Chris holt mich um 14 Uhr ab und wir verlassen Tampere mit einem lachenden und einem weinenden Auge. So viel liegt hinter uns, viel ist auch geschafft. Nun geht es vorwärts. Die Woche hier schwebte vorher ein wenig über allem, nun liegt sie hinter uns und war lohnend. Wenn ich arbeite, im Kreis meiner Kollegen, im beruflichen, professionellen Kontext, bin ich auch Ich. Da bin ich wer und kann was und man hört mir zu und schätzt mich und mag mich und ich spüre, dass ich was kann. So wichtig ist das für mein Selbstwertgefühl. Das begreife ich in dieser Woche. Voller Power und Optimismus brausen wir über die Autobahn nach Helsinki, blicken neuen Abenteuern entgegen.

Gerade noch rechtzeitig kommen wir im Campingladen vor Helsinki an. Chris hat eine neue Abdeckscheibe fürs Waschbecken hierher bestellt. Sie passt und ich bin froh, dass man meine Fehler meist so leicht reparieren kann. Wir nehmen gleich noch ein paar Kissen aus dem Laden mit, die handle ich gut runter, ebenso wie ein paar Handtücher. Schnäppchenpreis.

Es ist Freitag und morgen haben wir den ganzen Tag in Helsinki, bevor wir am Sonntag die Fähre nach Deutschland besteigen.

Es dauert eine ziemlich lange Weile und kostet uns beide sehr viel Nerven, bis die Entscheidung, die nächsten beiden Nächte nicht auf einem Campingplatz in der Nähe der Fähre inmitten einer Hochhaussiedlung, sondern in einem Luxushotel mit großem Bad, Sauna und zentral gelegen zu verbringen. Gegen 22 Uhr abends checken wir mit 2 Beuteln bepackt müde für einen sehr guten Preis im Crowne Plaza Hotel von Helsinki ein. Das Zimmer ist wirklich genau mein Geschmack und ich genieße es so, endlich mal Platz und ein großes Bett und eine saubere Dusche und warme Füße zu haben. Wir schauen eine Doku über Finnlands Natur- und Tierwelt und ich schlafe sehr glücklich ein.

Helsinki ist schön! Nach einem ausgiebigen Frühstück vom üppigen leckeren Buffett spazieren wir los. Also erst ich und dann kommt Chris nach, wir treffen uns am Platz vor der Biennale und dem Bürgerhaus. Die Sonne scheint natürlich (wir haben einfach seit Wochen so viel Glück damit) und wir schlendern von Lädchen zu Lädchen. Es gibt viele Boutiquen, sehr viele sind Second Hand Geschäfte und uns gefällt die Stadt mit diesem Flair sehr gut. Stundenlang wandeln wir hier hindurch und trinken Kaffee und essen Tiramisu und kaufen ein paar schöne Dinge und haben ein paar nette Gespräche. Schließlich landen wir am Hafen und bewundern die historischen Bauten. Und stellen fest, dass uns die Füße weh tun vom vielen Laufen. Das sind wir gar nicht mehr gewohnt. Abendessen wollten wir in einem schönen Restaurant, aber leider müssen wir feststellen, dass am Samstagabend in Helsinki da nichts zu machen ist ohne Reservierung. Wir nehmen uns also ein Uber zurück zum Hotel und essen dort. Auch sehr lecker und gediegen. Und danach kann man so herrlich einfach ins Bett fallen. Und die Aussicht aus dem großen Fenster genießen.

Nun ist es also so weit. Nach 2 Monaten verlassen wir Skandinavien zu Wasser. Den Rückweg über Land haben wir schon im letzten Jahr gemacht auf unserer Baltikum Tour. Ein toller Trip: Estland, Lettland, Litauen und Polen hatten uns sehr, sehr gut gefallen. Hier an dieser Stelle noch einmal hindurchzufahren, wäre zu viel gewesen.

Wir haben so viel gesammelt und gesehen, erlebt und genossen. Sind so weit gefahren und haben an so vielen Orten gestanden. Skandinavien war eine hervorragende Wahl. Wir hatten Glück mit dem Wetter und den Stellplätzen und den Leuten, wenn es überhaupt welche gab. Es war ein Geschenk, dass wir hier sein durften und dieses Land mit all seinen Ländern und Farben aufnehmen. Erleben, durchfahren und mitnehmen. In all seinen Facetten. Die Berge Norwegens, die weiten Seen Schwedens, die bunten Wälder Finnlands.

Vor allem mit uns selbst haben wir uns während dieser Reise beschäftigt. Indirekt und sehr oft auch direkt. Uns besser kennen und lieben gelernt. Mehr Verständnis füreinander entwickelt und uns einen Traum erfüllt. Zeit, Raum, Freiheit. Für das, worauf wir Lust haben und für das, was uns beiden gleichsam Freude macht. Nicht nach außen, sondern nach innen schauen. Die Welt im Außen ist durchgedrungen zu uns. Wir haben ihren Klang gehört und ihn wieder gegeben und uns eingefügt in das Leben. Sind mitgeschwungen und haben unsererseits wieder Klang gegeben. Mal laut, mal leise. Wir haben uns zu Hause gefühlt und doch immer wieder Neues erlebt. Wir haben so sehr gestritten und gezankt um nichts und um alles und wir haben uns geliebt und wirklich erkannt und aneinander gezweifelt und einander verstanden. Alles durfte sein, alles musste sein. Alles war einfach. Alles war EINFACH. Wirklich miteinander leben, ohne zu viel Ablenkung. Wir haben uns dieses Geschenk gemacht und es wird bleiben.

Sicher wird es auch noch weiter in uns wirken und nachhallen und uns viel mitgeben für die kommenden Zeiten. Das Rauschen des Meeres, der Wind in den Bäumen, die Vögel im Wind, die leisen Wellen am Seeufer, das Stottern des Motors, die Geschichten des Hörbuchs, die Zeitungsartikel, die wir uns vorlesen, die Frage nach dem Schlaf in der vergangenen Nacht. Das Kuscheln und sich festhalten, das Weinen und den anderen aushalten. Die Campingstühle und der Tisch, das Abwaschen und das Toilette entleeren. Das Müsli am Morgen und die Nudeln am Abend. Die Sonne, der blaue Himmel, die Bäume und die Wiesen und der Sand und all die Farben und Formen. Die Stille und das Tosen. Ein Spiel der Gezeiten. Im Meer des Lebens. Wir sind darin geschwommen. Und haben uns und das Leben erkannt. 

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