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Zuletzt in Indonesien

«Schweizer» Bergstrasse auf der Insel Flores

Veröffentlicht: 23.08.2026

Unterkunft
Kopa HillTop Family Guest Home
Ruteng
Attraktion
Cancar Spinnennetz-Reisfelder
Cancar bei Ruteng, Indonesien
Attraktion
Ruteng Pu’u
Ruteng, Indonesien
Attraktion
Liang Bua
Ruteng, Indonesien
Attraktion
Pfarrkirche Sta. Maria Fatima
Cancar bei Ruteng, Indonesien
Essen
Cafe Agape
$ · Abendessen

Die Trans-Flores-Strasse nimmt es mit jeder schweizerischen Bergstrasse auf, nicht in der Höhendifferenz, aber bei der Anzahl und Enge der Kurven. Von Labuan Bajo im Westen bis Maumere im Osten, 550 Kilometer, fährt man fast permanent Schlangenlinien. Das wirkt sich natürlich auf die Fahr-zeit aus: Mit dem Bus müsste man 15 bis 16 Stunden rechnen. Nicht nur deshalb habe ich die Fahrt in drei Etappen unterteilt.

Am 28. Juli 2026 holt mich der Minibus fast pünktlich vor dem «D’Alvin Homestay» in Labuan Bajo ab. Es ist einer der bequemsten, mit denen ich je gefahren bin: Breite, weiche Ledersitze mit genug Beinraum erinnern an die Businessklasse im Flugzeug. Mein erstes Ziel ist die Stadt Ruteng rund 150 km östlich von Labuan Bajo.

Kurz nachdem wir Labuan Bajo verlassen haben, steigt die Strasse an. Die Kurven folgen den Konturen des Geländes. Die Strasse ist asphaltiert und generell in gutem Zustand, aber an manchen Stellen so schmal, dass sich Autos nur langsam und vorsichtig kreuzen.

Wir fahren durch feuchte, kühle Wälder – eine angenehme Abwechslung zum tropisch-heissen Klima im Komodo-Nationalpark. Dann öffnen sich Ebenen mit parzellierten Reisfeldern; an den Hängen sind Bananen, Ge-müse und Kaffee angepflanzt. Flores it stolz auf seinen Kaffee. In den ver-streuten Dörfern fahren wir an Holz-, Beton- und Backsteinhäuschen vor-bei mit rostigen Wellblechdächern, Satellitenschüsseln, hin und wieder ein paar Familiengräber im Garten.

Und immer wieder Kirchen; Flores ist eine der wenigen indonesischen Gebiete mit einer mehrheitlich katholischen Bevölkerung. In Cancar in der Nähe von Ruteng zum Beispiel die Pfarrkirche Sta. Maria Fatima, gebaut in einem wilden Stilgemisch mit Säulen, Spitzbogenfenstern, sechseckigen Turmaufsätzen, mit einer riesigen Jesus-Statue über dem Portal und darü-ber einer viel kleineren Figur seiner Mutter Maria.

Lateinische Männernamen

In Ruteng steige ich im Kopa HillTop Family Guest Home ab, einem fast neuen Privathaus; es liegt, wie der Name sagt, etwas erhöht über der Stadt. Adi, der Inhaber, mit vollem Namen Hadrianus Djedoma, 60 Jahre alt, war Banker in Jakarta und hat sich vorzeitig pensionieren lassen. (Viele Män-nernamen in Flores haben diese lateinische Endung auf -us: Petrus, Paulus, Marianus, Gustavus; auf einer indonesischen Insel klingt das mindestens ebenso pompös, wie es bei uns klingen würde.) Jetzt arbeitet Adi als Frei-williger für seine Pfarrgemeinde und erklärt mir, wie der Katholizismus auf die Insel gelangte.

Schon im 16. Jahrhundert begannen portugiesische Dominikaner mit der Missionierung im Osten von Flores und auf vorgelagerten Inseln. Zuvor waren hier Animismus und Ahnenkult gelebt worden, wobei nicht ein Hauptgott verehrt wurde, sondern die Geister der Ahnen und jene, die in der Natur herrschten. Tier- und Speisenopfer spielten bei ihrer Verehrung – und bei der Abwendung von Unheil – eine zentrale Rolle; es gibt auch Berichte von Menschenopfern in einigen Regionen der Insel.

