Fiesta
Bevor die Apokalypse über die Welt hereinbrach und die USA einen verurteilten Sexualstraftäter und Faschisten zum Präsidenten wählten, flohen wir wohlweislich über die Grenze...


Veröffentlicht: 03.12.2024














































































Ein Sehnsuchtsort ist laut Duden, ein Ort, an dem jemandes Sehnsucht hängt. Und genau das trifft für uns auf Puerto Viejo zu, seit wir vor 2,5 Jahren das erste Mal dorthin gereist sind. Dieser charmante und vor allen Dingen grundentspannte Ort an der Karibikküste mit seinen sympathische Menschen, karibischen Vibes, interessanten Läden, kleinen Boutiquen, bunten Farben, leckeren und vielfältigen Obst- und Gemüsesorten, fantastischen Stränden, seinem dichtem Regenwald mit Brüllaffenkonzerten, seinen riesigen schön anzusehenden Schmetterlingen und farbenfrohen und klangvollen Vögeln! Das alles klingt doch, wenn nicht gar nach einem Paradies, so doch zumindest nach einem Sehnsuchtsort vieler Menschen. Daher wandern auch viele Menschen hierher aus und versuchen hier ihr Glück. Diese Aussteiger unterscheiden sich oft sehr von den US-Pauschaltouristen an der Pazifikküste. Nach Puerto Viejo zieht es oft Menschen, die vom hier herrschenden Reggae-Flair angesprochen werden. Die Atmosphäre des Ortes unterscheidet ihn nämlich nicht unwesentlich vom restlichen Costa Rica. Auswandern indes kommt für uns nicht in Frage, Wir begnügen uns damit, diesen Ort zweimal erlebt haben zu dürfen und den Rest unseres Lebens davon zu träumen und von unseren Träumen zu zehren.
Von San José sind wir mit dem öffentlichen Bus nach Puerto Viejo gefahren, ein Bus, in dem sich sowohl viele Touristen als auch Einheimische befanden. Die Fahrt dauerte insgesamt 5 Stunden und es wurde zusehends sonniger und wärmer in dem Bus ohne Klimaanlage. Als wir ankamen, haben wir selbstverständlich unseren Sehnsuchtsort sofort wieder erkannt. Das vertraute Gefühl setzte gleich ein, als wir den von uns geliebten Rio Banano überquerten. Ab da ist es nämlich nicht mehr weit.Nach gut 4 Monaten immer neuer Orte tat es richtig gut, etwas Bekanntes wieder zu sehen. Und so langten wir gut gelaunt in unserer Unterkunft an, in der schon unser Vermieter Ron auf uns wartete. Unser Guesthouse lag mitten im Urwald, aber dennoch sehr nah am Playa Negra. Wie man bei dem Namen erwarten darf, ist der Sand hier teilweise aus schwarzem Vulkansand. Zwischendurch gibt es immer wieder helle Sandkörner, die richtig golden aufblitzen. In Oregon (USA) gab es einen ähnlichen Strandabschnitt, der allerdings mit Golden Beach offiziell betitelt wurde, was unserer Meinung nach Einiges über die marktschreierischen Qualitäten des Kapitalismus in den USA verrät.(Man merkt an dieser Stelle vielleicht, dass wir noch sauer sind ob des Wahlausganges in den USA).
Der Playa Negra ist ein einsamer Strand, an dem sich hin und wieder vor allen Dingen Einheimische verirren und ein paar Straßenhunde ausruhen, was irgendwie den entspannten Habitus des Ortes unterstreicht. Unser Guesthouse (wie bereits erwähnt mitten im Urwald) erstreckte sich über 3 Ebenen, wobei die oberste Etage komplett als Dachterrasse fungierte. Im Erdgeschoss befanden sich Küche und Bad und dank einer raffinierten Technik mit Rolltüren konnte man aus der kleinen Küche eine riesige offene Küche mit großer Terrasse zaubern. So konnten wir uns jeden Morgen entscheiden, ob wir unseren Frühstückstee auf der Dachterrasse einnehmen wollten, um so den Vögeln und Affen ganz nahe zu sein und von oben auf den Kakaobaum zu sehen oder lieber auf der Erdgeschoss-Terrasse, um den Agutis und Fröschen Gesellschaft zu leisten und von unten auf den Kakaobaum zu gucken. Der Urwald ist eben voller Leben und vor allen Dingen ist er laut. Darauf versuchte uns unser Vermieter Ron (Name geändert) vorzubereiten. Er kündigte an, dass die Brüllaffen ab 04:00 Uhr morgens sehr laut sein würden. Und tatsächlich konnte man jeden morgen seine Uhr danach stellen. Die Affen legten um 04:00 Uhr morgens los und brüllten sich aus der Ferne an. Aber auch Insekten und vor allen Dingen Frösche hielten es für notwendig, nachts ihre volle Palette an Tönen und Frequenzen zum besten zu geben. Es hat mehrere Nächte gedauert bis wir registriert haben, dass das nächtliche Piepen keine Neonlampe war, die dabei war anzuspringen, sondern dass es sich dabei um einen Frosch handelte, der..., ja was auch immer der sich dabei gedacht hat.
