Vom Stehenbleiben. Oder: Australia Day – zwischen Vergnügen, Stolz und offenen Wunden
Der Feiertag am 26. Januar ist ein heißes Eisen Down Under.
Veröffentlicht: 06.05.2026








Wer nach Prenzlau möchte, muss vor allem nach Westen, durch Marburg und Minden; wer aus Süden kommt, fährt vermutlich durch Templin. So ist es jedenfalls, wenn man aus Brisbane kommt, der größten Stadt im australischen Bundesstaat Queensland. Das mittlerweile nur noch kleine Dorf Prenzlau liegt abgelegen. Es ist nicht unbedingt ein Touristenmagnet. In den letzten Jahrzehnten ist der Ort stark geschrumpft: Mittlerweile leben nur noch etwa 400 Menschen hier. Im Grunde zieht sich das australische Prenzlau entlang einer Straße.
Links und rechts wechseln sich Felder, Weidefläche und Bauernhöfe ab. Die Häuser in der Umgebung stehen häufig auf Stelzen, die eine natürliche Belüftung der Gebäude ermöglichen. Immerhin sind im australischen Sommer 40 Grad keine Seltenheit. Auch im Frühling und Herbst sind hohe Temperaturen normal. Die Witterung ist an diesem Fleckchen Erde extrem: Trockenheit führt nicht selten zu verheerenden Bränden. Wenn es jedoch regnet, kommt es oft zu Überschwemmungen.
Prenzlau ebenso wie die umliegenden Ortschaften entstanden Ende des 19. Jahrhunderts. Sie waren Teil der britischen Kolonisierung des australischen Kontinents. Für die indigene Bevölkerung Australiens, die Aborigines, bedeutete die Neuansiedlung und Landnahme durch die Europäer und Europäerinnen gewaltvolle Vertreibung und fortwährende Drangsalierungen, teils Mord. Neben britischen Siedlern kamen weitere Gruppen, darunter auch Familien aus der Uckermark. Viele dieser suchten einen Ausweg aus wirtschaftlicher Not, erhofften sich ein besseres Leben fernab des Geburtsortes. Für die uckermärkischen Auswandererfamilien war es eine Flucht nach vorn. Sie wollten weg von den schwierigen Verhältnissen zuhause und hatten große Hoffnungen im Gepäck.
Die Menschen im (australischen) Prenzlau, Marburg und Minden waren gläubige Lutheraner. Das merkt man bis heute: in der näheren Umgebung gibt es gleich fünf Kirchen. Diese sind auch heute noch gut besucht. Der Gottesdienst ist ein wichtiges Ereignis und so tragen alle Gläubigen an Sonntagen für den Kirchbesuch ihre beste Kleidung. Die Frauen haben die Haare adrett gesteckt, manche tragen hohe Schuhe. Der Gottesdienst in der Trinity Lutheran Church in Marburg findet bereits seit Jahrzehnten auf Englisch statt. Deutsch ist schon lange nicht mehr die Hauptverkehrssprache in der Region. Nachnamen wie Voss, Schulz und Voigt sind jedoch geblieben; ebenso wie einige Straßennamen. So führt zum Beispiel eine Straße von Marburg nach Minden über die Berliner Straße. Eine junge Frau in der Kirche in Marburg erzählt, dass sie Muller heißt. Ihre Mutter und noch mehr ihre Großmutter hätten immer auf das „ü“ gepocht – auch wenn niemand sonst in Australien verstand, was die zwei Punkte über dem u bedeuten sollen. Der jungen Frau ist – als dritte Generation – das „ü“ nicht wichtig; ohnehin könne sie das deutsche „ü“ nicht aussprechen.
