Was antikommunistische "Russen" in Südostasien mit Hawaii zu tun haben
Es ist komplex und ja, auch das ist DP-Geschichte.

Veröffentlicht: 26.01.2026










Unlängst hörte ich von verschiedenen Seiten, dass meine Rastlosigkeit auffalle und diese scheinbar zunehme. Ich hörte heraus, dass sich einige Sorgen machen um meine Energiereserven und meine inneren Batterien. Ich versicher(t)e, dass es mir mehr als gut geht – stehen blieb ich trotzdem. Nicht mein Körper, nicht mein Geist, sondern das von mir gemietete Auto.
Das letzte Mal, dass ich beziehungsweise mein Auto einen Anschubser brauchte, ist ganze 18 Jahre her; damals drei Flugstunden weiter östlich in Neuseeland. Ich erinnere mich noch sehr gut. Damals bin ich tausend Tode gestorben; dachte, dass meine ganzen Ersparnisse (damals dann in Form dieses Autos) nun futsch seien. Ich stand auf einem Parkplatz, irgendwo in einer Kleinstadt auf der Nordinsel. Ich glaube, ich trug einen Pullover und eine rosa Regenjacke. Die Stimmung war angespannt, in meiner Erinnerung war es kühl und nass. Mein Ausblick heute war dahingegen phänomenal – zwar war ich wieder auf einem Parkplatz, diesmal aber mit Blick aufs offene Meer; Blick auf eine schöne Bucht, Wellen, Gischt; dazu Sonne, beste Temperaturen, warmer Wind. Was auch immer ich gemacht habe, der Leihwagen mit mir am Pat Morton Lookout, südlich von Byron Bay, sprang nicht mehr an. Nach kurzer Verwirrung und Nachdenken, was ich jetzt tun sollte, lief ich auf dem Parkplatz umher. Würde es nicht ewig dauern bis jemand von der Leihwagenfirma käme…? Mh…
Nach kurzer Zeit sprach mich eine Surferin an, die mit ihrer Freundin im Van saß und das Meer bestaunte. Sie, braun gebrannt und zierlich, mit blonden, salzwassergebleichten Haaren fand ein paar aufmunternde Worte und half mir das Problem (Batterie), aber noch viel mehr die richtigen englischen Worte zu finden: was ich eigentlich brauchte waren jumper leads, Starthilfekabel. Sie schickte gleich hinterher, dass ich mir mal keine Sorgen machen sollte, hier seien so viele Surfer und andere mit Land Rover, großen Autos und solchen mit Allradantrieb, jemand würde bestimmt etwas Passendes dabei haben, nur Ausschau halten und fragen. So stolperte ich auf dem Parkplatz von einem Auto zum nächsten, doch jumper leads hatte niemand. „Oh, die Kiste haben wir Weihnachten aus dem Auto genommen! Ich hab‘ sonst immer welche dabei!“ „Ach, das ist Pech! Im anderen Auto hab‘ ich natürlich welche!“ Nach einer Weile kam ein Kleinlastwagen auf den Parkplatz – er konnte zwar helfen und dann doch nicht ganz, irgendwas war an seinen jumper leads kaputt.
Ich drehte weiter meine Runden und kam auch wieder bei den Surferinnen vorbei, mittlerweile waren es drei und ein Mann nach dem anderen schaute in den Motorraum meines Leihwagens. Zur Aufmunterung fragte die Surferin, ob ich nicht einfach ein Bier haben möchte, dann fragt es sich viel leichter. „Ich bin übrigens Sunday!“ Sie meinte, einfach mal abwarten, wird schon. Ohnehin – und da hatte sie recht – könnte der Ort an dem mir das passiert, kaum besser sein – traumhafter Ausblick eben. In den Pausen, als niemand Neues zum Fragen auf den Parkplatz fuhr, zeigte sie mir stolz ihren Van, wir sprachen übers Reisen; dann wieder kurze Unterbrechung zum Fragen; wieder zurück, da Mission nicht erfolgreich und weiter am Bier nippen. Nachdem zwar alle super freundlich und hilfsbereit waren, aber keiner das Auto wieder zum Leben erwecken konnte, rief ich die Notfallhotline für den Mietwagen an. Es würde etwa 90 Minuten dauern, vielleicht ginge es früher, vielleicht später. „Alles gut! Ich habe einen guten Platz zum Stehen gefunden!“, antwortete ich ohne Umschweife. Ich ging wieder zurück zu Sunday. Ja, es hätte schlimmer sein können und ich war mit dem Stehenbleiben sehr happy.
