Link zu meiner StoryMap zu DPs und Australien!
Was ich sonst so mache außer Schreiben und in Archive sitzen? Hier mal eine Eigenwerbung zu einem Projekt zu einem meiner Recherchefunde: StoryMap Getting Away from War and...

Veröffentlicht: 10.12.2024
















Die Fahrt dauert etwa zwei Tage und wer ab Chicago losfährt hat noch etwa 8 Stunden Bonuszeit dazu. Die Strecke ist enorm, der Zug fährt aber auch kaum schneller als 100 km/h. Man schaukelt so langsam voran. Ich finde es herrlich entspannend.
Nachdem mir die Strecke Toronto-Winnipeg-Edmonton “etwas” weiter nördlich in Kanada im letzten Jahr gefallen hat, sprach alles dafür auch von Minneapolis aus den Zug an die Westküste zu nehmen. Ohnehin ist es ja interessant den möglichen, die möglichen Unterschiede zu sehen und zu er-fahren.
Wenn es keine Ablenkung gibt und nichts anderes zu tun als aus dem Fenster gucken, so kommt man schnell ins Gespräch. Dazu kommt der weitverbreitete nordamerikanische Small-Talk-Modus. Es geht damit gar nicht einfach nur stumm nebeneinander zu setzen. Irgendwas wird immer gesagt, bemerkt, angesprochen, kurz besprochen. Kable hat sich ein Boot gekauft, erzählt er. In Florida. Mehrere tausend Kilometer von hier, irgendwo in North Dakota, südlich von Kanada, entfernt. Florida ist von ihr mehrere Flugstunden entfernt. Ja, das ist recht weit. Kable ist nun bereits seit drei Tagen unterwegs - zurück zu seinem Zuhause, nach Oregan - das liegt am Pazifik - und er fährt eben Zug. “Dieses langsame Reisen ist viel schöner. Man sieht wenigstens was. Umsteigen musste ich nur in Chicago! Verrückt, oder? Einmal durch die USA vom Wasser in Südost ans andere Wasser nach Nordwest mit nur einem Umstieg!”, erzählt er fast schon stolz und auch begeistert von seiner Reise. Ich stimme zu. "Cooler Trip!", antworte ich.
Kable und ich sprechen übers Reisen, übers einfach machen, darüber, warum man tut, was man eben tut und warum man den Zug genommen hat. Wir verstehen uns. Kable ist Handwerker und sagt, seitdem er nicht mehr das macht, was seine Familie und andere von ihm erwarten, findet er sein Leben toll. “Ich hab' mir ein Boot gekauft! Ein Boot! Im Florida.", er lacht beim Sprechen. Und ergänzt: "Fanden jetzt nicht alle cool in meiner Familie!” Seine Stimme klingt trotzdem weiter positiv: “Ja, vielleicht hab ich manchmal wenig Geld, doch dafür finde ich mein Leben einfach nur geil. Es macht Spaß. Schau raus, was brauche ich mehr?” Ich schmunzle, stimme zu.
Ein längerer Halt, Kable erkundet den Bahnsteig. “War nett mit dir zu quatschen! Bis später vielleicht mal wieder.”
“Schaut mal, dahinten wilde Truthänhne!”, und ein älterer Herr zeigt in die Richtung.
“Auch nach Seattle, bis zur Endsstation?", frage ich eine Mitreisende.
"Was für ein herrliches Wetter da draußen. Blauer Himmel!”, sagt eine Frau, Mitte 60, die grad auf dem Weg zu ihrem Enkelkind ist. Sie will auf der Strecke auch was sehen, gerade jetzt, wo sie als Renterin Zeit hat zum Reisen, erzählt sie. Nun hat sie sich vorgenommen jedes Mal auf dem Weg nach Seattle eine andere Zugverbindung zu nehmen. Sie wohnt soweit weg, da gäbe es viel auf dem Weg zu entdecken. Beim nächsten Mal möchte sie über Denver und San Francisco fahren. "Ein Umweg und es dauert viel länger als fliegen, aber ich freue mich jetzt schon drauf!"
Eine andere Frau, graue Haare, Mitte 70, lebt ein halbes Jahr an der Ost-, das andere halbe Jahr in Seattle an der Westküste der USA. Um von A nach B zu kommen, nimmt sie öfter einmal den Zug. Das würde ihr gefallen und den Wechsel angenehm gestalten: ein langsames Abschiednehmen und Einstellen auf das kommende halbe Jahr.
Ich konnte mir bei dieser Zugfahrt ein kleines Schlafabteil leisten (ja, teuer! Um die 550 Euro, Sitzplatz kostet etwas unter 200 Euro). Im Preis für das Abteil inbegriffen sind Essen und Getränke - beides ist ok. Im Bordrestaurant, das alles in und auf Plastik serviert, sind eigentlich nur diejenigen Reisenden aus den Schlafwagen. Den Unterschied der Reisenden kann ich nur erahnen bei Pausen auf der Strecke und beim Spazieren entlang des Bahnsteigs. Die zum Teil offensichtlich wohlhabenderen Schlafwagenreisenden treffen sich mehrfach am Tag im Bordrestaurant. Als Alleinreisende sitzte ich somit automatisch immer wieder mit anderen Leuten an einem Tisch. Eine Renterfreundesgruppe hält mir irgendwann einen Platz frei, möchte mit mir was trinken. Sie treffen sich einmal in Jahr zum gemeinsam Reisen, leben an sehr verschiedenen Orten. Die Zeit zusammen ist ihnen wichtig, man wisse ja nie, wieviel Zeit man noch zusammen habe, wird mir erzählt. Sie denken darüber nach im nächsten Jahr den Zug durch Kanada zu nehmen. “Da kann man absolut nichts falsch machen”, meine ich ehrlich und empfehle es ihnen. Wie sind die Züge? Wie der Service? Wo sollte man eine Pause einlegen? Oder besser durchfahren? Ist Winnipeg wirklich so langweilig, wie alle sagen? Fragestunde zur Zugstrecke weiter nördlich und mir wird der Expertenstatus zugesprochen.