Ein wenig hinter vorgehaltener Hand wird die Geschichte der vielen Kirchen in der Umgebung von Marburg, Minden und Prenzlau erzählt. Ja, einerseits habe es den Bedarf und viele Gläubige gegeben, doch noch viel mehr seien die verschiedenen Kirchenbauten wohl auf interne Streitigkeiten zurückzuführen. Einige Dispute waren religiös bedingt, bezogen sich auf verschiedene Auslegungen des Glaubens; bei anderen seien es aber wohl viel mehr persönliche Animositäten gewesen. Die Leute hier, so sagt man heute, seien früher sehr konservativ und oft schon pedantisch gewesen. Letzteres sei auch immer mal wieder in Engstirnigkeit und sturem Verhalten übergegangen – und so entstanden mit der Zeit auch immer wieder neue Kirchen. Ein Mann, Ende 50, groß gewachsen und mit rundem Bauch erzählt, dass er heute in Prenzlau lebt. Er meint in einem sehr überzeugten Tonfall, dass seine – wie er es nennt – Korrektheit im Handwerklichen sicher auf seine Vorfahren zurückginge. Für ihn sei das sein deutsches Erbe.
Die Auswanderung von Deutschsprachigen im 19. Jahrhundert in alle Welt war Teil einer großen Migrationsbewegung. Viele Lutheraner und Lutheranerinnen wanderten nach Übersee aus, in der Hoffnung auf freie Religionsausübung; aus heutiger Perspektive könnte man einige auch als gewisse ‚Wirtschaftsflüchtlinge‘ beschreiben. Aus der Provinz Brandenburg stammten besonders viele aus der Uckermark – und so auch diejenigen, die in Australien Prenzlau und eben auch das davon südlich gelegenere Templin gründeten. Auf dem Friedhof im australischen Marburg erinnern kleinere Messingplaketten an Familie Kickbusch. Historisch sehr korrekt heißt es darauf, dass die Familie aus Preußen stammte, einen deutschen Staat gab es damals nicht. Louisa Dorothea Kickbusch, geborene Ziemendorf, wurde 1828 in Brüssow geboren. Sie kam nach Australien mit ihrem Mann Gottfried. Gottfried stammte aus Züsedom, heute Uecker-Randow-Tal. Das Ehepaar, beide Ende Dreißig, war auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Kinder. Auf der Plakette für Louisa heißt es, dass das Ehepaar vor der Abreise sechs Kinder „in der preußischen Erde“ beerdigen mussten, ein weiteres sei „während der gefährlichen viermonatigen Seereise“ gestorben.
Der Beginn in Australien war alles andere als einfach, erinnert eine weitere kleine Plakette. Die ersten Jahre, wohl Jahrzehnte waren die Neulinge in der Region damit beschäftigt Gebüsch, Bäume, Steine, Felsen und Gestrüpp zu entfernen. Das Gelände war unwegsam und es stellte eine große Anstrengung dar, sich dort eine Landwirtschaft nach eigenen Vorstellungen aufzubauen. War es das, was sich Familie Kickbusch vorgestellt hatte? Ob sie je zweifelten die richtige Entscheidung getroffen zu haben? Die Region um Prenzlau heute – Felder, offene Weidefläche – ist gänzlich anders als vor 200 Jahren. Nur noch der Blick ins Weite, hin zum Horizont, auf die Great Dividing Range, das Große Australische Scheidegebirge, lässt erahnen, dass das gesamte Tal einst vor allem mit riesigen Eukalyptus-Bäumen bewachsen war. Zwar stehen heute „Achtung-Koala“-Schilder am Straßenrand, doch es sind keine zu sehen; auch Kängurus und deren kleine Verwandte, die Wallabys, gibt es noch, doch sind diese zwischen all den Zäunen, Landwirtschaft, Solaranlagen und Häusern immer weniger zu finden. Vieles hat sich verändert.
Was jedoch seit 1894 besteht, ist die Schule: die Prenzlau State School, eine Grundschule mit etwas mehr als 60 Kindern. Zwar hat diese mittlerweile den Standort leicht gewechselt, in Prenzlau ist sie aber immer noch. Wie die Schulleiterin mit Begeisterung berichtet, hat man vor zwei Jahren den 130. Geburtstag gefeiert. Auf dem Schulhof wurde eine Zeitkapsel vergraben, darauf ein kleiner Stein zur Erinnerung. Als sie von dem Prenzlau in Deutschland hört, ist die Australierin begeistert: „Unsere Kinder könnten sich doch mal treffen, oder unsere Lehrkräfte. Das wäre doch einfach übers Internet und bestimmt interessant!“ Ihre Emailadresse sei online leicht zu finden, sagt sie und schiebt hinterher, dass ich dies den anderen Prenzlauern ja ausrichten könne.
