Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett!
Regentropfen bollern, donnern, poltern auf das Wohnwagendach und wecken mich aus tiefsten Träumen von elsässischen Kreiseln, auf denen Nachts psychedelische Pilze in allen...


Veröffentlicht: 03.10.2025






































































Der Held ist krank.
Ein böses, dreistes, schamloses Virus hat sich als blinder Passagier und ungebetener Gast eingeschlichen und hinterhältig des Helden Immunsystem lahmgelegt.
Deshalb werde ich von einem krächzenden, keuchenden, aus den tiefsten Lungenspitzen bellenden Husten, gefolgt von mehreren intensiv geräuschvollen Niesern mit weit sprühenden, infektiösen Aerosolen aus Träumen von Straßen gerissen, in denen tiefroter Côte du Rhône und dunkelgrünes Olivenöl fließen.
Die Flucht vor dem großen Regen hat uns nach Nyons geführt. Wir fahren durch einige Trüffelhauptstädte, um im französischen Olivenzentrum in der Drôme einen typisch provenzalischen Wochenmarkt zu besuchen.
Der Wohnmobilstellplatz ist bei unserer spätabendlichen Ankunft bis auf den letzten Zentimeter belegt, doch wir finden noch eine Lücke für unser Vehikel am Rande des kostenlosen Parkplatzes.
Das Rangieren wird genau und misstrauisch vom holländischen Nachbarn beäugt. Nein, wir sind nicht das marodierende Park4Night-Pärchen und wir stellen uns auch so in Position, dass für alle ein Fluchtweg bleibt.
Die strahlende Morgensonne offenbart den ungetrübten Ausblick auf die städtische öffentliche Toilette, die schon in den frühen Stunden des Tages gut frequentiert ist.
Freunde berichten von französischen stillen Örtchen mit Fünf-Sterne-Bewertung, was mich dazu animiert, eigene Erfahrungen in dieser Reise-Kategorie zu sammeln.
Leuchtet das Lämpchen des Häuschens vis-à-vis grün, ist die Toilette frei. Der Innenraum ist komplett gefliest und gekachelt, schon etwas in die Jahre gekommen und der Klostein nicht mehr ganz frisch. Jetzt bin ich drin und draußen leuchtet das rote Lämpchen. Ist das Geschäft getätigt, verlässt man das Etablissement und die Tür fällt ins Schloß. Das gelbe Lichtlein blinkt. Nun wird der gesamte Innenraum mit Wasser geflutet und für die nächste Benutzung gereinigt.
Für die flotten Jungs gibt es nebenan eine Edelstahl-Pinkelrinne, schnell, effektiv, stets einsatzbereit. Und das alles kostenlos.
Allerdings gibt es von mir Punktabzug wegen des nicht mehr so blumigen Odeurs.
Nun aber los zum Wochenmarkt, der in Nyons auf mehrere kleine, liebliche Plätze und verschiedene romantische Strässchen verteilt ist.
Das Angebot ist überbordend. Es gibt die allseits beliebten bunten Markttaschen, die farbenfrohen Kittelschürzen, die warmen Winterpuschen. Es gibt Tomaten, Paprika, Gurken, Auberginen, Zucchini, Kartoffeln - Gemüse in Hülle und Fülle. Noch viel größer ist das Angebot an Obst der Saison in allen Farben, besonders schmackhaft sind die süßen, aromatischen Muskattrauben, die an jeder Ecke angeboten werden.
Zwei marokkanische Marktschreier bringen lauthals rufend ihr Grünzeug unter die Leute. Vor mir in der Reihe ist Madame etwas empört, weil auch sie von den Beiden gefragt wird, ob sie französisch spricht. Dabei sieht sie aus, wie direkt von der Champs-Élysée aus Paris, mehr Frankreich geht nicht. Doch das Gedränge der Touristen aus aller Welt ist groß, da kann man schon mal daneben liegen.
Uns legen sie noch ein paar Nektarinen und Äpfel zum sehr baldigen Verzehr in die Tüte, ich hätte auch lieber die schönen grünen Gurken wie Madame als Geschenk gehabt. Doch als der geschäftstüchtige Charmeur mich mit Mademoiselle anspricht, sind meine Wogen ganz schnell wieder geglättet.
Es gibt Knoblauchberge und Zwiebelpyramiden, Käse aus Rohmilch von der Kuh, vom Schaf, von der Ziege. Um die Ecke riechen wir den Fischhändler, am nächsten Tor gibt es frische Austern. Kräuter duften und luftgetrocknete Salami in allen Varianten werden feilgeboten. Und natürlich dürfen die Oliven nicht fehlen.
Doch seid auf der Hut: man hat uns in der französischen Olivenhauptstadt auch schon geschwärzte spanische Früchte als lokale Delikatesse untergejubelt. Aber heute passiert mir das nicht!
Leider gehört der einzige Sonnenplatz für den obligatorischen Café au lait nach dem Marktbummel zu einer winzigen Bäckerei. Die Croissants sind wahrscheinlich der Hammer, der Kaffee aber nicht. Der wird von Madame einer kleinen Padmaschine entlockt und schmeckt bestenfalls nach eingeschlafenen Füßen. Da verzieht sogar der Held die Miene und das, obwohl sein Geschmackssinn schnoddernasenbedingt gerade nur äußerst eingeschränkt funktioniert.
Er lässt sich aber auch kein bisschen pflegen! Weder meinen aromatischen, heilenden Superkräutertee aus handgepflückter Minze, Thymian und Rosmarin, noch den Wunderhustensaft aus der französischen Apotheke will er sich verabreichen lassen. Dicke Wollsocken, gesunde Salbeilutschpastillen, warmes Bier, heißer Glühwein, steifer Grog, wohltemperierte Umschläge, ein streng geheim überliefertes Knoblauch-Zwiebelgebräu - jeder noch so gute Wille wird leidend schniefend abgelehnt. Die dafür schon vorbereiteten Zutaten hält er für die Bestandteile der geplanten Soupe à l'oignon und verkocht sie umstandslos - zu einer umwerfend schmackhaften Mahlzeit, das muss ich zugeben.
Lediglich die Aspirinbrausebombe lässt er sich gefallen, damit dem Tag ein wenig Urlaubsstimmung entlockt werden kann und die provenzalische Atmosphäre nicht komplett in verquollenen Augen, verstopfter, tropfender Nase und schmerzhaften Hustenanfällen untergeht.
Ich verliere übrigens wieder einmal eine Wette, dass ich mich nicht mit dem Virus infiziere, weil ich mit Medikamenten jeglicher Art bis zum Stehkragen vollgestopft bin. Selbst die dickste Mücke trudelt nach einer Probe meines Blutes beseelt und benebelt der Reisespinne ins Netz, die sich ihrerseits auf eine friedliche Nacht mit bunten Träumen freut.
Nein, nach drei Tagen schmerzt auch mein Hals und die Nase tropft. Nun muss ich wieder zu Madame Pharmacie, um die Drogenvorräte aufzustocken. Sie kennt mich mittlerweile und legt die Megapackung schon bei meinem Eintritt auf den Tresen...
