Veröffentlicht: 08.09.2025
Nach den zwei Tagen Pause sollte es nun wieder mit Gepäck weitergehen. Die nächste Etappe hatte ich schon länger im Visier. Über die südwestlichen Seitentäler des Valle Stura reihen sich von Süd nach Nord drei Trails wie eine Perlenkette aneinander. Diese mit einer Übernachtung in den Bergen zu verbinden schwebte mir schon lange vor. Genau genommen seit ich vor fünf Jahren hier bei meiner großen Tour vorbeigekommen bin, und mir das da schon aufgefallen war. Jetzt ging‘s also endlich in die Umsetzung.
Also morgens noch kurz frühstücken und Proviant auffüllen beim lokalen Alimentari, und dann auf in den Sattel. Dank der militärischen Infrastruktur gestalteten sich die Aufstiege recht angenehm, das waren nämlich alles ehemalige Militärstraßen zu den Pässen hoch. Zwar schon auch recht steil und schottrig, aber immerhin gut und angenehm zu schieben. Das war schon beinahe ein gemütlicher Spaziergang mit Bike an der Hand. Zuerst kam der Passo Scolettas. Ein breiter Rücken mit Biwakhütte und selbstredend natürlich einer verfallenen Festungsanlage. Zuerst flowig, anschließend steil und teils ausgesetzt ging es ins Vallone di Pontebernado. Hier war ich gestern schon bei meiner Tagestour, und zu meiner großen Verwunderung akzeptierte das Rifugio heute auf einmal Kartenzahlung. Einkehr also möglich.
Angenehm war nun, dass ich auch den weiteren Aufstieg gestern schon gemacht hatte. Somit wusste ich genau, wo es Wasser gab für die Übernachtung und konnte es entspannt angehen lassen. In Kombination mit den gut zu gehenden Militärstrassen artete das jetzt schon beinahe in Genuss-Bikepacking aus.
Der zweite Pass war der Colle di Stau. Nochmal deutlich höher, und eigentlich wollte ich direkt oben übernachten. Aber da am nächsten Tag Gewitter angekündigt waren, dachte ich, ich fahr vielleicht doch besser ins nächste Seitental runter damit ich tags darauf zügig durchkomme. Als ich dann oben war, begann ich an der Entscheidung zu zweifeln. Die Fernblicke waren einfach grandios, und es gab einige richtig schöne und flache Zeltplätze. Naja, ausreichend Wasser hatte ich eh nicht dabei. Also stürzte ich mich in die Abfahrt.
Nun ja, war tatsächlich eher runterstürzen als abfahren. Es war so schottrig steil dass es mir bei den Versuchen auf dem Radel balancierend loszurollen einfach so das Vorderrad wegzog. So ging das ungefähr hundert Tiefenmeter. Als ich dann gerade wieder vielversprechendere Fahrversuche angehen wollte, fiel mir diese herbstlich grün-rot leuchtende Kuppe links neben mir auf. Ein kleine Oase inmitten der schroffen Bergriesen. Und fließend Wasser gab’s auch. Hier musste ich bleiben, das ging einfach nicht anders. Die Gewitter morgen werden sich schon ausreichend Zeit lassen.
Nach einer wunderbar klaren Nacht über den fluffig-flauschigen Nebelfeldern, die sich in die umliegenden Täler gelegt hatten, versuchte ich mich weiter an diesem unangenehmen Trail. Mit mäßigem Erfolg. Irgendwann erreichte ich dann Ferrere. Ein beinahe surreal schön in die Berge eingebetteter Weiler, der den Lauf der Zeit seit längerem komplett verpasst zu haben scheint. Von dort führte ein Fahrweg tief in das hinterste Tal vor Frankreich hinein bis zum Bassa di Colombart, dem letzten Pass meiner Etappe. Das Wetter hielt sogar besser als erwartet, und nachdem ich mich an den fantastischen Fernblicken satt gesehen hatte, nahm ich die letzte Abfahrt in Angriff, die mich wieder ins Valle Stura bringen sollte. Exzellenter Techflow bis ganz unten in Bersezio.
Auf dieses Dorf hatte ich mich schon richtig gefreut. Es sollte einen (relativ gut bestückten) Supermarkt geben, einen Campingplatz, eine Konditorei und mehrere Restaurants. Hörte sich nach einem wahren Schlaraffenland an. Die Realität war hingegen ziemlich ernüchternd. Der Supermarkt hatte natürlich ausgerechnet heute Ruhetag. Der Campingplatz war funktional, eine trostlose Kleinkolonie von Dauercampern mit einem kleinen Stück Wiese für mich mittendrin sowie rustikalen Sanitäranlagen. Und sonst nichts. Wenigstens waren die Inhaber sehr freundlich. Die nett wirkende Trattoria im Ortskern hatte abends nur am Wochenende auf. Die andere Alternative fürs Abendessen war ein dunkles Kabuff neben dem Parkplatz der Liftanlage für den winterlichen Skibetrieb. Und gegenüber zweier Skelette von halb verfallenen Hotelkomplexen. Dann gab’s noch die Konditorei. Die hatte tatsächlich offen, das Sortiment aber auf zwei Variationen trockener Kekse und Apfelstrudel beschränkt. Mmh. Alles nicht so wirklich der Hit. Aber immerhin gab es eine Grundversorgung. Und wahrscheinlich kann die auch nur aufrecht erhalten werden weil es dieses kleine, hässliche Skigebiet gibt. Das Nachbardorf Argentera war zwar schön anzusehen aber ohne jegliche Infrastruktur, und kaum bewohnt. Ein Großteil der Häuser waren sich selbst überlassen. Die relative Trostlosigkeit ist also wohl die Basis fürs Überleben.
