Lukas' Reiseblog: Hin und wieder zurück - und wieder hin
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Zuletzt in Stockholm

Blog-Sonderedition - Kehler Reise

Veröffentlicht: 31.01.2020

Aktuell sitze ich in unserer Wohnheimküche in Kehl und frage mich, ob mein Reiseblog von zu Hause aus funktioniert. Neben mir steht ein altehrwürdiger Herd mit einem Backofen, in dem wahrscheinlich schon Prof. Witt während seines Studiums TK-Pizzen aufgebacken hat auf blauem Linolboden (der gefühlt eine Stunde nach dem Putzen wieder dreckig aussieht). Draußen gibt’s den zu dieser Jahreszeit üblichen Kehl-Nebel, wobei sich gerade leicht die Sonne blicken lässt. Summa summarum (oder nur summarum, wie man in Hausach sagt), mach ich gerade höchstens eine Reise in die Wohnsituation der 60er-Jahre. Andererseits fühlt man sich, wenn man nach Kehl kommt, wie auf nem Trip nach Frankreich. Kein schöner Trip wie Urlaub, eher wie in ein Banlieu. Alles in allem geht es aber nicht darum, ob ich mich gerade im Ausland befinde, sondern dass mit unserem Studium hier die wohl längste (und witzigste) Reise unseres Lebens endet und sie es wert ist, hier Revue passiert gelassen zu werden.

Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin

Vor 3 Jahren kamen wir zum ersten Mal in die Kehler Stadthalle. Hunderte Studenten mit komischen Tüten als Willkommensgeschenk, Katha Schubert auf der Bühne, Joko Weschbach als Vorzeigemitarbeiter der Verwaltung und das Musikvideo "Kehlifornia Girls", das leicht verstörend war (hier der Link dazu: https://www.youtube.com/watch?v=8qOIu8ZDUp8).

Als Höhepunkt der Zeremonie war von uns kommenden Beamten ein Eid für unser Arbeitsleben zu leisten, dessen Inhalt ich leider vergessen habe (wahrscheinlich irgendwas mit "Ich werde den Bürgermeister ehren").

In der folgenden Woche gings nach mehreren Einführungsveranstaltungen wie Ersti-Lauf auch schon los in den Uni-Alltag. Für die Nicht-Kehler: In Kehl beginnt das Studium mit einem halben Jahr Einführungspraktikum bei einer Kommune, anschließend hat man knapp 1,5 Jahre Grundlagenstudium an der Hochschule, daraufhin 14 Monate Praktikum und am Ende nochmal 6 Monate Hochschule. Während der Uni-Abschnitte sind immer 2 Jahrgänge parallel an der Hochschule, d. h. es sind etwa 800 Studenten vor Ort. Es ist also eine eher kleine, familiäre Hochschule. Die Hälfte der 800 Studenten pendeln, sind also quasi nur zu Vorlesungszeiten da. Das bedeutet, dass man bei Partys und auch sonst in Kehl fast immer dieselben Chaoten trifft, was aber auch den Charme der Hochschule ausmacht. Da in Kehl die Kriminalität hoch ist und bspw. Mädchen nachts nicht allein unterwegs sein sollten, werden unsere Partys sowieso nur speziell für Studenten veranstaltet. Es bleibt also alles in der Familie. :D

Wir sind unser Geld wert

Neben Partys wird natürlich auch studiert. Bei den Dozenten in Kehl gibt es eigentlich einen typischen Mix wie an jeder anderen Hochschule, wenn auch mit einigen besonderen Typen. Manche sind Alleinunterhalter und/oder streng, bei anderen hat man das Gefühl, dass Dozenten gar nicht wissen was sie hier tun oder wie sie hier überhaupt gelandet sind, die nächsten machen was sie wollen und beenden die Vorlesungen zwei Stunden früher als vorgegeben und wieder andere scheinen ihren Fokus noch immer auf Studentenpartys zu legen. Unsere Unterrichtsfächer reichen von Recht und Wirtschaft (was am interessantesten ist) bis zu Psychologie und Verwaltungsinformatik. Manchmal hatte man in Fächern allerdings das Gefühl, dass uns Religionsunterricht, Kunst oder Sport mehr gebracht hätten. Das Königsfach in dieser Hinsicht war Soziologie, da die präsentierten Theorien auch gut und gerne von Chemtrail-Verschwörungstheoretikern stammen könnten. Vielleicht kann man deshalb mal mit der Hochschulleitung über eine Fachneugestaltung sprechen? Bildende Kunst würde vielleicht unsere Markierungen verbessern und Völkerball mit U. M. könnte witzig werden.