Ron, ist ein klasse Vermieter. Er ist hilfsbereit, ein guter Gesprächspartner, einfallsreich und immer ansprechbar. Und da er auch die Natur liebt, hatten wir schnell gemeinsame Gesprächsthemen. Es wurde zu einer Angewohnheit von uns jeden morgen, wenn wir das Grundstück verlassen wollten und jeden Abend, wenn wir wieder kamen, mal eben bei Ron auf einen Plausch vorbei zu schauen. So hilfreich Ron in vielen Angelegenheiten war konnte auch er nicht verhindern, dass bei einer Luftfeuchtigkeit von ca. 90% irgendwann unsere Besitztümer anfingen zu schimmeln, obwohl er Herr Ärmels Schuhe extra trocknete und immer wieder anbot, unsere Wäsche zu waschen und zu trocknen, was wir dankbar annahmrn.
Eines Morgens um 04:00 Uhr brüllten die Affen lauter als gewöhnlich. Es brüllen zwar immer nur die Männchen, aber dafür brüllen sie für zwei, was ein gigantisches äußerst durchdringendes Konzert ergab. Also sahen wir nach, was los war und stellten fest, dass sie unser Guesthouse umzingelt hatten. Die Brüllaffen sind eigentlich harmlos, bewerfen einen allerdings mit ihren Hinterlassenschaften, wenn man ihnen zu nahe kommt, sprich zufällig unter ihrem Baum steht. Und da wir zufällig unter ihnen frühstückten und Ron berichtete, er wurde soeben von ihnen gezielt angepinkelt, nahmen wir schnell Reißaus.
Im Ortskern von Puerto Viejo geht es deutlich lebendiger und touristischer zu. Hier findet man jede Menge Hotels, ein Restaurant nach dem anderen, nette Cafés und viele kleine Läden. Obwohl es wirklich sehr touristisch ist, konnten wir auch das Zentrum genießen, denn Puerto Viejo büßt dadurch nichts von seinem Charme ein. Im Gegenteil, es macht Spaß neue Cafés und leckere Restaurants zu erkunden und interessante Kunstartikel, Kleidungsstücke und Accessoires zu durchstöbern.
Das Jaguar Rescue Center ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Hier wird sich um verletzte oder anderweitig in Not geratene Wildtiere gekümmert. Oftmals sind es Affen und Faultiere, die einen Stromschlag abbekommen haben, da die elektrischen Leitungen auf den Straßen nicht isoliert sind. Das Center versucht nun, dies nachzuholen. Uber 25% der Leitungen wurden schon von ihnen isoliert. Aber auch sonst leisten die Mitarbeiter*innen des Centers gute Arbeit. Nach der medizinischen Versorgung verletzter, kranker, verwaister oder aus schlechter Haltung befreiter Tiere steht an erster Stelle immer der Auswilderungsversuch. Diese Tiere dürfen nicht von Menschen besichtigt werden, da sie sich nicht an diese gewöhnen sollen. Man bekommt als Besucher*in also nur die Tiere zu Gesicht, die so eingeschränkt oder an Menschen gewohnt sind, dass sie nicht mehr in freier Wildbahn überleben könnten. Zudem erhält man dort interessante Informationen über die einheimischen Tiere, z.B., dass ein Faultier vier Mägen hat und nur einmal pro Woche Kot ausscheidet, bei diesem Prozess aber 1/4 seines Körpergewichtes verliert. Und dass die Frage, warum die Tiere hierzu extra vom Baum runterkriechen, anstatt (wie andere Tiere es auch machen) ihre Notdurft nicht einfach fallen zu lassen, noch nicht geklärt ist. Und man wird hier über ein sehr gutes costaricanisches Gesetz informiert: es ist verboten, einen Menschen und ein Wildtier auf ein Foto zu haben, Man darf Wildtiere fotografieren und Menschen, aber bitte nicht zusammen auf einem Foto! Mit diesem Gesetz werden die Wildtiere vor einer von Tourist*innen finanzierten Ausbeutung bewahrt. Sehr gut👍. Die Tiere im Rescue Center werden nur kurze Zeit am Tag mit Menschen konfrontiert und teilweise sogar betreut in den Regenwald ausgeführt. Das Jaguar Rescue Center ist so auch für Menschen einen Besuch wert, die ansonsten Zoos meiden.
