Befreiung
Zwischenstopp in Singapur zwischen Zürich und Hanoi.

Veröffentlicht: 26.04.2026
«Steckst du in der Midlife-Crisis», wollte ein lieber Bekannter wissen. Schön wäre es: Ich müsste dann, über den Daumen gepeilt, mehr als 140 Jahre alt werden, was, bei allem Optimismus, eher unwahrscheinlich erscheint. Der Grund für die ironisch gemeinte Frage waren meine Reisepläne, die ich im Bekannten- und Familienkreis allmählich durchsickern liess: Ich wollte verreisen, aber richtig. Obwohl theoretisch seit fast sieben Jahren pensioniert, hatte ich voll weiter gearbeitet und steckte im alten Arbeitstrott. Aus diesem wollte ich endlich ausbrechen, und das konnte ich nicht, wenn ich in der Schweiz blieb.
Zum Aufbruch gehörte das Abwerfen von Ballast. Wofür braucht der allein lebende Mensch eine 80-Quadratmeter-Wohnung, 4500 Bücher, zwei Tische mit elf Stühlen, zwei Sofas, ein Dutzend Massanzüge, die er kaum mehr trägt, unzählige, wirklich unzählige Hemden und dazu schätzungsweise einhundert Krawatten, die er nie mehr umbindet? Die Antwort: Er braucht sie nicht. Hingegen lasten sie auf seinem Buckel wie ein übergewichtiger Rucksack, den er nicht abwerfen kann.
Konsequenter Entscheid
Die Lösung fiel schliesslich konsequent aus: Die Wohnung in einem schönen, langweiligen Quartier der Schweizer Hauptstadt Bern wurde gekündigt. Die Töchter, Freundinnen und Freunde konnten alles mitnehmen, was sie begehrten: Möbel, Bilder, Bücher. Der Weinkeller wurde verkauft. Was übrigblieb und keinen emotionalen Wert hatte, wurde entsorgt. Ein kleiner Rest, die wichtigsten Bücher, Bilder, Fotoalben und Kleider, sind jetzt im Depot. Der erste Befreiungsschlag ist gelungen.
Nach und nach verabschiedeten sich die Freundinnen und Freunde. Einige waren besorgt, dass ein alter Knacker wie ich sich in ein solches Abenteuer stürzt. «Da unten ist die medizinische Versorgung nicht so gut wie bei uns.» Weiss ich natürlich. Ich habe entsprechende Versicherungen abgeschlossen, aber ich bin mir meiner Sterblichkeit bewusst; in meinem Alter kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Andere waren neidisch, weil sie entweder noch in Arbeitsprozesse eingespannt sind oder sich, falls schon im Pensionsalter, nicht getrauen. Und dann gab es auch die, die den Entscheid schlicht irrwitzig fanden.
