormittags müssen wir noch etwas in der Stadt besorgen. „Die Stadt“, das ist für uns die Gegend um die U-Bahn-Station „Rathaus Neukölln“. Das Gewusel um das Rathaus und den Neukölln-Arkaden ist wie üblich enorm, aber eigentlich wirklich nur das Übliche. Die Stimmung erscheint uns sogar entspannter. Alle wissen, dass um 14 Uhr die Geschäfte schließen, nehmen das aber nicht so ernst. Uns fehlen auch nur die berühmten Kleinigkeiten und wir haben Zeit für ein zweites Frühstück bei „Zimt und Mehl“ direkt am Weigandufer des Landwehr-Kanals in der Wildenbruchstraße. Hier haben wir uns vor zwei Jahren nochmal in die Stadt verliebt. Es war Sommer und wir konnten direkt am Kanal sitzen und rüber nach Treptow gucken. Jetzt ist zwar Winter, aber auch drinnen kann man immer noch sehr gut frühstücken.
Die Geschäfte sind mittlerweile geschlossen und wir gucken, was man so machen kann. Zum Beispiel ins Kino gehen. Die Kinos der Yorck-Gruppe liefern Sylvester genauso wie Heiligabend volles Programm und die Vorstellungen sind gut besucht. Der Altersdurchschnitt des Publikums liegt bei 50 Jahren. Die Hordcore-Partygänger sind also nicht hier.
Es ist 20 Uhr als wir das Kino verlassen. Gegenüber vom Delphi-Lux liegen die Hinterausgänge einiger Kneipen und eines Supermarktes in den S-Bahn-Bögen. Hier hat offensichtlich die Feierabend-Sylvester-Party des Verkaufs und Servicepersonals stattgefunden. Der Gehweg ist voller sich im Nieselregen auflösender Reste von Feuerwerksbatterien, die teilweise noch brennen und mächtig qualmen. Wir gehen zum U-Bahnhof Zoologischer Garten und fahren mit der U9 zum Westhafen, um in die S-Bahn 41 Richtung Uhrzeiger umzusteigen. Der Zug ist gut besetzt und in unserem gesamten Wagen wird ausschließlich englisch gesprochen. Jede Gruppe hat mindestens eine Tüte mit Aldi-Lidl-Raketen dabei. Ja, Alkohol und sonstige Knallmittel sind wahnsinnig billig, wenn man aus Groß-Britannien, den USA oder Schweden kommt. Das werden wir noch zur Genüge erleben.
Der Starke August trägt Reizunterwäsche
Wir steigen zusammen mit den meisten anderen am S-Bahnhof Schönhauser Alle aus und gehen den Prenzlauer Berg runter. Es sind für 21 Uhr wenige Leute unterwegs. Allerdings müssen wir alle 100 Meter ein Nest mit schon schwer betrunkenen Feuerwerkern umgehen. Manchmal bleiben wir 10 Minuten stehen und kriegen ein vollständiges Ohhh und Ahhh. So ist es einfach, freiwillig auf den Kauf von Feuerwerkskörpern zu verzichten und sich bei Facebook damit dicke zu tun.
Wir kriegen Durst und die Beine tun weh. „Zum starken August“ sieht gemütlich aus und es ist noch Platz am Fenster. Die beiden Hocker stehen aber auf der Bühne der Burlesque-Show. Wir merken es rechtzeitig und können uns grade noch an die Theke verziehen. Es ist schön hier, auch weil noch nicht viel los ist und die Bar-Jungs sind einfach nur nett. Es gibt Craft-Bier aus Neukölln und Edinburgh. Am großen Tisch sitzen 10 Pitcher-Trinker von auswärts, an den kleinen Tischen Burlesque-Fans aus dem Viertel. Wir sparen uns die Burlesque-Show. Wir haben keine gescheiten Dessous dabei und wir wollen noch weiter. Den Laden merken wir uns.
Wir entern die Tram und nähern wir uns Berlin-Mitte. Wir gehen durch den Monbijou-Park an die Spree, wo im Sommer die Open-Air-Tanzkurse stattfinden. Es ist mittlerweile 22 Uhr und an jeder Ecke gibt es ein Privat-Feuerwerk von epischen Ausmaßen. Sogar am Kupfergraben in unmittelbarer Nähe von Merkels Wohnung. Die Kanzlerin und ihr Gatte haben sich offensichtlich verzogen.