Irgendwann fragte Sunday, woher ich komme. „Europa“, das sei klar, nur wo genau? Sie tippte auf die Schweiz oder Schweden. Wir sprechen „australisch“, was in meinem Verständnis so viel heißt wie entspannter Smalltalk; es geht dabei kaum, eigentlich nicht um Arbeit, was wer macht, wie man sein Geld verdient, sondern über das, was als Leben gilt; über Freizeit, über das was einem Spaß und Freude bereitet. Wir reden über ihr Leben im Van, das Meer, Surfen, Reisen. Dann fragt sie, ob ich eigentlich was zu Polen wüsste. „Nun“, stammelte ich, „ich bin Historikerin und beschäftige mich mit polnischer und deutscher Geschichte.“ – „Oh, that´s so interersting! My mum is Polish! And my babcia (polnisch für Oma) was born in Germany! [Oh, das ist total interessant! Meine Mutter ist Polin! Und meine Oma ist in Deutschland geboren]“. Wir sind beide von der Wendung des Gesprächs angetan. Ich erzähle ihr, was ich die letzten Jahre gemacht habe und was ich gefunden habe; sie erzählt von dem was sie weiß, von einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Sydney, wo ihre Großmutter in einer Art kleinem Polen in Australien lebte.
Es dauert aber nicht lang, da erzählt sie, dass ihr Vater Aborigini ist. Mit einem Lachen meint sie, dass sie somit so richtig australisch sei, Migrantinnen auf der einen Seite, Aborigine auf der anderen. Ihre Augen strahlen, sie schaut aufs Meer, macht eine Pause – und spricht dann vom Australia Day, der am Montag, 26. Januar, wie jedes Jahr gefeiert wird. Australia Day ist einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Nationalfeiertag. Hintergrund ist die Ankunft der First Fleet, der ersten britischen Flotte im Jahr 1788. Dies war der Beginn der britischen Besiedlung und Kolonisierung Australiens. „Warum feiern wir sowas überhaupt in Australien?!“, fragt Sunday, ohne eine Antwort zu erwarten und schiebt hinterher „Wir feiern den darauffolgenden Genozid, die Invasion! Unglaublich!“ Diejenigen, die noch drumherum stehen, bleiben zumeist stumm, manche nicken; einer fügt an, dass es ja nun auch in anderen Ländern, wie den USA, den Unabhängigkeitstag gäbe, das wäre ja dasselbe. Betretenes Schweigen, das ich nicht deuten kann; in diesem Moment kommt die Pannenhilfe auf den Parkplatz gefahren.
Australia Day, der Feiertag am 26. Januar, ist ein heißes Eisen Down Under; die Meinungen dazu gehen arg auseinander.
Viele sehen ihn als Feier Australiens und seiner Menschen, während für viele Indigene der Tag ein Tag des Landverlustes und die Folgen der Kolonisation ist. Viele sprechen daher vom 26. Januar als „Invasion Day“, dem Tag der Invasion, oder „Survival Day“, dem Tag des Überlebens. Für wohl die meisten Menschen in Australien ist es zu allererst ein arbeitsfreier Tag und dazu im Januar, also im Sommer; abschaffen möchte diesen Tag somit wohl kaum jemand wirklich, denn arbeitsfreie Feiertage gibt es in Australien wesentlich weniger als in Deutschland. Australia Day ist dann aber auch für einige ein Tag des Stolzes. Australische Nationalisten – derzeit politisch stark im Aufwind – schwenken die Fahnen besonders laut; für wieder andere ist es ein Tag der Versöhnung, so versuchen es jedenfalls viele staatliche und moderate politische Kräfte darzustellen. Für viele Aborigines und auch Aktivistinnen und Aktivisten auf der politisch linken Seite ist es ein Tag der Auslöschung der australischen Aborigines durch die Briten, durch Weiße, durch Kolonialisten.
Letztes Jahr gab es in Sydney viele Veranstaltungen, staatlich-offizielle wie inoffizielle; Demos und Gegendemos sowie viele Veranstaltungen fanden in den Tagen zuvor und danach statt. Es fiel mir schwer den Überblick zu behalten und wirklich zu erkennen, wer oder welche Gruppe für was und wen steht oder einstehen will und warum. Das einzige, was ich gut verstehen konnte, ist, dass es kontrovers und uneindeutig ist, was aus dem Australia Day wird, werden soll und kann; deutlich wurde auch wie tief die Gesellschaft darüber zerstritten ist.
In Brisbane, wo ich den 26. Januar 2026 verbringen werde, gibt es am Montag ein öffentliches großes Feuerwerk (mit Drohnen wegen Brandgefahr; es wird also eher eine Lichtshow). Locals haben mir empfohlen, es unbedingt zu sehen; die Bekannten bei denen ich unterkomme, nutzen den Tag für ein Barbecue mit ihren Kindern mit abschließendem öffentlichem "Feuerwerk". Was Sunday, die polnische-aborigine Surferin, am Montag vorhat, weiß ich nicht. Zum Feiern ist ihr an diesem Tag jedenfalls nicht zumute.
