Am Brunnen vor dem Tore
Morgens halb sechs im Elsass. Wasser prasselt auf das Mistraldach, dicke Tropfen trommeln und bollern auf unsere mobile Bleibe und wecken mich aus süßen Träumen von Straßen, in...


Veröffentlicht: 16.06.2026




















Geschafft! Beinahe einen ganzen Tag lang schieben wir uns über holländische und belgische Autobahnen. Mit viel Stopp und wenig Go von einem Stau direkt in den nächsten, nachdem wir uns noch fix mit leckeren, süßen Snoepjes eingedeckt haben, mal wieder alle Mahnungen zu gesunder Ernährung in den Wind schlagend. Acht Stunden für nicht einmal vierhundert Kilometer.
Regen, Sturm und Kälte vertreiben uns aus Enschede, wo an diesem Wochenende der längste Flohmarkt Hollands stattfindet. Doch bei dem Wetter werden auf 3,5 Kilometern wohl keine 2400 Stände zur Schnäppchenjagd einladen.
Kurz vor Feierabend besorgen wir noch den ersehnten französischen Käse direkt an der Grenze und dann machen wir uns auf die Suche nach einem Platz für die Nacht. Das ist gar nicht so einfach, denn es hat uns zum ersten Mal auf unseren Reisen in das Nordfranzösische Kohlerevier, ein paar Kilometer südlich von Lille verschlagen.
Der Grund dafür ist, ihr werdet es ahnen, dass hier am Samstag jede Menge Vide Greniers abgehalten werden und der Wetterfrosch ein paar Wolken, aber keinen Regen vorherquakt.
Anders als auf deutschen Dorfflohmärkten, fängt hier der frühe Vogel den Wurm, weshalb uns der Wecker aus den Federn bimmelt. Wir suchen uns die größten der etwa fünfzwanzig Flohmärkte aus, die alle im Umkreis von wenigen Kilometern stattfinden.
Wir beginnen im Städtchen Grenay, haben aber die knapp fünfhundert Stände fix abgeklappert. Keine Schätze zu ergattern, außer einem Kilo süßer Kirschen. Könnten zwar noch ein bisschen Sonne vertragen, aber es sind die ersten des Jahres, da will man nicht mäkeln.
Weiter gehts nach Annequin. Keine zehn Kilometer, aber viele Kreisel und Stoppschilder entfernt. Die stehen an wirklich jeder Ecke und ausnahmslos alle halten an! Sogar die Radfahrer. Keine einzige Regelübertretung und das im widerwilligen Frankreich. Wir staunen und erreichen den kleinen Ort. Die Rue d'Église soll Schauplatz des Vergnügens sein.
Doch uns empfängt gähnende Leere. Kein Stand, kein Floh, kein Mensch. Die Straße liegt wie ausgestorben vor uns. Wahrscheinlich bereiten sich die Einheimischen schon auf das Wochenend-Dejeuner in Familie vor.
Ohnein-ohnein-ohnein! Hat mich das miese Flohmarkt-Karma des Frühjahres etwa wieder eingeholt?
Es kann mir schon mal passieren, dass ich die falsche Postleitzahl eingebe und wir statt in einem Dorf bei Hildesheim in einem Hundertseelenkaff südlich von Göttingen landen. Und in leeren Straßen.
Oder ich verwechsle das Datum und wir sind einen Monat zu früh zum Flohmarkt bei Peine angereist.
Panisch greife ich zu meinen Notizen und vergleiche diese noch einmal mit der einschlägigen Internetseite. Aber nein, Datum, Ort und Uhrzeit stimmen. Wir entdecken die Markierungen auf der Straße, doch die scheinen für einen anderen Tag vorgesehen zu sein.
Egal, wir haben ja noch mehr Dörfchen auf dem Zettel. Das nächste Ziel heißt Divion, schlappe 12 Kilometer entfernt. Wieder kreiseln wir und stoppen an ungezählten Schildern. Dann stehen wir in dem angegebenen Wohngebiet und staunen.
Eine einzelne Katze schlendert über die Straße und springt über die nächste Mauer. Sonst sehen wir nichts! Wie jetzt?
Ich konsultiere die Internetseite, die Straße ist richtig, Ort und Datum auch. Nur kein Vide grenier!
Meine Laune verschlechtert sich um ein paar Nuancen, aber Zappa lächelt und fragt nach der nächsten Adresse.
Also los, noch mal neun Kilometer nach Gonnehem. Klingt schön nach Flandern, oder?
Die Rue Principal liegt ausgestorben vor uns, nicht mal die örtliche Katze lässt sich blicken.
Ich hab keine Lust mehr. Zappa fährt noch nach Bruay-la-Buissière, wo wir erneut die typischen Markierungen auf der Straße entdecken. Und ein "Route barrée"-Schild mit dem Hinweis, dass am morgigen Sonntag die Durchfahrt für den Marchè aux puces gesperrt sein wird.
Keine Ahnung, welcher Spaßvogel sich einen komischen Sch'ti-Scherz erlaubt hat und keine Ahnung, wie viele Flohmärkte der falsch eingestellt hat.
Wir finden dann noch ein paar windzersauste Stände in Lillers, an denen erschöpfte Mütter die Reste der abgelegten pinken Kindermode langsam zusammenpacken, nachdem der Rosé vom Mittagessen in der doch noch durch die Wolken blinzelnden Sonne warm geworden ist.
Das Nordfranzösische Kohlerevier konnten wir auf diese Weise auf jeden Fall ein bisschen kennenlernen. Es besticht nicht unbedingt durch touristische Highlights, doch die Landschaft ist geprägt von den spitzen Kegeln ehemaliger Abraumhalden, die wie kleine Vulkane aus dem Boden gewachsen sind und zum Teil auch bestiegen werden können.
Die Gegend ist sehr eng besiedelt, ein Ort geht ohne Umweg in den nächsten über. Du bist schon überrascht, wenn zwischen den einzelnen Städtchen mal fünf Kilometer Strecke zurückzulegen sind.
Die Bergwerksgesellschaften ließen zu Zeiten der Spitzenförderung von Steinkohle zu Beginn des 20. Jahrhunderts Unmengen an Wohnhäusern für die Arbeiter und ihre Familien bauen, was das Bild der Gegend stark geprägt hat. Die Siedlungen ähneln sich zum Teil wie ein Ei dem anderen. Winzige rote, Backsteinhäuschen mit weißen Kalkfugen und einem kleinen Garten dahinter versprühen einen ganz eigenen Bergarbeiterstädtchen-Charme.
Wir finden am Kanal ein Plätzchen für unsere Siesta und bleiben dann auch über Nacht. Schließlich wissen wir sicher, dass in Bruay-la-Buissière morgen ein Flohmarkt stattfindet.
Und dann gehts weiter an den Atlantik und die singende Barbie für das streng geheime Projekt der Kollegin begleitet uns ab jetzt in den Sonnenuntergang.
