Veröffentlicht: 09.01.2026



























Morgens halb sechs im Elsass.
Wasser prasselt auf das Mistraldach, dicke Tropfen trommeln und bollern auf unsere mobile Bleibe und wecken mich aus süßen Träumen von Straßen, in denen Wein und Honig fließen. Es regnet. Mal wieder.
Es ist Sonntag und der Blick aus dem Fenster offenbart dick in Goretex eingehüllte Gestalten, Rollkoffer und Hackenporsche hinter sich herziehend, riesige Rucksäcke auf den zum Schutz vor Nässe gekrümmten Buckeln. Nein, auch heute handelt es sich nicht um die Invasion von Außerirdischen, die uns von verrückten Despoten befreien und die Weltherrschaft an sich reißen will.
Die Straßen des Städtchens sind für den jährlichen Flohmarkt gesperrt und da lässt sich kein Elsässer von ein paar läppischen Tröpfchen abhalten. Schon zur frühesten Morgenstunde sind Heerscharen unterwegs, in der Hoffnung auf das große Schnäppchen oder das kleine Glück.
Also wird es auch für uns Zeit, den Kaffee herunterzustürzen und uns den Jägern und Sammlern anzuschließen.
Doch schon seit Tagen machen die Wetterfrösche schlechte Stimmung und so verwundert es nicht, dass viele der gebuchten Standplätze unbesetzt bleiben. Wie es scheint, haben sich im Angesicht des Taifuns vor allem die privaten Krämer die Decke wieder über den Kopf gezogen, um die dicken Wolken an sich vorbei ziehen zu lassen.
Wir bummeln trotzdem durch die nassen Strassen, bewundern das bunte Fachwerk in den verträumt-romantischen Dörfchen und entdecken kleine Schätze.
Während der Weiterreise wird offenbar, dass trotz der ergiebigen Regengüsse unsere Wasservorräte zur Neige gehen. Eine Raststätte auf der Autobahn bietet eine gute Gelegenheit, die Kanister wieder zu befüllen. Also halten wir zwischen dicken Lastern nahe der Quelle. Der Held ist schon mit den Behältern unterwegs, während ich mich noch sortieren muss, ihm aber bald auf dem Fuße folge, um das kühle Nass im Wohnwagen aufzufüllen.
An einem runden Brunnen sind mehrere Hähne angeordnet und aus einem sprudelt es bereits in einen der Kanister. Ich nehme den zweiten und stelle ihn unter die Armatur.
Und suche den Knopf, den es zu drücken gilt, um den Quell fließen zu lassen.
Weder rechts noch links, weder drunter noch drüber, weder im Hahn noch sonst irgendwo rund um dieses technische Wunderwerk entdecke ich einen Mechanismus, der das Wasser zum Laufen bringt.
Verblüfft blicke ich zu Monsieur, der sich sichtlich und auch diebisch freut. Während er den Brunnen beschwörend umkreist, dabei seine magischen Hände abwechselnd zum Himmel erhebt oder wunderwirkend an das Konstrukt legt, plätschert es klar und kühl aus zwei der vier Sanitäranlagen. Kostbare Flüssigkeit füllt unsere Vorratsbehälter.
Ich versuche, es ihm gleich zu tun. Ohne Wirkung. Ich hebe die Hände, ich kreise mit den Fingern, ich winke mit den Armen, ich wippe mit den Füßen, ich hüpfe auf und ab, ich klopfe gegen die Edelstahlwände, ich schwinge mit den Hüften, ich schüttle meinen Kopf bis zum Headbang. Ich gerate in einen wilden Tanz rund um den Brunnen.
Nun werden zwei polnische Brummifahrer auf mich aufmerksam, kramen ihre Gitarren aus dem Gepäck und stimmen flotte Rhytmen an.
Mehreren rumänischen Kleinbussen entsteigt eine Delegation Erdbeererntehelfer, die einen folkloristischen Reigen um das kleine Wasserreservoir aufführen.
