châteaugeschichten

Maus, Zappi, Bibas und der kleine Tiger auf Reisen - die Wild- und Minicamper!

Gefangen auf der Burg!

Ausgangsbeschränkungen, Reisewarnungen, Grenzschließungen – nicht nur die Nomaden unter uns müssen gerade mit vielen Einschränkungen leben. Da kann eine Erinnerung schon mal die Zeit versüßen, wie zum Beispiel diese hier:

Mit dem Mietwagen erkunden wir das andalusische Hinterland. Es gibt auch abseits der traditionellen Touristenpfade einiges zu entdecken, wilde Korkeichenwälder, unendlich scheinende Orangenplantagen, uralte Olivenhaine und kleine weiße Dörfer, die in keinem Reiseführer erwähnt werden.

Wir kommen an einem Bauernhof vorbei, auf dem ein riesiger Berg frisch geernteter Orangen liegt, eine schwarz gekleidete Señora sitzt dabei und begutachtet die Ausbeute. Zappa hält an und schickt mich los: kauf doch mal zwei von den leuchtenden Früchten! Ich gehe durch das weit ausladende Tor und die alte Dame begutachtet nun mich neugierig. Ich grüße freundlich und bitte um zwei naranjas. Sie schaut ungläubig auf den Berg vor sich und behauptet: dos kilos! Nein-nein, wir wollen ja nur mal probieren, zwei Früchte reichen vollkommen. Sie angelt zwei Apfelsinen aus der Menge, steckt sie mir zu und will für diese Lächerlichkeit kein Geld, es un regalo!

Freudestrahlend kehre ich zum Auto zurück, doch bevor wir die saftigen Geschenke genießen, wollen wir noch eine Burgruine im nächsten Ort erkunden. Sie liegt hoch über dem Dorf auf einem steilen, unbezwingbaren Felsen. Harte Granitwände haben die Festung vor langer Zeit vor böswilligen Angreifern geschützt, doch der Zahn der Zeit hat inzwischen ordentlich an den Mauern genagt und es ist nicht mehr viel vom stolzen Adelssitz übrig. 

Auf dem Gelände befindet sich eine kleine Kapelle und ein gepflegter Garten mit leuchtend-roten Cocktailtomaten, umgeben von einem dicken, fünf Meter hohen Steinwall. Außer uns hat sich hier niemand her verirrt, nur ein paar Maler werkeln in der Kapelle. Wir klettern in der Ruine herum, von der man einen atemberaubenden Blick über das Land hat, das weiße Dorf unter uns, die Berge in der Ferne und die Obst- und Olivenplantagen rundherum. Wir können uns gar nicht satt sehen und vergessen komplett die Zeit.

Dann läutet die Glocke der nahe gelegenen Dorfkirche, es ist schon Mittagszeit und ja, der Magen knurrt so langsam. Die frischen Orangen warten im Auto und etwas Brot, in der warmen Sonne findet sich sicher ein Picknickplätzchen für uns.

Wir klettern aus dem Turm der alten Burg und machen uns auf den Rückweg. Die Handwerker, die in der Kapelle rumort haben, sind nicht mehr zu sehen, auch sie haben sicher Siesta. Wir kommen bis zu dem Törchen, durch das wir in den Garten gelangt sind. Nur eigenartig, es lässt sich nicht öffnen. Da hilft kein Rütteln und kein Schütteln, kein Trick und kein Geklapper an der Klinke, die Tür ist verschlossen! Merkwürdig, wieso das denn? Also zurück durch den Garten – ich muss schon wieder an den leuchtend-roten Tomätchen vorbei – hier gibt es einen zweiten Eingang. Ein großes, mit Ornamenten verziertes Metalltor mit einem Schloss. Und auch das ist verschlossen!

Jetzt machen wir uns auf den Weg in die Kapelle, um nachzuschauen, ob sich hier noch jemand aufhält, der uns helfen kann, das Gelände zu verlassen. Doch die fleißigen artesanos genießen scheinbar irgendwo ihre wohlverdiente Mittagspause, es herrscht gähnende Leere, nur ein einsamer Pinsel liegt noch in der Ecke.

Von einer hohen Steinmauer umgeben, auf einem steilen, glatten, unwirtlichen Felsen, von der spanischen Außenwelt abgeschlossen und mit laut knurrenden Mägen sind wir zur Siestazeit eingesperrt. Und niemand kann so genau sagen, wie lange diese dauert und ob die Malerjungs heute überhaupt wieder kommen.

Zurück zur anderen Seite, durch den Garten, vorbei an den leuchtend-roten Tomaten inspizieren wir die festungsgleiche Mauer. Ich kann keine Fluchtmöglichkeit ausmachen, aber das plötzliche Aufleuchten in Zappas Augen: das muss man sich wie bei Wickie vorstellen, mit Blitzen und Sternchen, fehlt nur noch das Fingerschnipsen.

Er schleppt mich zurück zur Kapelle – durch den Garten mit den leuchtend-roten Früchtchen! Dort haben die Maler eine Leiter stehen gelassen, eine sehr hohe Leiter. Keine moderne, mitteleuropäische Aluleiter, sondern eine unglaublich schwere, mittelalterlich anmutende, aus Stahlrohren zusammengeschweißte, jedem deutschen Arbeitsschutz widersprechende Steighilfe mit gefährlich glatten Sprossen. Die schleppen wir nun zu zweit durch den Garten – vorbei an den leuchtend-roten Cocktailtomaten, von denen ich mir jetzt doch noch eine schnappe – zur Mauer ans andere Ende der Anlage.

Die Leiter hat die nötigen fünf Meter, ich kann jetzt auf die Mauer klettern und Zappa hinterher. Nun sitzen wir beide oben und schauen hinunter. Springen kommt nicht in Frage, das ist viel zu hoch, Knochenbrüche wären wohl die kleinsten Übel. Gut, dass wir beide schwindelfrei sind, deshalb können wir nun die Leiter mit vereinten Kräften zu uns hoch ziehen und auf die Außenseite der Mauer hieven und das, ohne dabei hinterher zu purzeln!

Geschafft! Jetzt ist es nur noch ein Kinderspiel, herunterzuklettern und in Freiheit zu gelangen. Auf der anderen Seite lehnen wir die Leiter an die Wand und hoffen, dass die Handwerker ihr Hilfsmittel in absehbarer Zeit wiederfinden und sich nicht zu sehr über dessen Wanderungsgeschichte wundern. 

Ich werfe noch einen letzten sehnsüchtigen Blick auf die leuchtend-roten Tomätchen, aber eine frische, sonnenorange Apfelsine ist ja auch nicht zu verachten.

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