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1001 Kirche - nein, diesmal nicht!

Wer erinnert sich an Subcomandante Marcos?

Ich erinnere mich, und das ist erstaunlich genug, denn der geheimnisvolle Mann mit dem Tuch vor dem Gesicht, der als Sprecher des Aufstands der indigenen Bevölkerung im mexikanischen Bundesstaat Chiapas berühmt wurde, kam 1994 in unsere Zeitungen und TV-Nachrichten. Er hat seine Arbeit gut gemacht, keine Frage. Heute, mit den Mitteln von Facebook, Instagram und YouTube, wäre sein Erfolg wohl noch größer. Aber auch so ist er mir im Gedächtnis geblieben: Vielleicht weil er so etwas wie eine Mischung aus Robin Hood und Zorro war, denn auch seine wahre Identität kannte man lange nicht.

Warum ich das erzähle? Wir haben drei Besichtigungspunkte in Chiapas auf dem Programm gehabt, das heute als befriedet und ungefährlich gilt. Letzteres stimmt unserer Erfahrung nach, aber der Widerstand der Zapatisten (der Bewegung von Subcomandante Marcos) aus den 1990-er Jahren ist keineswegs tot. Kein Wunder, die elenden Lebensbedingungen der Indigenen (in keinem anderen mexikanischen Bundesstaat ist ihre Anteil an der Bevölkerung höher als in Chiapas) sind ja auch nach wie vor vorhanden. So konnten wir zB in einem Dorf, das in unmittelbarer Nähe des Touristenmagnets Palenque liegt, auf einem handgemalten großen Schild lesen, dass wir uns gerade in zapatistischem Rebellengebiet befänden. Und einige Kilometer weiter tauchte vor uns plötzlich eine Art Straßensperre auf: bestehend aus einem Baumstamm, der eine Spur blockierte, plus einer Schnur, die über die Straße gespannt war und an einem Ende von einem Mann gehalten wurde, plus einem etwa 10-jährigen Buben, der mit einem Styroporbecher an unser Autofenster kam und "colaboración" einforderte. Was tun? Auf unseren hilflosen Hinweis, "No hablamos español", erbarmte sich das Kind und forderte 20 Pesos (also nicht einmal einen ganzen Euro). Nach Erbringung der Maut senkte sich die Schnur und wir durften weiter. Bescheidenere "Straßenräuber" kann man sich kaum vorstellen.

Ein bisschen von dieser Bescheidenheit hätte jenen Indigenen gut getan, die den Zugang nach Yaxchilán kontrollieren, einer nur per 40-minütiger Bootsfahrt über einen Fluss erreichbaren Maya-Stadt mitten im Dschungel. Ich hatte mich auf die Lacandonen gefreut, denen man nachsagt, sie seine heute das ursprünglichste - und daher auch ärmste - aller Maya-Völker. Viele von ihnen leben wirklich noch mitten Im Urwald, viele Kilometer von der nächsten Straße entfernt. Nicht so jene, die die Bootsfahrten nach Yaxchilán monopolistisch anbieten sowie die Hotels und Restaurants im nächstgelegenen Ort betreiben. Für die Bootsfahrt verlangen sie 55 Euro, was beim hiesigen Preisniveau (eine große Schüssel Guacamole mit Nachos kostet 1,40) schlicht Wucher ist - und Erpressung, denn was soll man machen, wenn man 2,5 Stunden auf einer schlechten Straße mit vielen Schlaglöchern extra hierher gefahren ist? Ich habe selten Menschen erlebt, die ihre Arbeit mit so viel offensichtlichem Widerwillen machen, wie die Kellner in unserem Hotelrestaurant. Nein, nicht alle Lacandonen sind so. Und ich konnte meine gutmenschliche Bereitschaft, etwas überhöhte Preise zu zahlen, um dieses Volk zu unterstützen, beim Besuch der großartigen Maya-Fresken in Bonampak ausleben. Auch dort wurden wir gezwungen, uns von ihnen zur Fundstätte transportieren zu lassen (diesmal mit dem Taxi), auch dort zu überhöhten Preisen (die Fahrt kostet doppelt so viel wie die Eintrittskarten) - aber egal, viel Geld war das noch immer nicht. Und Taxifahrer sowie Betreiber unserer dortigen Unterkunft waren liebenswürdig, freundlich und gut gelaunt.

Zum Abschluss noch wenige Worte zu den Maya-Stätten in Chiapas: Palenque, eine mittelgroße antike Stadt, von der unsere Reisebücher begeistert sind, fanden wir underwhelming, aber es gibt dort wirklich großartige Reliefplatten und Weihrauchgefäße im Museum. Ich darf an dieser Stelle auf meinen brilletragenden Lieblings-Mayaherrscher aus Copán in Honduras verweisen (die Skulptur ist ebenfalls Deckel eines Weihrauchgefäßes). Yaxchilán ist trotz der unsympathischen Indigenas einen Besuch wert, die Fahrt über den Fluss (der übrigens die Grenze zu Guatemala bildet) ist wunderschön und die einsame, recht große Fundstätte ein besonders friedlicher Platz; viele der schön skulptierten Türstürze, die dort typisch sind, kann man heute freilich in Mexiko City oder im British Museum bewundern. Das absolute Highlight ist aber Bonampak: Die Fresken aus dem 8. Jahrhundert sind großartig. Sie zeigen Prozessionen von Würdenträgern, Tänzern und Musikern, Schlachten und Frauen aus der Herrscherfamilie, wie sie im Rahmen von rituellen Handlungen ihre Zungen durchlöchern und Schnüre mit Knoten durch diese Löcher ziehen, um Blut zu sammeln. Dazu erzähle ich aber jetzt nichts mehr, ist eh zu lang geworden.

#mexiko#chiapas#zapatisten#palenque#yaxchilán

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