Nach dem ersten Semester, in dem sich langsam Cliquen gebildet haben, aber doch viel kursintern unternommen wurde, hatten wir es nach zwei kleinen Prüfungen geschafft. Es ging in die wohlverdienten Sommerfer…, pardon in die vorlesungsfreie Zeit von etwa 8 Wochen. Während dieser Freizeit bekamen wir netterweise weiterhin unser nicht gerade geringes Gehalt. Um das wenigstens etwas zu rechtfertigen unternahmen wir eine Weiterbildungsreise in eine Finca nach Mallorca. Wir waren unser Geld in dieser Zeit auf jeden Fall wert. Symbolbild:

Klausuren und Highlights

Das zweite Semester stand sehr schnell im Schatten unserer ersten großen Prüfungsphase, bei der zugegebenermaßen einiges an Stoff abgeprüft wurde. Ob die Panikmache von vielen allerdings nötig war, lasse ich mal dahingestellt. Ich denke nicht, dass das irgendwem genützt hat. Neben Klausuren lernten wir uns aber auch gegenseitig besser kennen, das Abtasten war vorbei und man kam mit der Zeit mit immer mehr Leuten in Kontakt. Parallel mit uns war außerdem ein anderer Jahrgang in Kehl, der um einiges cooler war als der, mit dem wir unser erstes Semester verbringen durften/mussten.Die Faustregel in Kehl ist: Jahrgänge mit ungeraden Jahreszahlen sind super, solche mit geraden gerade meist eher mittel.

Nach einer erneuten vorlesungsfreien Zeit nach den Klausuren begann das dritte Semester, was für viele von uns die geilste Zeit des Lebens wurde (sprecht z. B. mal mit manchen über die Messdi, da gibt’s leuchtende Augen:D). Für mich hatte sich mit der Gang Gang eine tipptopp Clique entwickelt und ich bildete mit drei (manchmal auch vier) meiner besten Freunde die hübscheste WG Kehls. Mit gerade mal 16 Stunden Vorlesung in der Woche, die nicht immer komplett besucht wurden, konnten wir in diesem Sommer quasi tun was wir wollten. Dass parallel die WM in Russland stattfand, war das I-Tüpfelchen. Die Zeit während einer WM ist an sich schon immer besonders. Es ist Sommer, alle sind draußen, es gibt große Events zum Fußball schauen und Fußballspiele an sich schaffen immer Emotionen. Dass die WM für Deutschland wenig erfolgreich war, geriet trotzdem zur Nebensache. Wie sollte es ohne N. P. auch funktionieren. Dass wir sogar lieber das BGB-Tutorium mit S. K., einem meiner besten Freunde, besuchten, sagt alles über die Leistung der Nationalelf aus.

In diesem Sommer nahm dann auch die Kehler Singlebörse nochmal richtig Fahrt auf und es gab die ein oder andere Krisensitzung in der Schnüffler-WG. Manchmal mit zielführenden Ergebnissen, manchmal nicht. Alles in allem hebt der Sommer sowieso die Stimmung und so war es auch hier in Kehl. Plus und Plus gibt Plus-Plus. Die dritte Klausurenphase im folgenden Semester hatte es nochmal in sich, konnte aber trotz immer geringer werdender Lernmotivation einigermaßen erfolgreich bewältigt werden. Nach Ende des dritten Semesters ging es für uns in die 14-monatige Praxisphase und es kam der erste Abschiedsschmerz. Den konnten wir zum Glück ganz gut kaschieren, da wir engen Kontakt hielten und es regelmäßige Treffen gab. Nach Beedingung des Studiums kann man es ja auch sagen: Es gab einen Mailverteiler der Gang Gang, für die so manche Arbeitsstunde investiert wurde, um den Kumpels von seinem Leben in und abseits der Praktikumsstelle zu berichten. Es ist zu hoffen, dass dieser Mailverteiler niemals irgendwo auftaucht, denn sonst geraten berufliche Karrieren in Gefahr. :D

