Will Lombok Bali imitieren?
Ende Juli 2026 war ich eine Woche an der Südküste der Insel Lombok und stellte mir die Frage, ob hier dieselben Fehler gemacht werden wie einst auf der Nachbarinsel.

Veröffentlicht: 18.08.2026














Die Bar mit Terrasse heisst heisst tatsächlich «Hafenblick». Sie befindet sich an einer Strasse an erhöhter Lage in der Stadt Labuan Bajo. Im fuse-ligen Zwielicht der untergehenden Sonne sprenkeln Hunderte von Fischer-booten und etwas grössere Ausflugsschiffe das glitzernde Wasser unten im Hafenbecken. Ich bin am 24. Juli 2026 aus Lombok in Labuan Bajo ange-kommen, und der Ort hat mich sofort… Was ist das Gegenteil von «in-spiriert»? Also: Labuan Bajo hat mich sofort das Gegenteil von inspiriert.
Einst war es ein Fischerdorf an der äussersten Westspitze der indone-sischen Insel Flores. Der Name bedeutet «Ankerplatz der Bajo» und erin-nert daran, dass die Bucht während Jahrhunderten ein geschützter Hafen und Siedlungsplatz der Bajo war, einer weit verstreuten Ethnie von See-nomaden, die ursprünglich ausschliesslich auf ihren Schiffen lebten und sich später in diversen Küstenregionen Südostasiens niederliessen.
Rapides Wachstum
In den letzten 25 Jahren hat sich Labuan Bajo radikal verändert: Im Jahr 2000 zählte man in der Region noch rund 25.000 Menschen, erzählt Alvin, in dessen «D'Alvin Homestay» ich abgestiegen bin. Jetzt sind es 66.000 bis 68.000. Das rapide Wachstum ist einzig dem Tourismus zuzuschreiben. In der Flores-See sind zwar immer noch Fischer aktiv; ihren frischen Fang kann man abends in einigen Restaurants und Warungs, kleinen Garkü-chen, geniessen.
Doch gleichzeitig ist Labuan Bajo Brennpunkt einer rasch anschwellenden Tourismusindustrie: Von hier fährt man in den Komodo-Nationalpark mit seinen Stränden, felsigen Inseln und den berühmten Komodo-Waranen.
Diese werden werbewirksam auch «Komodo-Drachen» genannt, was auf eine frühe amerikanische Dramatisierung zurückzuführen ist, wie Dario, mein Guide auf der Insel Rinca, erklärt: Nachdem er 1926 eine For-schungsreise auf die Inseln geleitet hatte, publizierte der schwerreiche amerikanische Naturforscher William Douglas Burden (1898-1978) 1927 das populäre Buch «Dragon Lizards of Komodo», das die Tiere einem brei-ten Publikum bekannt machte.
Vorgefertigte Angebote
An der Sukarno-Strasse, der inoffiziellen Hauptstrasse des Ortes, die para-llel zum Ufer verläuft, reihen sich Restaurants, Cafés, Hotels, Banken, Supermärkte, Tauchbasen und Dutzende von Büros von Touranbietern, meist nur improvisierte Holzverschläge mit Wellblechdächern, unter denen ein Tisch mit zwei, drei Plastikstühlen steht.
Die Vielfalt der Anbieter ist nur eine Vorspiegelung. In Wirklichkeit bieten sie alle dieselben fünf, sechs vorfabrizierten Standardprodukte an: Eine halb- oder ganztägige Fahrt auf einem Boot, das vollgepfercht ist mit Touristen, am Mittag ein kalter Lunch aus einer Kartonbox. Der Komodo-Nationalpark umfasst 29 Inseln, aber fast alle Touristen landen an den-selben fünf, sechs Stränden und Buchten, wo sich die Ausflugsboote drän-geln und man in Gesellschaft von Hunderten weiteren Touristen schnor-chelt oder die Inselpfade begeht. Etwas exklusiver, dafür auch sauteuer, sind mehrtägige Kreuzfahrten auf etwas grösseren Schiffen.
Mich mitten im Touristenstrom wiederfinden will ich nicht. Und die ange-botenen Kreuzfahrten kommen schon deshalb nicht in Frage, weil meine Minimalanforderung an eine Unterkunft ein eigenes Zimmer, ein eigenes Klo und eine eigene Dusche ist. Für Massenunterkünfte mit Gemein-schafts-Nasszellen bin ich zu alt und zu anspruchsvoll.
Ein Boot für mich allein
Also habe ich ausnahmsweise mein Budget gesprengt und für einen Tag einen eigenen Kahn samt zweiköpfiger Crew plus Reisebegleiterin gebucht (die allerdings kein Wort Englisch spricht). Kostenpunkt zwei Millionen Rupiah oder knapp einhundert Franken bzw. rund einhundert Euro, das heisst etwa ein Drittel bis knapp die Hälfte mehr, als eine Fahrt mit der Masse gekostet hätte.
Der Hafen ist das Zentrum von Labuan Bajo, und beim Versuch, ihn auf-zuwerten, hat man unter anderem einen massiven Aussichtsturm hin-gestellt, dessen oberste Stockwerke verglast sind. Ich betrete das blau ge-strichene, an der Hafenmole vertäute Holzboot über eine prekäre Treppe, und bald tuckern wir los; der Dieselmotor stampft im langsamen, ein-schläfernden Rhythmus.
Vorbei an Fischkuttern, Ausflugsbooten und den etwas grösseren, oft zweistöckigen Pinisi fahren wir hinaus aufs Meer. Pinisi sind traditionelle Segelschiffe aus Sulawesi, mit denen Kreuzfahrten durchgeführt werden. Dide Schiffe haben zwar ihre Segel gerafft, aber in Wirklichkeit werden sie von Motoren angetrieben.
