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Zuletzt in Berlin

Was bisher geschah

Veröffentlicht: 04.10.2020

Wieder einmal eine Chance verpasst! Dieser Blog hätte die ultimative Corona-Chronik der ultimativen Hauptstadt werden können. Aber nach zwei Beiträgen ganz am Anfang haben wir das Thema verlassen. Dabei ist so viel passiert und wie es passiert ist, und was das bei uns bewirkt hat, erinnert an die Phasen der Trauer: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz.

Leugnen

Ja natürlich meldeten einige sich und meinten zum Beispiel, die Grippe von 1918 sei viel schlimmer gewesen und bei jeder anderen Grippe seitdem wären mehr Menschen gestorben. Das legte sich relativ schnell, weil wir in Echtzeit verfolgen konnten, was praktisch um die Ecke in Italien geschah. Der Regierung wurde sogar für einige Zeit ein höheres Maß an Kompetenz als gewöhnlich unterstellt. Das lag zum an einer unaufgeregten Ernsthaftigkeit der Kanzlerin, des zuständigen Ministers und der Professoren Drosten und Wieler. Die AFD wurde einstweilen in den Hintergrund gedrängt und machte nur von sich reden, wenn sie versuchte, sich selbst zu zerlegen.

Die Menschen blieben tatsächlich zuhause und wenn sie ausgingen nur um lebenswichtige Vorräte zu ergänzen, z. B. Toilettenpapier und Mehl. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gingen auch nicht mehr zur Arbeit, sie wurden ins Homeoffice geschickt. Über Nacht entdeckten viele Menschen, dass man sich die Hände waschen kann und prompt war keine Seife mehr zu bekommen. Atemschutzmasken waren in ihrer Wirkung zwar noch umstritten aber trotzdem ausverkauft. Die ersten Näh- und Bastelanleitungen tauchten im Netz auf und wir stiegen mit dem Modell von „Elle“ in das Geschäft ein. Einen Moment zu spät. Nach nicht einmal 50 Masken und zwei recycelten Hemden lief das Geschäft aus, weil die Konkurrenz einfach zu groß wurde. Die letzten überproduzierten Exemplare tragen wir jetzt selber auf.

Die bundesweiten Reisebeschränkungen und die Schließung der Hotels führten dazu, dass für Wochen keine Touristen in der Stadt zu sehen waren. Berlin gehörte wieder den Einheimischen, die natürlich den vorhandenen Raum nicht annähernd füllen konnten. Eine autofreie Friedrichstrasse, der Kudamm ohne Menschenmassen mit KaDeWe-Tüten, der 100er Bus für uns allein, weitgehend leere S-Bahnen: Davon erzählen wir den Enkeln. Die Armen.

Zorn

Die ersten Demos der Corona-Leugner tauchten ausgerechnet in der Zeit auf, in der die Einschränkungen wieder gelockert wurden. Da demonstrierten plötzlich Menschen für demokratische Grundrechte, die sie, sollten sie jemals an die Macht kommen, sofort abschaffen würden. Die Bahnen und Busse füllten sich wieder und in jedem Wagen saßen ca. 30% Maskenverweigerer.

Verhandeln

Eine Phase des Verhandelns war eröffnet. Drosten und Wieler traten in den Hintergrund, ebenso Merkel und Spahn. An ihre Stelle traten neue Experten, neue Studien und altbekannte Provinzfürsten, die endlich auch wieder mitspielen wollten und sie widersprachen sich zunehmend. Ja, Masken schützen. Nein, sie tun es nicht. Sie schützen diesen sehr wohl und jenen überhaupt nicht. Warum machen wir es nicht wie in Schweden? Stecken sich Kinder an oder sind sie nur ansteckend? Hat Bill Gates nicht nur das Computervirus „Windows 95“ in die Welt gebracht sondern auch Covid 19? Nutzen Verbote etwas oder soll man lieber an die Vernunft appellieren? Was ist wichtiger? Der Seuchenschutz oder die Wirtschaft?

Depression

So als Angehörige der Risikogruppe Ü 60 merkt man schon Veränderungen, vor allen Dingen an sich selber. Wobei wir ja kein Risiko für die Welt darstellen, sondern fast alle anderen unser Risiko sind. Bisher hat uns nichts diese Stadt vermiesen können. Bloß im Moment ertappen wir uns dabei, dass wir froh sind, wenn wir wieder unsere Wohnung erreicht haben und die Tür zu ist. Bei uns äußerte sich die Depression in dem Gefühl, dass offenbar ein Teil unserer Mitmenschen es für eine Zumutung hält, uns mit Abstand und Masken zu schützen. Die Parks und die Bahnen füllen sich, die Touristen sind wieder da, die Schulen und die Kitas sind offen. Branche für Branche ging wieder in Betrieb, wenn auch eingeschränkt. Aber es gibt eigentlich kein kollektives Aufatmen in der Stadt. Vielmehr sind die Lockerungen nie weitgehend genug, die Staatshilfen nicht ausreichend und jeden Tag kommen in den Medien Menschen zu Wort, die sich nach Normalität sehnen, was immer das auch sein soll.

Akzeptanz

Die Akzeptanz von Anti-Corona-Maßnahmen steigt erst wieder seit die Ansteckungsraten wieder steigen und zwei der drei Corona-Ampeln auf Rot stehen, allerdings sehr uneinheitlich. In jedem U-Bahn-Wagen sitzen nur noch ein oder zwei sogenannte Maskenmuffel. Meistens handelt es sich aber um die feige Sorte mit Maske unterm Kinn, mit der sie Mund und Nase bedecken können, wenn tatsächlich mal kontrolliert werden sollte. Mittlerweile werden mehr Menschen interviewt, die tatsächlich krank wurden und tatsächlich leiden mussten.

Andererseits gibt es nach wie vor Corona-Demos mit tausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die durch Friedrichshain ziehen und rufen: „Weg mit den Masken!“. (Ganz schön was passiert seitdem es hieß „Weg mit der Mauer!“). Es gibt nächtliche Corona Partys, bei denen weite Flächen dauerhaft verwüstet werden. Torstraße und Oranienstraße erinnern nach 22 Uhr an den Ballermann. Die Gesundheitssenatorin von der SPD macht sich unbeliebt, weil sie ein Alkoholverbot nach 23 Uhr fordert, Grüne und Linke halten das für nicht sinnvoll.

Ganz aktuell haben Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein eine Quarantäne für Reisende eingeführt, die aus den Bezirken Mitte, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg kommen. Wir könnten also zurzeit nur unter erschwerten Bedingungen unserer Kinder besuchen, wenn das überhaupt jemand nachprüfen würde. Vielen Dank auch! Es bleibt also spannend und wir gehen davon aus, dass wir noch lange mit dem Virus zu tun haben und dass wir alle Phasen noch einige Male durchlaufen werden.

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Antworten (1)

Bir
Wie immer wunderbar geschrieben und nicht nur in Berlin so - auch auf unser schönes Rheinland-Pfalz übertragbar. Seid herzlich umarmt in Berlin und "DURCHHALTEN".

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