Der spanische LKW-Pilot holt die Kastagnetten und der Portugiese stimmt den Fado mit klingendem Bass an.
Aus dem bunten Hippie-Van werden Congas geladen und der rhythmische Beat geht auch nicht an den lettischen Wagenlenkern vorbei.
Der ganze Rastplatz feiert ein ausgelassenes Fest, die LKWs werden entladen und wir machen die Nacht zum Tag bis alle Vorräte verbraucht sind. Tomaten, Gurken, Paprika, frisches Obst, Käse und Salami, Wein und Orangensaft. Aufbackbaguettes liegen neben Steaks und Grillscheibletten auf heißen Lastermotoren und ein ungarisches Kesselgulasch verbreitet unwiderstehliche Düfte.
Nur das Wasser aus dem Hahn will für mich nicht fließen, doch wen kümmert das jetzt noch?
Ja, so hätte das sein können! Aber natürlich stimmt an der Geschichte nur, dass ich dem Quell kein einziges Tröpfchen entlocken kann.
Der Held amüsiert sich über meine verzweifelten Versuche und füllt ungeniert alle unsere Kanister.
Mir ist das bald zu blöd und beleidigt stapfe ich durch den wieder einsetzenden Regen zum trockenen Auto. Soll er doch zusehen, wie er ohne mich fertig wird!
Später weiht er mich dann doch noch in das Geheimnis ein: an der Konstruktion außen, unter dem Wasserbecken ist ein Knopf versteckt, der einfach gedrückt werden muss. Den ich aber nicht sehe, weil ich voller Bewunderung für den Helden und seine Magie bin und staune, wie er die Fluten in unsere Vorratsbehälter fließen lässt und dabei heimlich mit dem Knie, außerhalb meines Blickfeldes den Auslöser betätigt.
Wenn ihr also mal in eine Party auf einer französischen Autobahnraststätte geratet: der Wasserknopf ist unten!
Der Wettergott ist uns auf dieser Reise wirklich nicht wohl gesonnen. Immer wieder machen uns Regenschauer nass, verhageln Gewitterwolken Spaziergänge, überfluten Niederschläge Wanderwege, verhindern Sturzfluten Paddeltouren.
Umso wohliger fühlen wir uns im heimeligen Wohnwagen. Doch leider zerbröselt das Gefährt nach nur einem Jahr intensiven Gebrauchs an allen Ecken und Enden. Die Kühlschrankverkleidung löst sich in Wohlgefallen auf, die Schiene für den Lattenrost des Bettes zerbricht in der führenden Mitte, die Stromversorgung für die Wasserpumpe hat einen Wackelkontakt und funktioniert nur nach mehrmaligen Sprüngen im Caravan. Hier ist allerdings der Boden an einigen Stellen extrem weich, weshalb das Hüpfen nur sehr rücksichtsvoll vonstatten gehen darf.
Und in französischen Kommunen werden die Eselsrücken immer größer-höher-weiter. Unzählige, geschwindigkeitsreduzierende Hindernisse vereiteln das Rasen in den Ortschaften, nehmen aber zunehmend Dimensionen an, die ein sorgloses Überqueren, insbesondere mit Wohnwagen im Gepäck unmöglich machen. Diverse Kratzspuren im Beton zeugen vom häufigen Kontakt von Karosserie oder Anhängerkupplung zu schneller Fahrzeuge mit der alpinen Klippe.
Ohnein-ohnein-ohnein! Was soll nun werden aus dem gemütlichen Reisemobil? War das wirklich und wahrhaftig die aller-aller-allerletzte Tour mit Backofen, Dusche und Lattenrost? Ist das das endgültige Aus für cozy und hygge bei Ausflügen auch zur kalten Jahreszeit? Werden wir nie und nimmer mehr bei ungemütlichen Temperaturen und Wolkengüssen aus dem unvergleichlichen Panoramafenster schauen und glücklich auf besseres Wetter warten? Und hätten wir das Kaufangebot von Madame Filou in Gy doch annehmen sollen?
Ohnein-ohnein-ohnein!
