Akadien liegt am Nordatlantik, viele tausend Kilometer von Europa entfernt und auf halber Strecke zwischen dem Äquator und dem Nordpol. Wer sich in der Bretagne, in Frankreich, ins Boot setzt und stur geradeaus nach Westen segelt, kommt irgendwann hier an.
Ingonish Beach
Akadien gehört seit 1713 nicht mehr zur Kolonie Neufrankreich. Es wurde britisch und heißt seitdem Nova Scotia. Es ist heute einer der Außenposten Kanadas an der Atlantikküste.
Cabot Trail auf Cape Breton Island
Alles hier scheint irgendwie etwas ruhiger, friedlicher zu sein. Die Uhren ticken hier offensichtlich etwas langsamer als anderswo. In Nova Scotia/Akadien gibt es wenig Menschen, dafür aber viele Tiere: Schwarzbären, Kojoten, Füchse, Elche, Vögel, Hummer, Fische, und im Sommer viele Wale.
Kommt man hier an einem Haus vorbei, so ist es zumeist beflaggt, oft gleich mehrfach. Die kanadische Flagge ist omnipräsent und wenn diese nicht hängt, dann zumindest ein rotes Ahornblatt.
Das hier ist Kanada, das soll auch dem letzten Elch, Kojoten und Vogel klargemacht werden. Die Flaggendichte hat wohl in letzter Zeit aufgrund der Trumpschen Politik weiter zugenommen. Das hier, so hört man häufiger, ist in keinem Fall der 51. Bundesstaat der USA. Kanada ist anders, freundlicher, offener, netter und darauf ist man stolz, will man stolz sein. Neben der Regenbogenflagge und der von Nova Scotia weht im Wind aber noch eine blau-weiß-rote Flagge mit einem gelben Stern - die Flagge Akadiens, diese bezieht sich auf die französischen Traditionen der Region.
Chéticamp, heute als einer der Orte mit der größten akadischen Bevölkerung bekannt. Foto: N. Tödtli
Neben rauer Küstenlandschaft, sehr viel Wald, Wind und sichtbaren Meereströmungslinien im Wasser; Felsen, Steinen und wenig Sandstrand hat das heutige Nova Scotia viel Geschichte zu bieten. Ein Teil davon erklärt, warum heute in Kanada Französisch (oder besser die hiesige dialektale Variante des Französischen) gesprochen wird.
Das heutige Nova Scotia war im 18. Jahrhundert Kernland einer französischen Kolonie. Die ersten europäischen Siedler und Siedlerinnen beanspruchten das Gebiet, vertrieben und verdrängten einen Großteil der örtlichen Mi’kmaq, einer indigenen Gruppe. In Louisbourg, an der Nordostküste der Kap-Breton-Insel, bauten französische Truppen ab 1719 eine große Festungsstadt.
Das wiederaufgebaute Louisbourg
Ziel war es vor allem die Briten abzuwehren, die es ebenfalls auf das Gebiet abgesehen hatten. Das Landstück des heutigen Ostkanadas war am besten über den Seeweg von Europa aus zu erreichen und galt schon seit dem 15. und 16. Jahrhundert als Gebiet unendlichen Reichtums. Die Küste war vor allem für seinen Fischreichtum bekannt und es gab das Gerücht, dass man im Meer nicht schwimmen könne, da es so viel anderes Leben im Wasser gäbe. Das brachte immer mehr Leute aus Europa an die Nordostküste Amerikas. Die Europäer und Europäerinnen verschleppten zudem Sklaven in “ihr” Siedlungsgebiet, veränderten und formten das Land nach ihren Vorstellungen und verdrängten vieles von dem, was es vor Ort ansonsten gab. Aus europäischer Perspektive war die Konkurrenz zwischen Briten und Franzosen am bedeutendsten. Der Kampf um Einfluss in den Kolonien beschleunigte auch kriegerische Auseinandersetzungen in Europa.
Das Jahr 1755 wird heute von den Akadiern am meisten öffentlich erinnert:
Es gilt als Beginn der sogenannten Großen Erschütterung, auf Französisch Le Grand Dérangemen. Damals vertrieben die Briten alle Akadier und Akadierinnen aus der Region am Nordostatlantik und beanspruchten das Territorium für sich. Die französische Krone verlor das Gebiet, das ihnen ohnehin nie gehört hatte.