Außerdem konnte wieder eine Weiterbildungsfahrt auf eine der balearischen Inseln organisiert werden. Die vier Praktika waren mal mehr und mal weniger (meistens mehr) interessant, sind aber für den Blog nicht so wichtig. Wir werden alle mit der Zeit das Richtige finden.

Comeback der Spinner

Nach den 14 Monaten arbeiten, die wider Erwarten sehr schnell vergingen, durften wir endlich zurück nach Kehl und es war erstmal wie ein Familientreffen. Wenn ich es mir recht überlege, gibt es ja bei jedem Familientreffen die/den eine/n verrückte/n Onkel/Tante. Wer ist das bei euch?

Als wir ins Vertiefungsstudium kamen wurde mir zum ersten Mal klar, wie wir uns durch die Zeit in Kehl verändert und wie stark sich unsere Prioritäten verschoben hatten. Wandel ist nicht immer positiv. Dinge ändern sich, die man für unveränderlich gehalten hat, Personen spielen eine weniger wichtige Rolle im Leben und Beziehungen enden. Aber auch wenn Kehl neben unserem Zuhause eine große Rolle in unserem Leben eingenommen und manches verdrängt hat, war diese Zeit summarum Gold wert und hat uns vorangebracht. Schon allein so viele gute Freunde zu finden wir hier, die ein Leben lang bleiben werden ist überragend.

Im letzten Semester haben wir schließlich versucht, so viel Zeit wie möglich mit diesen Freunden zu verbringen, nochmal alles aufzusaugen, jede Party mitzunehmen und nicht zu oft der Vorlesung fernzubleiben. Party und Vorlesung unter einen Hut zu bringen fiel mir persönlich nicht immer leicht, langsam merkt man doch das Alter. :D

Die letzten Klausuren haben wir, Stand jetzt, gut rumgebracht und das Thema Bachelorarbeit ist mittlerweile abgeschlossen. Der Auszugstermin im Wohnheim ist vereinbart, das letzte Hochschul-Fußballtraining absolviert und nach und nach schließt sich das Kapitel Kehl für uns. Oder sollte man Kehlifornia schreiben? Vermutlich nicht.

Abschied vom Kehler Kindergarten

Es gäbe so viel mehr zu erzählen. Von Wasenausflügen, die für manche von uns mit Sturzflügen endeten; Wasseralfinger; von Studenten die ihren Dozenten Bilder malten; harten Klausurphasen inklusive "Ich bin bestimmt durchgefallen"; DJ Erasmus; von geworfenen Brettchen; Konkurrenzkämpfen um Mädchen; Auslandspraktika am anderen Ende der Welt (wen es interessiert, kann gerne einen der anderen Blogeinträge lesen); den besten Tutoren der Welt; Liebeskummer mit schier unendlichem Hin und Her; Sommerfesten, nach denen N. M.s WG ein Matratzenlager wurde; von der Timo Keller Partyplaylist; von Stadthallenpartys bei denen blankgezogen wurde; von unserem größten Herzensbrecher; hohen Siegen in LuBu-Spielen; Partyurlauben mit Kommilitonen in Fincas auf Mallorca; Grillabenden vor Jens WG; vom Jacz und der Motte; Jörg, dem Busfahrer unserer Herzen; meiner besten hündischen Freundin; noch mehr Stadthallenpartys mit gratis Rausschmiss; Partys im Keller und Weihnachtspartys mit den besten Tutoren der Welt als Mistelzweige. Dies alles zu erzählen würde hier aber den Rahmen sprengen und sollte, wenn ich es mir recht überlege, auch nicht unbedingt komplett veröffentlicht werden. Stichwort berufliche Karrieren schützen.