Bald verschwinden die Silhouette von Labuan Bajo und die Küste von Flo-res im diesigen Hintergrund. Die Route führt südwestwärts in die Sawusee, vorbei an kleineren Inseln, bei denen sich bereits erste Touristenboote zu-sammenrotten.
Nach etwa zwei Stunden taucht die Insel Rinca auf, die ich als Alternative zur überlaufenen Insel Komodo gewählt habe. Ein kleiner Leuchtturm mar-kiert die Spitze; ein Seeadler zieht seine Bahnen. Rinca, eine hügelige Insel mit trockenem Grasland und vereinzelten Bäumen, ist etwa 200 Quadrat-kilometer gross, vergleichbar mit Elba oder Malta, aber mit knapp 2000 Einwohnern in zwei Dörfern sehr dünn besiedelt.
Dino stammt aus einem dieser Dörfer. Der offizielle Guide (im Buchungs-preis bereits enthalten, ebenso wie der Eintritt in den Nationalpark) ist auf der Insel aufgewachsen. Aber natürlich sind wir nicht wegen der Menschen gekommen, sondern wegen der «Drachen».
Von ihnen leben laut Dino noch schätzungsweise 3000 bis 5000 in freier Wildbahn, je knapp die Hälfte auf den Inseln Rinca und Komodo, wo sie durch das Nationalpark-Regime geschützt sind, und ein paar hundert in einigen verstreuten Gebieten an der Nordküste der Insel Flores, wo sie stärker gefährdet sind.
Vom Steg, wo unser Boot angelandet ist, und dem Empfangshäuschen, wo Dino auf uns gewartet hat, gehen wir über einen langen Holzsteg zum Be-sucherzentrum. Dahinter fängt die Wildnis an, und fast sofort läuft uns der erste Waran, ein stattliches Männchen, gemächlich über den Weg. Später werden wir weitere Exemplare dieses urtümlichen Wesens sichten. Dank Fossilienfunden in Australien lässt sich der Komodowaran laut Dino min-destens 3,8 Millionen Jahren zurückverfolgen; auf Flores ist er seit mehr als einer Million Jahren ebenfalls dank Fossilien nachweisbar.
Die Insel Rinca ist kein Zoo, und man soll einen Abstand von mindestens zehn Metern zu den Waranen einhalten, warnen Tafeln im Besucher-zentrum. Nicht nur die messerscharfen Zähne des Warans fordern Respekt; er besitzt auch Giftdrüsen im Unterkiefer. Wenn er zubeisst und grosse Wunden in sein Opfer reisst, gelangt das Gift ins Blut; es fördert die Blu-tung, verhindert die Blutgerinnung, senkt den Blutdruck, verursacht Schmerzen, Muskelkrämpfe und Lähmung.
Mr X starb an seiner Gier
In einem Tümpel treffen wir einen Wasserbüffel. Auch Büffel gehören zum Speiseplan der Warane. Weil Büffel ein starkes Immunsystem haben, erläutert Dino, geht es oft mehrere Tage, bis das Warangift wirkt. Die «Dra-chen» warten geduldig, bis der Büffel erlahmt, und schlagen erst dann zu.
Warane fressen nur etwa einmal pro Monat, verschlingen dann aber bis zur Hälfte ihres eigenen Körpergewichts. Diese Unmässigkeit wurde «Mr X» zum Verhängnis. Sein Skelett ist in einem kleinen Museum beim Besucherzentrum neben jenem von «Jessica» ausgestellt, einem jungen Weibchen. Mr X verschlang einen Büffel mit derartiger Gier, dass ein Büffelhorn in seinem Hals stecken blieb und er erstickte.
Im Museum erfahren wir auch, dass mehrere Insel-Guides von Waranan attackiert wurden. Alle überlebten, wenn auch teilweise schwer verletzt und mit langer Rehabilitation. Wichtig ist laut Dino, dass man sofort in ein Spi-tal geflogen und mit Antibiotika behandelt wird, und dass die Wunden professionell versorgt werden.
Und noch etwas: Warane können Verwesungsgeruch noch in zehn Kilo-metern Entfernung riechen. Damit die Tiere nicht die Toten ausgraben, decken die Menschen auf den Inseln seit alters her ihre Gräber mit Stein-platten ab oder neuerdings mit Beton.
Ein rosafarbener Strand
Zurück an Bord, Fahrt Richtung Pink Beach. Die See wird ruhiger, das Wasser heller. Nach etwa einer Stunde erscheint ein schmaler Sandstreifen am Horizont. Das Boot ankert im seichten Wasser; man watet hinüber zum flachen Strand. Dieser ist rosa gefärbt, weil sich hier zerriebene Korallen mit dem weissen Sand mischen, was irgendwie chemisch wirkt, obwohl es von der Natur geschaffen worden ist. Doch eine Fotografie vom Strand oh-ne Menschenmassen ist fast unmöglich; wir warten lange, bis die Tou-ristenboote weg sind.
Dann fahren wir weiter zur Insel Kelor, näher an Labuan Bajo. Das Boot legt in einer kleinen Bucht an. Über einen steilen Pfad erklimme ich schnaufend und schwitzend einen Hügel; oben werde ich durch einen Pa-noramablick über die Floressee, auf benachbarte Inseln und das offene Meer entschädigt. Die Sonne steht tiefer, das Licht wird weicher, doch der Eindruck wird nur in meiner Erinnerung bleiben; fotografisch verewigen kann ich ihn nicht; der Akku meines Handys ist leer. Touristenpech!
Nach einer weiteren knappen Stunde taucht Labuan Bajo am Horizont auf. Ich gehe von Bord und mische mich in der Suharto-Strasse doch noch un-ter die Touristen.