Im nahegelegenem Cahuita Nationalpark bekommt man mit Hilfe der Adleraugen der jeweiligen Guides viele Wildtiere zu sehen mit interessanten zusätzlichen Informationen über die Pflanzen- und Tierwelt. Ein Highlight war für uns eine Waschbärenfamilie, bei der die Mutter versucht hat, eine Kokosnuss zu knacken. Aber auch die vielen Faultiere, Kapuzineräffchen, Schildkröten, Schlangen und jede Menge Vögel waren toll zu beobachten.
Wir haben uns nach längerer Überlegung dazu entschieden, eine Bribri-Familie zu besuchen. (Die Bribri sind ein indigener Stamm, der bereits lange vor Ankunft der Europäer im heutigen Costa Rica lebte. Die Bribri glauben, dass sie ein anderer Gott geschaffen hat als andere Stämme und als die Europäer, und dass sie sich trotz guter Beziehungen nicht mit diesen romantisch einlassen dürfen. So blieben die Bribri immer sehr für sich.) Die Bribis sind sehr bemüht, ihre ursprüngliche Kultur zu erhalten. Deswegen sollte man sie als Tourist*innen eigentlich nicht stören und sie von ihrer traditionellen Arbeit abbringen, aber auf der anderen Seite sind heutzutage auch sie auf Geldeinnahmen angewiesen und da ist diese Einnahmequelle sicherlich besser als anderweitige Lohnarbeit.
Die Bribis leben zurückgezogen tief im Urwald. Sie halten als Gemeinschaft eng zusammen und möchten keine Durchmischung mit Menschen, die keine Bribri-Abstammung haben, was seit der Einführung der Schulpflicht für die indigene Bevölkerung zusehends schwieriger wird. Immerhin muss jede*r, der/die an dieser Schule unterrichten will, auch die Bribri-Sprache erlernen und sich anderweitig mit der speziellen Kultur auskennen.
Die Familie, die wir besuchen durften, lebt etwas vorgelagert, so dass man bei einem Besuch nicht das komplette Dorf stören muss. Die Mutter zeigte uns zusammen mit der älteren Tochter ihren wilden Garten und erklärte uns, welche Pflanze gegen welches Leiden gut ist. Außerdem haben sie uns die Verarbeitung einer Kakaobohne präsentiert bzw. uns mitarbeiten lassen. Die Verarbeitung des Kakaos ist tief mit ihrer Kultur verbunden. Der Kakao dient zum einem als Getränk und als Nahrungsmittel, zum anderen aber auch als Heil und Berauschungsmittel. Die Verarbeitung ist ein geselliger Akt, dem z.T. auch mystische Bedeutungen zugewiesen werden. So lässt in ihrem Glauben z,B das Knacken der Kakaobohnen beim Rösten Rückschlüsse auf den Charakter des Menschen zu, der die Röstung vornimmt. Wir waren jedenfalls sehr froh, dass sie uns anhand des Knackens eine gute Aura bestätigt haben. Man will ja als Gast keine negativen Energien mitbringen! Die kleinen Kinder der Familie haben uns sehr gut gefallen. Sie wirkten so frei und glücklich und kannten sich schon sehr gut mit der Natur aus. Die Eltern sind jedenfalls keine Helicopter-Eltern. Sie ließen ihre kleinen Kinder mit großen Messern versuchen, die Kakaofrucht zu öffnen, ebenso durften sie sich um die Entfernung einer Giftschlange im Garten mit kümmern. Und Frau Waas musste mehrfach den Impuls unterdrücken, den Kleinen bei ihren Kletteraktionen nicht dauernd "Vorsicht" und "Achtung" hinterher zu rufen. Diese Kinder sind sowohl fein- als auch grobmotorisch den aus den westlichen Industriestaaten weit überlegen. Es war eine Freude, sie zu beobachten und mitzuerleben, wie frei sie waren und dass sie bei ganz vielen Dingen mithelfen durften. Und wieder einmal kam Frau Waas der Spruch in den Sinn "Aus Kindern, die nichts dürfen, werden Erwachsene, die nichts können". Wenn dieser Spruch stimmt, werden die Bribri-Kinder mal sehr viele Kompetenzen haben, die die westliche Welt verloren hat.
Am Ende kauften wir noch eine aus Kokosnussschalen hergestellte Obst- und Gemüseschale ab, die uns immer an diesen Besuch erinnern wird. Obwohl dieser Tag so beeindruckend war, dass wir ihn auch ohne Souvenir nicht vergessen werden.
Schweren Herzens verließen wir Puerto Viejo gefühlt viel zu früh. Vieles hätten wir noch gerne gesehen, noch manches Restaurant gern ein zweites oder drittes mal besucht, noch einmal im Café mit Strandblick einen Sauerfruchtsmoothie getrunken, noch einmal bei Phils Mann einen Taco gegessen oder doch mal ein Jugendfußballspiel im niedlichsten Stadion angeschaut, dass wir je gesehen haben. Aber egal, wie lange wir geblieben wären, die Sehnsucht hätten wir wieder mitgenommen.