Ich empfand die Züge selbst in Kanada etwas moderner und nicht so teils in die Jahre gekommen, fast schon abgegriffen wie den, den wir nach Seattle nehmen. Ich bin ehrlich. Der Service ist gleich. Der Zug in den USA nimmt keine Rücksicht darauf, ob es nacht ist und die Reisenden so die Rocky Mountains tatsächlich nicht nur verschlafen, sondern auch ganz wirklich und tatsächlich nicht sehen können. Das ist sehr schade. In den USA haben die Frachtzüge, man könnte sagen das Geld, Vorang. Das ist in Kanada (etwas) anders.
Wir fahren somit genau in das Landschaftsparadies als die Sonne untergegangen ist. Schade, doch zuvir gibt es noch einen wunderbaren Sonnenuntergang.
Ich trinke mit den drei Rentnern noch einen Wein. Ich werde gefragt, was ich an den USA am besten finden und es schwingt nach meinen Ohren mit, dass sie erwarten, dass ich ihnen von den USA als bestes Land der Welt berichte, als Land, in dem ich gern reise, ja, leben wollen würde, ein Land, in dem alles toll sei.
Ich bin zurückhaltend und sage ehrlich, dass ich nicht in diesem Zug sitzen würde, wenn nicht eine Konferenz mich in die USA gebracht hätte.
Ich glaube, mein Gegenüber ist irritiert. Zwei von drei sind nun aber offensichtlich noch interessierter. “Sag’ ehrlich, was sagst du zu den USA? Du hat so viel gesehen!”
"Puh!", schießt es mir durch den Kopf. "Was soll ich denn nun darauf antworten?" Unhöflich möchte ich ja auch nicht sein. “Erzähl’! Wir fühlen uns da nicht angegriffen.” Mh, na gut. Ich bin etwas wortlos, denn nein, für mich sind die USA definitiv kein Traumland und ich frage mich immer wieder, was Leute daran so toll finden? An diesem Übermaß, an diesem ganzen Plastik, an dieser Autobessenheit, an dem Willen, dass alles groß, riesig sein muss, daran, dass Wegwerfen und das Einmalnutzem das normalste der Welt zu sein scheint. Wo fange ich da an, wo höre ich auf? Ich spreche daher über die für mich zum Himmel schreiende soziale Ungerechtigkeit in diesem Land. Die drei gut betuchten Rentner hören interessiert zu, nehmen dies aber offensichtlich nicht so wahr wie ich - oder wollen es nicht sehen.
Erst nach einiger Zeit fragt einer, ob es denn Obdachlose in Deutschland nicht geben würde. “Doch, klar. Aber das hier in den USA, ist noch einmal etwas sehr, sehr anderes. Es ist schockierend. In diesem Land gibt es so viel Wohlstand, so viel Geld, wie kann es dann so viele offensichtlich kaputte und kaputt gemachte Menschen geben, die auf der Straße leben müssen? Und alle anderen tun so als gäbe es sie nicht. Es ist mir ein Rätsel! Diese Idee vom Tellerwäscher zum Millionär ist doch eine Illusion. Ich war 2009 das erste Mal in den USA und seitdem hat sich diese offensichtliche soziale Spaltung nur noch verschärft. In Großstädten stolpert man von superreich und fancy in Zeltstädte. Und zugleich, gehen 99,9% der Leute einfach an Obdachlose hinweg als seien sie gar nicht da. Mich macht das fertig und vor allem wütend. Das ist doch nicht das tollste Land der Welt!” - Ich gebe zu, dass ich danach darüber nachdachte, ob ich in meiner Wut über diese Ungerechtigkeit nicht doch zu viel gesagt habe... -
Die drei Rentner aus Florida sind erstaunt bis irritiert über das, was ich sage, so interpretiere ich es. “Und was würdest du tun?”. Es folgen Diskussionen über Steuern, über Geld, über Reichtum, später über Waffen und Massenerschießungen in den USA, die fast schon zu etwas Alltäglichem geworden sind. Draußen ist es dunkel, um uns herum die Rocky Mountains, davon sehen wir nur nichts.
Da ich auch am nächsten Morgen noch sehr freundschaftlich begrüßt werde und mir in Gentleman-Manier immer wieder gesagt wird, was für ein "Genuss" es gewesen sei, mich kennengelernt zu haben und zu sprechen und auch eine Einladung nach Florida erhalte, gehe ich davon aus niemanden mit meiner Ehrlichkeit zu sehr verletzt zu haben. Bei einem Kaffee kann ich mir dann aber nicht verkneifen zu bemerken, dass ich glaube, dass es spannend für sie sei, auch einmal mehr außerhalb der Amerikas zu reisen. Das Leben in den 50 Bundesstaaten ist sicher auch schon ganz divers, aber darüber hinaus gibt es noch sehr viel zu entdecken.
Und dann Endstation: Seattle.