Wir kommen näher
Wir nähern uns der Absperrung im Tiergarten. Eine Gruppe Spanierinnen und Spanier fragt nach dem Brandenburger Tor und ob man da hingehen könne. Wir geben die falsche Auskunft und sagen Ja. Falsch, weil schon alle Zugänge wegen Überfüllung geschlossen sind. Das erfahren wir erst später. Wir befinden uns dann schon inmitten in einer Völkerwanderung um das Brandenburger Tor herum. Wir wollen die „Linden“ erreichen. Lustig dabei ist, dass gegenläufig ebenfalls eine gleichstarke Wanderung Richtung Tiergarten zieht um dort einen besseren Blick zu haben. Gut so. Wenn die wüssten, dass dort auch nichts mehr geht, würden die auch noch in unsere Richtung drängeln.
Wir kommen erst auf Höhe der Friedrichstraße auf den Boulevard „Unter den Linden“ und sehen das Brandenburger Tor in Schneekugel-Größe. Dabei ist der Blick nicht schlecht, zumal sowieso schon in unmittelbarer Nähe um uns herum ununterbrochen gefeuerwerkt wird. Es ist aber erst 23:00 und die Wartezeit muss überbrückt werden.
What the hell is Club Mate?
Wir gehen zum Bahnhof Friedrichstraße in einen Vietnam-Imbiss. Der Raum hat 12qm und die Hälfte davon nimmt der Kühlschrank ein. In der Ecke stehen einige Tische und Stühle und wir trinken was für 2 Euro pro Flasche und essen was für 3,50 Euro pro Kasten. Die Imbissbesatzung stört sich nicht weiter an uns und wir sitzen 45 Minuten irgendwo in Vietnam und hören eine Sprache, bei der wir auch rein garnichts verstehen. Die Einnahmen werden gezählt, die Servicekräfte des benachbarten Eden-Restaurants ziehen sich hinter dem Kühlschrank um. Ständig kommen englischsprechende Touristen vom Bahnhof rein und räumen das „Tiger“ Bier aus dem Kühlschrank. Zwei Girlies wissen nicht, was „Club-Mate“ ist. What? Ice Tea with bubbles? No Beer? Weired!
Es wird Zeit. Zurück zur Linden. Der Countdown läuft in Form von immer stärker werdenden Privat-Feuerwerken rundherum. Dann kommt das offizielle Feuerwerk, das aber schon nach Minuten im Qualm verschwindet. Schon um 30 Sekunden nach Mitternacht formieren sich riesige Menschenmassen Richtung irgendwo bereitstehender Busse weg vom Geschehen. Klar, einige fahren noch heim bis Amstelveen. Wir rücken noch ein wenig vor, weil da jetzt Platz ist.
Bei der Komischen Oper befindet sich ein ziemlich großer quadratischer Platz. Hier haben sich offenbar alle Hobby-Feuerwerker aus dem Umkreis von fünf Kilometer versammelt. Von den Rändern aus werden immer neue Batterien gezündet und Kracher in die Mitte geworfen. Der Krach und der Gestank sind unbeschreiblich. Es hat sich ein riesiger, matschiger, kokelnder Haufen aus Pappmaschee und mehr oder minder zerstörter Flaschen gebildet.
Nach Hause
Wir gehen zum Gendarmenmarkt und sehen überall weitere Feuerwerke und dahin eilende Touristen-Kohorten. An der U-Bahn Französische Straße stößt Gudrun auf zwei Hamburger Deerns, die sich nach dem Weg erkundigen. Die eine hat furchtbar Rücken und die andere meint, in ihrem Kiez in Hamburg wär Sylvester eigentlich schöner. Können wir verstehen, weil das hier ist kein Kiez-Sylvester ist, sondern die „Größte Sylvester-Party Deutschlands am Brandenburger Tor“. Wenn man in Hamburg lebt, ist Berlin bestimmt viel weniger attraktiv als wenn man aus Selters im Westerwald kommt.
Die beiden sind nett und lustig, was ich damit vergelte, dass ich sie in den falschen Zug setze. Weil wir aber auch drin sitzen, können wir das noch korrigieren.
Hummel Hummel! Mors Mors!