Heute haben wir uns erst im Elbo und dann im Partykeller verabschiedet. Man hat zu vielen Freunden, gesagt, „wir sehen uns am Bachelorball“ oder „bis zum Sommerfest“. Aber beide Seiten wussten doch genau, dass es nie mehr so wie aktuell werden wird, da die gemeinsamen Erfahrungen des Studiums fehlen werden und man sich weiter voneinander entfernt. Edit: Wir wussten ja zu diesem Zeitpunkt nichmal, dass der Bachelorball Corona zum Opfer fallen sollte.

Deshalb komme ich hier zum Ende meines Blogs, der meine aktuell etwas wehmütige Gefühlswelt mit großartigen Erinnerungen verknüpfen konnte. Für alle, die gerade traurig sind, weil wir Kehl verlassen müssen: Jede tolle Zeit endet und das ist gut, denn dadurch kann die nächste beginnen. Seht es mal so: in der Schule wurde uns gesagt, dass dies die geilste Zeit unseres Lebens wird, danach wurde manchen von dies für ihre Reisen zugesichert und im Studium wurde uns wieder dasselbe gesagt. Merkt ihr auch, dass irgendwie immer wieder die neue geilste Zeit unseres Lebens erst noch kommt? Alle Traurigkeit lieb gewonnene Menschen zu verlassen und kaum noch zu sehen ist willkommen und positiv. Sie zeigt doch nur, was wir uns an Freundschaften und Erinnerungen geschaffen haben. Kehl war definitiv die geilste Zeit meines Lebens. Meines Lebens bis jetzt. :)

Es wird Zeit zu gehen. Es wird Zeit zum letzten Mal das Wohnheim zu verlassen, zum letzten Mal die Beamtenlaufbahn ohne eigene Beamtenlaufbahn zu sehen, zum letzten Mal zum Parkplatz zu gehen und Kehl schließlich zum letzten Mal als Student zu verlassen mit dem Wissen, dass diese Zeit nie mehr zurückkommt. Ein Gedanke, der aktuell noch unbegreiflich erscheint..

Gerade habe ich die Eingangstür unseres Wohnheims zum letzten geschlossen und kann sie nicht mehr öffnen, da der Auszug abgeschlossen und der Schlüssel abgegeben ist. Jetzt stehe ich vor der Eingangstür und es fühlt sich beschissen an. Hinter dieser geschlossenen Tür und in Kehl allgemein haben wir so viele Erinnerungen erschaffen und diese geschlossene Tür  steht für mich dafür, dass wir diesen Erinnerungen keine mehr hinzufügen dürfen. 

Wenn ich mich aber umdrehe, sehe ich allein beim Wohnheim drei verschiedene Wege, die ich gehen kann. Diese Wege führen zu neuen Türen, für die wir wieder Schlüssel haben und wo es wieder tolle Erinnerungen geben wird. Ich persönlich hoffe jetzt aber erstmal, dass ich die Autotür aufbekomme und neben meiner halben Einrichtung noch ins Auto passe.

Es wird Zeit für uns, den Charme eines neuen Lebensabschnitts mit einem Rucksack voll toller Erinnerungen wahrzunehmen. Wir haben so viele wertvolle Freundschaften geschlossen, die für immer halten werden und haben diesen Freunden dabei zugesehen, wie sie erwachsen wurden. Manche haben's gepackt, andere noch nicht. Aber jetzt ist hier wirklich Schluss. Ich wünsche euch allen einen super Berufseinstieg und freue mich schon auf den Bachelorball. Nehmt es nicht so schwer.😘

Lukas

PS: Die folgenden Highlight-Bilder geben wahrscheinlich die Antwort auf die Frage, ob ich selbst erwachsen geworden bin...

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