Diese ist übrigens ethnisch und linguistisch divers: Auf gut 14.000 Quadratkilometern (ein Drittel der Fläche der Schweiz oder vergleichbar mit dem Bundesland Schleswig-Holstein) leben etwa zwei Millionen Menschen, die sich in fünf bis sechs Sprachregionen unterteilen lassen, in denen wiederum zahlreiche unterschiedliche Dialekte gesprochen werden.

Katholisches Schwerpunktland

Mitte des 19. Jahrhunderts übernahmen die Jesuiten einen grossen Teil der Missionsarbeit; auf Flores arbeiteten sie bis ins frühe 20. Jahrhundert. Ab 1913 lösten die Steyler Missionare, offiziell «Gesellschaft vom Göttlichen Wort», die Jesuiten sukessive ab. Die Gesellschaft vom Göttlichen Wort wurde vor gut 150 Jahren im niederländischen Ort Steyl an der deutschen Grenze vom deutschen Priester Arnold Janssen gegründet, der 2003 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen worden ist. Ruteng wurde zum Zentrum der Mission auf Flores.

Die Steyler Missionare sind heute in rund 80 Ländern tätig, doch Flores ist noch immer ein Schwerpunktland. So ist der Erzbischof des Erzbistums Ende, Paulus Budi Kleden, zwar ein Einheimischer. Aber vor seiner Ernennung zum Erzbischof 2024 war er sechs Jahre lang Generalsuperior der Steyler Missionare mit Sitz in Rom, das heisst das Oberhaupt des ge-samten Ordens mit knapp 6.000 Mitgliedern.

Wie wichtig der Katholizismus in Flores ist, das heisst mitten in einem grossmehrheitlich muslimischen Land, belegt auch die Zahl der Diözesen. Zur Kirchenprovinz Ende (Ende ist eine Stadt an der Südküste von Flores mit etwa 90.000 Einwohnern) gehören neben dem Erzbistum Ende nicht weniger als fünf Bistümer: Larantuka, Ruteng, Maumere, Labuan Bajo sowie, auf der hinduistisch geprägten Insel Bali, das Bistum Denpasar.

Die Wirkung der Missionare hält an: Auch in kleinen Dörfern stehen Kir-chen (ebenso, wie in muslimisch geprägten Gegenden überall kleine Moscheen zu finden sind). Kinder gehen in katholische Schulen, und reli-giöse Feste sind Fixpunkte im Jahr, wobei es keine Trennung zwischen katholischen und lokalen Bräuchen gibt, sondern sich diese miteinander vermengt haben.

Reis aus dem Spinnennetz

In der Nähe von Ruteng, bei Cancar, hat eine andere Tradition auf-sehenerregende Spuren in der Landschaft hinterlassen: Reisfelder sind so aufgeteilt, dass sie von weitem wie riesige Spinnennetze wirken. Das Land gehörte ursprünglich der Allgemeinheit und wurde vom Dorfältesten unter den Familien verteilt. 

Im Zentrum liegt der so genannte Lodok, wie mir Adi erklärt. Von diesem Punkt aus werden die Flächen radial aufgeteilt, das heisst in der Form von unterschiedlich grossen Kuchenstücken. Diese sind durch quer verlaufende Abtrennungen weiter unterteilt. «Die einzelnen Abschnitte entsprechen der Grösse der jeweiligen Familie, das heisst der Anzahl Söhne, und auch der sozialen Ordnung, sagt Adi. «Die spezielle Form ist kein Zeichen für eine besondere Art, Reis anzubauen. Es geht nur um Besitz und soziale Ordnung.»

Unten im Tal, hinter einem schroffen Bergabsturz, bezahlt man 10.000 Rupiah oder rund 50 Rappen bzw. Cents Eintritt, erklimmt eine lange Treppe und hat dann das Panorama dieser verrückten Ebene mit den Spinnennetzen vor einer Bergkulisse vor sich. Bei meinem Besuch sind die Flächen mit Wasser gefüllt und wirken wie symmetrisch zerbrochene Spiegel.

Das ist die Phase unmittelbar vor dem Einpflanzen der Setzlinge: Die Felder werden geflutet; dann werden sie gepflügt; auch nach der Be-pflanzung stehen sie noch unter Wasser. Dann ragen die Jungpflanzen aus dem Wasser, was optisch am meisten hergibt, denn die jungen Halme strahlen in einem unnachahmlichen, hellen, intensiven Grün. Dafür habe ich Cancar leider ein paar Tage zu früh besucht.

