Von Insel zu Insel im Golf von Thailand
Im April 2025 fühlte ich mich reif für die Insel und besuchte gleich drei im Golf von Thailand, unter ihnen Koh Samui, das einen ziemlich üblen Ruf geniesst. Zu recht?

Veröffentlicht: 14.05.2026

















Am 28. April 2025, meinem 72. Geburtstag, flog ich von Koh Samui mit Zwischenstopp in Phuket nach Kuala Lumpur und stieg im Hotel «Swiss-Garden» im Ausgehviertel Bukit Bintang ab, das zwar mit 44 Euro pro Nacht etwas ausserhalb meines Budgets lag, aber das ich mir, sozusagen als Geburtstaggeschenk, ausnahmsweise gönnte. (Inzwischen ist das grosse Hotel zu einem «Grand Mercure» umfunktioniert worden und bewegt sich definitv ausserhalb meines Finanzrahmens.)
Abends schlenderte ich durch die Jalan Alor, die bekannte Fress‑Strasse in Bukit Bintang, die sich ab etwa 17 Uhr in eine dicht besetzte, verkehrsfreie Garküchen‑ und Restaurantmeile verwandelt und Heerscharen von Hungrigen anlockt.
Danach gönnte ich mir an der Changkat Bukit Bintang, der Bar-Strasse, die an die Jalan Alor angrenzt, eine ausgedehnte Versorgung mit geistigen Getränken. Dass ein aufmerksamer Barman, dem ich offensichtlich von meinem Geburtstag erzählt hatte, flugs einen Teller mit schokoladigen guten Wünschen dekorieren liess und mit einem Stück Kuchen samt Kerze servierte, vermochte mich fast ein wenig zu rühren.
Drittgrösste Insel der Welt
Zwei Tage später flog ich nach Kuching, der Hauptstadt der malaysischen Provinz Sarawak auf Borneao. Wie riesig Borneo ist, die mit rund 752.000 km² drittgrösste Insel der Welt nach Grönland und Neuguinea, soll ein Vergleich illustrieren: Grossbritannien, die grösste europäische Insel, fände in Borneo mehr als dreimal Platz, und ganz Deutschland mehr als zweimal.
Knapp drei Viertel Borneos gehören als ehemalige holländische Kolonien zu Indonesien – das ich für eine spätere Reise vorgesehen habe –, ein gutes Viertel zu Malaysia; weniger als ein Prozent bildet das steinreiche Sultanat Brunei.
Die zwei Provinzen im Norden der Insel, Sarawak und Sabah, sind seit 1963 Teil der malaysischen Föderation. Doch trotz Anschluss an Malaysia haben sie eine gewisse Autonomie bewahrt. Wer nach Kuching reist,wird schon vor der Landung über Bordlautsprecher darauf aufmerksam gemacht, dass sich alle, auch malaysische Staatsbürger, einer Passkontrolle zu unterziehen hätten. Bei der Einreise gibt es einen Stempel in den Pass mit einer «Aufenthaltsgenehmigung für Sarawak/Malaysia», die drei Monate gültig ist.
Britische Fürsten
Einst gehörten Sarawak und Sabah zum Sultanat Brunei. Dieses kontrollierte in seiner Blütezeit im 15. und 16. Jahrhundert die Küstenregionen von Nord-Borneo sowie Teile des heutigen Indonesiens und der Philippinen. Und hier beginnt die kuriose Kolonialgeschichte von Sarawak, das nämlich von 1841 bis 1946 von einem britischen Fürstenhaus regiert wurde, den so genannten Weissen Rajahs. (ja, es stimmt: Ich liebe historische Exkurse, obwohl ich es leider versäumt habe, in meiner Jugend Geschichte zu studieren.)
Die Historie der Weissen Rajahs wird im Museum im Fort Margherita in Kuching plastisch erzählt. Das Fort wurde 1879 im Stil eines englischen Schlosses von Charles Anthoni Johnson Brooke (1829-1917), dem zweiten Rajah, erbaut und nach seiner Frau benannt.
Der Gründer des Fürstentums, der Brite James Brooke (1803-1868), Onkel von Charles, wurde in Indien geboren und trat als Vierzehnjähriger in die Armee der Ostindien-Kompanie ein. Von seinem Vater erbte er 30.000 Pfund Sterling (nach heutiger Kaufkraft fünfeinhalb bis sechs Millionen Euro). Mit dem Geld legte er sich 1836 ein bewaffnetes Segelschiff namens «The Royalist» zu und machte sich auf eine Welt-Umsegelung.
Geräucherte Köpfe
In Borneo kämpfte Omar Ali Saifuddin II, der 24. Sultan von Brunei, derweil um sein bereits geschrumpftes Reich. Unter anderem versuchten seine Truppen vergeblich, einen Aufstand der Bidayuh niederzuschlagen. Die kriegerischen Bidayuh pflegten wie andere indigene Völker Borneos die Kopfjagd. Die Kopfjäger lauerten ihren Opfern auf oder griffen Dörfer mit Pfeil und Bogen, Macheten oder Blasrohren mit vergifteten Pfeilen an, oft bei Stammeskriegen. Der Kopf des Opfers wurde abgetrennt, gereinigt, dann geräuchert oder getrocknet und ausgestellt. Das rituelle Erbeuten von Schädeln getöteter Feinde wurde erst unter der Herrschaft der Brookes abgeschafft.
Im Sarawak Cultural Village, einer Art Borneo-Ballenberg auf einer Halbinsel 35 km nördlich von Kuching werden Besucher nicht nur über Kopfjäger informiert, sondern auch über das frühere Alltagsleben. Hier sind originale Langhäuser zu besichtigen, die traditionellen Behausungen indigener Völker auf Borneo.