Denkmal in Halifax an die akadischen Opfer der Grand Dérangement
Einige Familien, die zwar aus Frankreich stammten, jedoch über einige Generationen in Akadien gelebt hatten, flüchteten zurück nach Europa, wo sie nunmehr mehr Fremde als Zugehörige waren. Andere Akadier ubd Akadierinnen machten sich weiter nach Westen auf oder gingen nach Süden in Gebiete, die zu den heutigen USA gehören. Viele kamen auf der See, oft auf der Flucht ums Leben. Diejenigen, die überlebten verteilten sich über ganz Europa und Nordamerika.
Das Gebiet, in dem Halifax heute einer der wichtigsten Orte ist, wurde “britifiziert”. Es siedelten zunehmend schottische und irische Familien und bis heute bemerkt man deren Einfluss auf die lokalen Traditionen. Gälische Symbole mal hier, mal dort, die Bergzüge heißen Highlands, die Namen der Pubs, das Essen und die Musik erinnern ebenfalls daran.
Sydney in Nova Scotia und die größte Fiddle der Welt. Foto: N. Tödtli
Ein Hauch von (Neu-)Frankreich gibt es aber auch heute noch in Nova Scotia. Französisch hört man oft; in öffentlichen Einrichtungen heißt es bei der Begrüßung nicht nur Hello, sondern auch Bonjour und je nachdem wie die angesprochene Person reagiert, folgt die Konversation in eben dieser Sprache. Straßen- und Hinweisschilder sind durchgehend zweisprachig, manche sogar dreisprachig inklusive der Sprache der Indigenen der Region.
Nach Verhandlungen kamen einige akadische Familien Ende des 18. Jahrhunderts wieder zurück ins ehemalige Neufrankreich/Akadien beziehungsweise seitdem Nova Scotia. Für Akadier und Akadierinnen war das hier ihre Heimat und wenngleich es heute nur noch wenige Siedlungen mit kompakter akadischer Bevölkerung gibt, soll die französische Flagge mit gelbem Stern heute das Weiter- und Überleben der akadischen Traditionen, ihren Stolz und auch Widerstandsgeist ausdrücken.
Wie wichtig diese Geschichte ist, zeigt, dass in den 1960er Jahren in mühseliger Kleinstarbeit etwa ein Drittel der Festungsstadt Louisbourg wieder aufgebaut worden ist.
"Im" Louisbourg des 18. Jahrhunderts
Die Briten hatten die Festung nach 1755 geschliffen. Vom französischen Einfluss sollte nichts bleiben. Viele Bauteile aus Louisbourg wurden weiterverwendet, quasi recycelt: zum Bau einer britischen Festung in Halifax, einige hundert Kilometer südlich.
Der Wiederaufbau der Festung Louisbourg war in den 1960er Jahren nicht nur ein historisches Symbolprojekt; es fiel in eine Zeit, in der sich Kanada zunehmend mehr unabhängig von der britischen Krone verstand. Der Wiederaufbau der Festung Louisbourg war zeitgleich eine clevere Infrastrukturmaßnahme.
Viele Minen in Nova Scotia wurden in dieser Zeit geschlossen oder standen vor dem absehbaren Aus. Es herrschte Arbeitslosigkeit. In Umschulungsmaßnahmen erhielten die (ehemaligen) Minenarbeiter Ausbildungen zu handwerklichen Berufen und wurden so zu den Arbeitskräften beim Wiederaufbau der Festung, des ehemaligen französischen Außenpostens am nordöstlichen Atlantik.
Im Sommer ist es hier mild, nur manchmal werden es knapp 30 Grad. Im Winter friert die See oft zu, es wird noch einsamer als ohnehin schon.
Insbesondere die Region um den Cape Breton Nationalpark ist in den letzten Jahren immer bekannter geworden: erst bei Golfern, dann bei Roadtrip-Liebhaberinnen und -Liebhaber und so eben auch bei Wanderbegeisterten.
Im Cape Breton Highlands NationalparkInverness Beach
Auf einen Blick
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Wetter
Sommer · 30°C
Stimmung
KulturellAbseits der PfadeEntspannend
Highlights
Akadien und die akadische Flagge
Louisbourg und der Wiederaufbau der Festung
Cabot Trail auf Cape Breton Island
Cape Breton Highlands Nationalpark
Ingonish Beach
Inverness Beach
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