Kirche, Staat und Ethnie

Ruteng liegt auf etwa 1200 Metern Höhe, weshalb abends ein Pullover und lange Hosen zum Einsatz kommen, bevor ich mit Adis Motorrad hinunter in die Stadt fahre, um mich im «Cafe Agape» zu verköstigen. (Im Chris-tentum bedeutet «Agape» die göttliche, selbst- und bedingungslose Liebe, was im Zusammenhang mit einer Kneipe etwa übertrieben wirkt; aber sei’s drum: Das Essen war okay.)

Ruteng mit knapp 70.000 Einwohnern ist, wie gesagt, Bischofssitz und zu-gleich Verwaltungszentrum des Bezirks Manggarai, der nicht nur politisch, sondern auch ethnisch definiert wird. Kathedrale und Pafrrkirchen, Schu-len und Wohnviertel liegen dicht beieinander. Auf dem Markt erlebe ich einmal mehr, wie Hühner hier behandelt werden: Angeliefert werden sie in Lieferwagen, wie Ware zusammengepfercht, dann an den Beinen her-ausgeholt, geköpft, in Rupf-Maschinen der Federn entledigt und auf Holz-böcken mit Beilen in Stücke gehauen.

In einigen Dörfern der Umgebung sind noch Reste der traditionellen Manggarai-Kultur erhalten, zum Beispiel in Ruteng Pu’u. Im Dorf steht eine Handvoll renovierter, traditioneller Rundhäuser mit kegelförmigen Dächern. Sie säumen eine ummauerte zentrale Fläche, die einst als Ver-sammlungs- und Opferplatz diente. Man bekommt allerdings den Eindruck einer Inszenierung: Nachdem ich den Eintrittspreis von 25.000 Rupiah bezahlt habe, wird mir ein Sarong umgebunden, und ich werde in ein Haus geführt, wo ein Mann eine «Reinigungszeremonie» durchführt (und selbst-verständlich ein Trinkgeld erwartet).

Die Höhle der Hobbits

Eine andere Strasse führt von Ruteng zur Liang-Bua-Höhle. Hier wurde 2003 ein Fund gemacht, der Flores in die Oberliga der Paläoanthropologie katapultierte: das fast vollständige Skelett eines erwachsenen Menschen, der nur gut einen Meter gross war und vor rund 80.000 Jahren lebte.

Tatsächlich war der Homo floresiensis eine bisher unbekannte Spezies der Gattung Homo. Bald erhielt er den Spitznamen «Hobbit». Etwa zur selben Zeit feierte die Filmtrilogie «Der Herr der Ringe» grosse Kino-Erfolge, und darin kamen die kleinen, menschenähnlichen Wesen vor, mit denen Forscher ihre Entdeckung auf Flores verglichen. Vor rund 50.000 Jahren starb der Homo floresiensis aus.

Die Höhle von Liang Bua ist ein grosser Kalksteinraum, der im Hin-tergrund zunehmend dunkel wird. Im Boden unter Sedimentschichten lagen die Knochen und Werkzeuge der bis 2003 unbekannten Menschen-art. In einem kleinen Museum neben der Höhle ist ein Abguss eines Skeletts zu sehen, und die Geschichte der Ausgrabungen wird nacherzählt.

Ruteng erscheint auf Google Maps als kleine Provinzstadt verloren in der Mitte der langgezogenen Insel Flores, die ihrerseits nicht gerade im Mit-telpunkt des Universums liegt. Doch hier verbinden sich verschiedene Stränge verschiedener Geschichten, weshalb Ruteng mehr als die drei Tage wert gewesen wäre, die ich hier verbracht habe.

Auf einen Blick

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Dauer
3 Tage
KulturellAbseits der Pfade
  • Spinnennetz-Reisfelder bei Cancar
  • traditionelle Rundhäuser in Ruteng Pu’u
  • Liang-Bua-Höhle mit Homo-floresiensis-Fund
  • katholische Kirchen und Missionstradition auf Flores
Pulloverlange Hosen
KulturGeschichteArchitekturNaturStadt
  • Eintritt Cancar10.000 IDR
  • Eintritt Ruteng Pu’u25.000 IDR
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