Die Häuser sind aus Holz und Bambus gebaut, stehen auf Stelzen, können bis mehr als 100 Meter lang sein und bis zu 50 Familien beherbergen. Ein gemeinsam genutzter Korridor erstreckt sich über die gesamte Länge; auf der anderen Seite sind die Privaträume der Familien aufgereiht. Im Langhaus herrschen enge soziale Bindungen; gemeinsam wird gekocht, gearbeitet und gefeiert.
Zurück zu James Brooke: Der kam dem bedrängten Sultan von Brunei zu Hilfe und konnte den Aufstand unblutig beenden, indem er den Rebellen die Feuerkraft seines Schiffes vorführte. Der Sultan war dermassen erleichtert, dass er James Brooke im September 1841 als Fürst über Sarawak einsetzte. Die USA anerkannten das Fürstentum Sarawak 1850 diplomatisch; Grossbritannien folgte erst 1864.
Sarawak ist heute ein demokratisches Staatswesen. Das Parlament ist in einem modernen Parlamentsgebäude, dem Dewan Undangan Negeri Sarawak, untergebracht, das mit seiner goldenen Kuppel selbstbewusst zwischen dem Fort Margherita und dem Astana thront, dem einstigen Regierungssitz der Weissen Rajahs.
Die Dynastie der Brooke, obwohl sie bis fast zuletzt als absolutistische Fürsten herrschten, hat bis heute einen erstaunlich guten Ruf. James Brooke und seine Nachfolger schafften die Sklaverei ab, führten ein Rechtssystem nach westlichem Vorbild ein und modernisierten die Infrastruktur. Erst 1946, nach Befreiung von japanischer Besetzung, zwangen die Briten den letzten Rajah, Vyner Brooke, zur Abdankung und übernahmen Sarawak als Kronkolonie.
Attraktive Grossstädte
Kuching mit mehr als 600.000 Einwohnern ist eine äusserst lebendige Grosstadt. Abends an der Waterfront am Sarawak-Fluss oder in den kolonialen Altstadtgassen zu lustwandeln, durch die Märkte zu streifen, die Strassenkunst zu bewundern und sich in kleinen Bars, Cafés und Restaurants bewirten zu lassen, ist eine wunderbar entspannende Erfahrung.
Von einem Flussschiff aus lässt sich die Stadt aus einer anderen Perspektive betrachten, und abends wird sie in den orgiastischen Farben des Sonnenuntergangs zur romantischen Kulisse. Religiöse Bauwerke wie die St.-Josef-Kathedrale, Sitz eines Erzbischofs, der Tua Pek Kong Tempel und die prächtige Schwimmende Moschee zeugen von der weltoffenen, multireligiösen Atmosphäre, die in Kuching herrscht.
Borneos berühmteste Bewohner sind die Orang-Utans, was übersetzt «Waldmenschen» heisst. Auf Borneo leben noch geschätzte 100.000 in freier Wildbahn; auf Sumatra sind es noch etwa 13.000 bis 15.000. Doch die Population der grossen Menschenaffen ist seit 1999 um mehr als die Hälfte geschrumpft. Erstens werden sie noch immer illegal gejagt, und zweitens geht nach und nach ihr Lebensraum verloren, weil Regenwälder abgeholzt und durch Öl- und Kokospalmen-Plantagen ersetzt werden.
Indonesien mit 57% und Malaysia mit 25% Anteil am Weltmarkt sind mit Abstand die grössten Palmöl-Produzenten. Indonesische Gesetze verbieten zwar deren Abholzung, aber trotzdem wurden seit 2000 etwa zehn Millionen Hektar unberührter Tropenwälder gerodet – meist ungestraft.
Besuch bei Waldmenschen
Natürlich kann man auf tagelangen Urwald-Trekkings versuchen, die scheuen «Waldmenschen» in der Natur zu Gesicht zu bekommen. Bequemer ist es, von Kuching aus zum Semenggoh Wildlife Center zu fahren. Dort, auf einem 650 Hektar grossen naturnahen Gelände, werden Dutzende Arten von gefährdeten Säugetieren, Vögeln und Reptilien gepflegt. Berühmt geworden ist das Zentrum dadurch, dass es befreite Orang-Utans und elternlose Jungtiere an ein Leben in der Wildnis gewöhnt.
Aufgeregt warten wir auf den Moment der Fütterung, die täglich um neun und um 15 Uhr stattfindet. Auf Plattformen legen die Ranger Früchte, Zuckerrohr und hartgekochte Eier aus. Und tatsächlich. Aus den Baumwipfeln turnt ein prächtiges Exemplar heran, schnappt sich etwas Futter und verschwindet wieder im dichten Grün; es folgt ein zweites und ein drittes Tier.
Man kann versuchen, den Orang-Utans nachzustellen, denn sie leben frei auf dem Gelände und kommen nur zur Fütterung, wenn sie in der Natur nichts zu fressen gefunden haben. Uns gelingt es nicht, weitere Tiere zu sehen, aber andere Besucher berichten von sehr nahen Begegnungen, darunter auch mit Jungtieren und dominanten Männchen mit imposanten Backenwülsten.
Für Besucher gibt klare Regelungen, um die Tiere nicht zu stören und nicht zu sehr an die Menschen zu gewöhnen. Und trotzdem beschleicht einen so etwas wie Wehmut: Wenn die Entwicklung weitergeht wie bisher, ist gut möglich, dass es in einigen Jahrzehnten keine freien «Waldmenschen» mehr geben wird.
