Thailands Könige und ihre Kriege
Besonders gern tauche ich in die Geschichte der bereisten Länder ein. So erkundete ich Anfang Februar 2026 in Ayutthaya Glanz und Untergang des Königreichs Siam.

Veröffentlicht: 22.06.2026
Von Ayutthaya bin ich mit dem Bus nach Lopburi gefahren, nochmals 70 km nördlich. Schon unter der Herrschaft der Khmer vom 9. bis 13. Jahrhundert n.Chr. spielte die Stadt eine wichtige Rolle und avancierte im 17. Jahrhundert sogar zur zweiten Hauptstadt neben Ayutthaya.
Direkt gegenüber dem Bahnhof beeindrucken mich die Ruinen des Tempels Phra Si Rattana Mahathat mit ihren imposanten Chedis oder Pagoden, die besonders nachts dank märchenhafter Beleuchtung eine magische Ausstrahlung besitzen. Am berühmtesten ist aber der Tempel Prang Sam Yot aus dem 11. Jahrhundert in der Altstadt. Er wird auch «Affentempel» genannt, weil angeblich Hunderte wilder Makaken sein Gelände bewohnen und Besucher belästigen.
Welch ein Frust! Auf dem Tempelgelände habe ich keinen einzigen Affen gesehen und in der ganzen Stadt nur zwei, die sich auf einem Bürfgersteig an einem aufgerissenen Müllsack gütlich taten.
Das eigentliche Zentrum der Stadt bildet der Palast von König Narai. Dieser regierte von 1656 bis 1688 und gilt als bedeutendster Herrscher von Ayutthaya. In Lopburi liess Narai 1665–1677 mit französischen Architekten einen prächtigen Palast bauen, den Phra Narai Ratchaniwet, dessen Ruinen durch ihre Mischung aus Thai-, Khmer- und europäischen Architekturstilen beeindrucken. In den Strassen rund um den Palast vermieten Läden traditionelle Trachten. Junge Thais spazieren in den prächtigen Kleidern durch die Palastruinen und filmen einander mit dem Handy.
Die heutige Dynastie seit 1782
Nachdem König Narais Armee Teile Birmas erobert hatte, schlug dieses, wie im vorherigen Blog über Ayutthaya beschrieben, zurück und brachte 1767 das Königreich Siam zu Fall. Doch der Erfolg war von kurzer Dauer: Der thailändische General Taksin befreite Siam innerhalb von zwei Jahren von der birmanischen Besetzung und liess in Thonburi an der Mündung des Chao Phraya gegenüber von Bangkok eine neue Hauptstadt bauen. Schon Ende 1767 hatte sich Taksin selbst zum König gekrönt. Doch 1782 wurde er wegen seines geistigen Verfalls gestürzt und hingerichtet.
Ein weiterer General, Chao Phraya Chakri, besetzte den Königsthron nach Taksins Sturz. Chakri verlegte die Hauptstadt ans andere Flussufer nach Bangkok. Er begründete die Dynastie, die noch heute an der Macht ist. Die Chakri-Könige nennen sich «Rama». Dieser Titel stammt aus der hinduistischen Mythologie und soll die gottähnliche Stellung des Monarchen unterstreichen: Rama gilt dort als Inkarnation des Gottes Vishnu.
König Vajiravudh (den vollen Namen erspare ich der geneigten Leserschaft) führte 1916 die Nummerierung ein. Er nannte sich selbst Rama VI.; die Vorgänger bekamen rückwirkend die Nummern eins bis fünf zugeteilt. Der heutige König Maha Vajiralongkorn ist Rama X.
«Nummer fünf» und «Nummer neun»
Das Verhältnis der Thais zu ihrem Königshaus, das durch drakonische Gesetze gegen Majestätsbeleidigung fast jeder öffentlichen Kritik enthoben wird, ist mir bis heute ein Rätsel. Tatsache ist, dass sich die Thais auf ihre Könige als «Nummer» berufen. Der gegenwärtige Herrscher ist also «Nummer zehn». Dabei gibt es aber zwei unbestrittene Lieblinge. In zahllosen Büros, Banken, Bars und buddhistischen Tempeln hängen vor allem Bilder von «Nummer fünf» und «Nummer neun».
Rama V., König Chulalongkorn, regierte von 1868 bis 1910 und trieb die Modernisierung des Königreichs voran, indem er Post, Eisenbahnen, Ministerien und westliche Bildung einführte und 1905 die Sklaverei abschaffte. Durch geschickte Diplomatie bewahrte er die Unabhängigkeit Thailands, während alle umliegenden Länder unter die Fuchtel von Grossbritannien oder Frankreich gerieten.
Rama IX., König Bhumibol Adulyadej, sass sogar während unvorstellbaren 70 Jahren auf dem Thron, vom Juni 1946 bis zu seinem Tod am 13. Oktober 2016. Seine Popularität beruht unter anderem auf seinem als vergleichsweise einfach eingeschätzten Lebensstil, seiner Nahbarkeit, die er auf zahlreichen Besuchen in der Provinz demonstrierte, und seinen Talenten als Jazzmusiker, Fotograf und Ingenieur. Während politischen Unruhen trug er jeweils zur Deeskalation bei. Inzwischen wird er von Thais «Bhumibol der Grosse» genannt.
Die Popularität hatte «Nummer neun» auch seiner Gattin, Königin Sirikit, zu verdanken. Diese wird genauso verehrt wie König Bhumibol selber. Sie verstarb im Oktober 2025 mit 93 Jahren. Doch bis heute hängen im ganzen Land überdimensionierte, mit Blumen oder Fahnen und schwarz-weissen Trauerbändern geschmückte Bilder von ihr.
