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In der Müßigkeit der Zeit

Veröffentlicht: 30.11.2025

Um elf Uhr ist Surfzeit. Fouad und seine Crew kennen mich inzwischen; der Neoprenanzug in meiner Größe wird mir ungefragt gereicht. „Wir haben dich gestern surfen sehen“, sagt Fouad. „Das Anfängerboard brauchst du nicht mehr. Du bekommst ein schmaleres.“ Das größte Kompliment überhaupt. Und tatsächlich: Es klappt besser. Das neue Board ist kleiner, handlicher, leichter. Ich bin wendiger im Wasser, fühle mich langsam sicherer. Bis mich die nächste Welle wieder umwirft.

Charlotte lacht. „So ging es mir auch, als ich auf das nächste Level-Board umgestiegen bin.“ Charlotte reist mit ihrer Freundin. Wir treffen uns jeden Tag zur gleichen Zeit in den Wellen. Sie ist so ausdauernd wie ich, und wir hören erst auf, wenn wir nicht mehr können – oder die Wellen uns zwingen. Viel mehr verlangen die Tage in Sidi Kaouki auch gar nicht von mir. Ich merke, wie mich die Langsamkeit hier einholt – wie sie etwas von mir will, das ich fast verlernt habe.

Sonntags ist Markttag auf dem Souk El Had. El Had heißt Sonntag auf Arabisch. Aber eigentlich ist immer Markttag. Ich komme ohne Erwartung, doch der Markt überrascht mich erneut. Ein Ort für Einheimische, die in großen Mengen alles Mögliche kaufen. Die zwei Kekse, die ich haben will, werden mir mit einem müden Lächeln geschenkt – offenbar lohnt die Abrechnung nicht.

Der Markt ist eine Choreografie aus Gemüsegassen, Haushaltswaren, Stoffen, Kleidern, Gewürzen. Die Ware liegt ausgebreitet auf dem sandigen Boden. Noch sauber, wie ich eine Ecke weiter feststelle. Im Fleischabteil wird „hygienisch“ weit ausgelegt. Fleischer hacken grob ganze Tiere klein, es spritzt, Blut und Wasser sammeln sich zu Pfützen. Ein salzig-metallischer Geruch, schwer und dicht. Gleich daneben brutzelt schon das, was eben noch verarbeitet wurde; ein Grill neben dem anderen taucht die Gassen in dichte Rauchwolken. Die Sonne sticht durch den Nebel und schafft ein unwirkliches Bild. Faszination und Ekel gehen Hand in Hand. Ich suche den Weg hinaus – hin zu den Händlern mit Korbgeflechten, wo es weniger streng riecht.

Irgendwann zieht es mich weiter Richtung Norden – ein sanfter Ruck, mehr Neugier als Abschied. Nicht mehr viel trennt mich von Europa, vom vertrauten Trott der Arbeit. Erste Gedanken daran tauchen auf, doch ich schiebe sie weg. Zu früh. Noch bin ich hier und lerne, was das langsame Reisen mit mir macht.

Safi ist mein nächstes Ziel. Die Medina gehört zum Weltkulturerbe, doch zunächst berührt sie mich kaum: zu viel Neonlicht, zu viel unnützer Plastik-Krimskrams. Dann entdecke ich die Töpfereien, das Herz des Städtchens. Etwas versteckt hinter der Medina können wir den ganzen Herstellungsweg verfolgen: Wie der Lehm aus der Erde genommen, geteilt, geformt wird. Wie er sich unter kreisenden Bewegungen in eine Tajine verwandelt. So friedlich. Eine Ecke weiter wird der Ton gebacken und bemalt. Alles wirkt beschaulich, jeder hat seine Aufgabe, jeder Handgriff sitzt.

Ich freue mich auf das nächste Surferdorf. Doch Oualidia ist anders. Eine Lagune, eine endlose Küste, auf der wir Camper stehen können. Jeder in seiner eigenen kleinen Bucht, der Strand erreichbar über eine steile Kletterei. Ein Traum – und doch keiner, der mir gehört. Fischer laufen auf den Klippen bis ganz nach vorne. Es sieht gefährlich aus, scheint aber Alltag. Der Wind peitscht den Sand wie feine Nadeln ins Gesicht. Zum Surfen taugt das nicht. Kühler ist es auch. Wunderschön, aber ich bleibe nicht. Ich vermisse, was ich hatte, und kehre um.

Auf dem Rückweg nach Sidi Kaouki denke ich an den Umweg – und an das CO₂, das er gekostet hat. Ein kleiner Stich im sonst so weiten Freiheitsgefühl dieser Tage. Mit etwas schlechtem Gewissen parke ich wieder in meinem kleinen Paradies, in meiner Bucht am Meer. Omar kommt jeden Tag vorbei. Er begrüßt alle Vans und Camper, hört sich unsere Geschichten an und trägt sie weiter.

Ich sehe viele kommen und gehen. Wenige bleiben so lange wie ich. Selten habe ich so lange an einem Ort verbracht. Aber meine Mission – surfen lernen – ist noch nicht vollbracht.

Ich treffe auf Kai. Er lebt seit acht Jahren Vollzeit im Van, ohne Wohnung. In den Sommermonaten arbeitet er in Frankreich, den Rest des Jahres reist er. Mehr reisen als arbeiten. Was er den ganzen Tag so mache, frage ich. „Chillen“, sagt er. Ich staune ein wenig. Ich brauche Bewegung. Mir Dinge vornehmen, sie erledigen – das gibt mir ein gutes Gefühl. Nur reisen, immerfort, wäre mir zu wenig. Zu wenig sinnstiftend, zu wenig antreibend.

Vielleicht besteht meine Mission hier auch darin, mit den wenigen Aufgaben am Tag Frieden zu finden. Die Langsamkeit anzunehmen. Das Getriebensein ruhen zu lassen. Wenn mich dieser Ort etwas lehrt, dann, dass Müßigkeit wundervoll sein kann – wenn irgendwo ein nächstes Ziel wartet. Und für mich ist dieses Ziel nicht nur ein weiterer Ort. Es ist ein kleines Stück Sinn, das ich hinterlasse. Eine Spur.

So, wie die Wellen ohne Eile immer wieder kommen und den Strand formen.

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