Veröffentlicht: 19.11.2025











































Stolz erzählt mir Fouad von seinem Laden. Ihm gehört das alles, und für meine Surftage in Sidi Kaouki macht er mir einen guten Preis: vier Tage lang zwei Stunden Surfbrett und Neoprenanzug leihen. Er freut sich, und während er mir seinen Parkplatz als sicheren Schlafplatz anbietet, spüre ich diese selbstverständliche Form von Gastfreundschaft, die hier weniger eine Geste ist als eine Haltung.
Sidi Kaouki ist winzig klein, eine einzige Straße nur, gesäumt von ein paar Surfershops und kleinen Restaurants. Das Pferdereiten am Strand und das Quadfahren seien neu, erzählt Juliette, während wir bei Kaminfeuer Tajine essen. Sie ist wie ich im Van unterwegs, reist seit vier Jahren allein durch Marokko. In der Schweiz arbeitet sie mit Tieren – melkt Kühe, verbringt die Tage auf dem Berg. Sechs Tage die Woche von früh bis spät. Drei Monate im Jahr braucht sie Abstand davon. Dann reist sie wie ich.
Sidi Kaouki ist mir bislang der liebste Ort. Imsouane war schicker, aber auch vermüllt, ein Hotspot, den vor allem junge Surftouristen für sich entdeckt haben. Von Fouad erfahre ich später, dass die Hotels dort gern ihr Abwasser in die Bucht entlassen und viele Surfer krank werden. Das erklärt den strengen Geruch über dem Dorf und warum es mich dort wegzog. Stattdessen fand ich einen traumhaft schönen, einsamen Strand. Bis auf vier Männer, die dort geschäftig irgendetwas nachgingen, war niemand da. Zwei Tage tauche ich ein in dieses fast unberührte Paradies, eingerahmt von Sonnenschein und blauem Himmel.
Der Wetterumschwung in der Nacht kommt völlig unerwartet. Es blitzt und donnert heftig, ein Sturm zieht auf und bringt viel Regen mit. Ich denke an die drei Kilometer sandige Straße, die sich inzwischen in eine lehmige Piste verwandelt hat. Das schafft mein Drachen nicht. Immer wieder rutsche ich zurück und frage die vier Männer, ob sie eine Lösung wissen. Sie schütteln den Kopf, aber einer sagt: „Du kannst bei uns bleiben. Genieße es. Es ist doch so schön, wenn der Regen auf dein Dach prasselt.“
Hesham ist Surflehrer, hat lockiges Haar, einen klaren Blick und eine warme Ausstrahlung. Er will mir Mut machen, spricht ein wenig Englisch. In Imsouane gibt er Surfunterricht, hier sei er, um Urlaub zu machen. Seine Unterkunft ist eine kleine Steinhütte, innen ein winziges Zimmer, nur durch einen Teppich vom Wind getrennt. Später wird er Steine sammeln, um sein Dach vor dem Regen zu schützen. Ich bleibe. Es regnet den ganzen Tag und die ganze Nacht. Heshams Worte klingen nach: Yoga machen, genießen. Es braucht Zeit, bis mir das gelingt. Zu wissen, dass die einzige Straße unbefahrbar ist, macht nervös. Aber ich bin nun Teil der Familie, wie Hesham sagt. Jemand bringt Tee, jemand fragt, ob ich etwas brauche. Am nächsten Tag schaffe ich es hinauf.
Reisen schafft solche Erlebnisse. Oft hänge ich irgendwo am Stein, muss mich aus einer matschigen Umgebung befreien oder bleibe im Sand stecken. Das ist nie ein gutes Gefühl, doch immer gibt es Menschen, die dann da sind und helfen. Menschen sind im Grunde gut, denke ich dann. Diese Ereignisse geben mir Urvertrauen und verändern etwas in mir.
Mit diesem wiedererlangten Vertrauen bleibe ich ein paar Tage in Sidi Kaouki. Wenn die Wellen sich nicht zum Surfen eignen, fahre ich nach Essaouira, der windigen Hafenstadt. In den siebziger Jahren trafen sich hier alte Hippies; ihr Charme ist hängen geblieben und verleiht der Medina mit ihren Riads – traditionellen Stadthäusern mit grünem oder blauem Innenhof – eine verträumte Atmosphäre. Es ist die Region des Arganöls. Ein Shop reiht sich an den nächsten. Dazwischen frisch gemahlenes Mandelmus und Gewürze, deren Farben – bunt, blau, weiß, erdig – die Gassen leuchten lassen. Der Hafen wirkt dagegen wie eine andere Welt: rau, zugig, pur. Riesige Thunfische liegen auf den Tischen, Meeresfrüchte türmen sich, alte Seemänner basteln eifrig Sardinenköder.
Marokkos Schönheit zeigt sich nicht auf den ersten Blick. Die Fassaden bröckeln, der Putz fällt ab, die Straßen sind staubig. Das gepflegte Europa macht sich anders zurecht. Doch es ist längst nicht so entspannt, so quirlig und lebendig. Nicht so hilfsbereit, freundlich und zugewandt. Eine Art, die mich ansteckt und die ich mitnehmen will.
