Über das Geben
Entlang Oasen und Felsen In Tinghir will ich Gemüse und Gewürze kaufen, dann wandern in der Todra-Schlucht. Ich parke. Offenbar falsch. Ein Mann, wohl selbst ernannter...

Veröffentlicht: 27.10.2025
Marrakesch liegt vor mir. Nicht mehr weit. Eine verrückte Stadt, sagen viele. Ich ahne, sie wird mich wieder fordern und will vorher Kraft tanken. Noch einmal wandern gehen. Schleiche mich ein paar Höhenmeter die Berge hinauf. Lerne was 12 Km/h bedeuten, wenn ich hinter unseren ausrangierten LKW aus den Achtzigern hinterherfahre. Oben finde ich einen Platz mit Blick auf das Atlasgebirge - und genau einen Pfad, der hinaufführt. Kein Wanderweg, keine Markierungen, kein Ziel. Nur ein Weg.
Vor mir ein Meer voll Berge. Gipfel wie Wellen, die sich am Horizont verlieren. Blauer Himmel, 25 Grad. Kein Mensch. Nirgends. Einer Schafherde begegne ich, mehr nicht.
Wie weit soll ich gehen, wenn der Weg kein Ziel vorgibt? Nach acht Kilometern lande ich bei einer improvisierten Bergmine. Ein alter LKW steht da, Solarzellen, große Autoreifen, ein altes Starthilfekabel liegt rum und ein Gerät. Ein Motor?
Skurril. Beschließe, das ist mein Ziel. So mache ich das oft im Leben. Ich folge keinem festen Plan. Ziele betrachte ich als Vorschläge, die ich mit mir selbst verhandle. Ich wollte einmal am liebsten Vollzeit reisen und arbeiten, immer im Van leben. Am liebsten gleich nach Kenia reisen und die Gründer von damals besuchen, über die ich so viel geschrieben habe. Es ist anders gekommen. Drei Monate im Jahr sind es nun, die mir gehören.
Und jetzt - hier - bin ich einfach nur Reisende. Ohne Arbeit. Ohne Takt. Das war nie so geplant und es verändert so vieles. Ich habe plötzlich Zeit. Das erste Mal bin ich gedanklich nur hier. Nicht halb in Gedanken zwischen Terminen. Ich nehme mir Zeit, um zu sehen, zu fühlen, zu schreiben. Diese Stunden, die ich mir nie gegeben habe, sind ein Geschenk. Denn Zeit ist doch das Einzige, was uns gehört. Das kostbarste Gut von allem, das uns keiner nehmen kann.
So meinen Gedanken hinterherhängend höre ich zwei Hunde laut bellen. Sie laufen zu mir rauf. Stehen schon sehr nah bei mir und knurren Zähne fletschend in meine Richtung. Denke an meine Tollwutimpfung und rechne mir aus, welches Bein sie wohl treffen sollten. Leichte Panik steigt auf. Dann erscheint ein alter Hirte im langen braunen Gewand, ruft etwas, hebt einen Stein. Die Hunde verstummen sofort. Der Weg ist frei. Bedanke mich. Ich soll das nächste Mal einen Stein nehmen und nach ihnen werfen. Ich werde es versuchen – auch wenn mir das schwerfallen wird.
Stunden später sehe ich ihn wieder. Er zieht mit seinen Schafen an meinem Bus vorbei. Vielleicht tut er das jeden Tag. Ob er das wollte? Ob er sich das einmal als Ziel gesetzt hat? Oder war das einfach sein Weg? Was denkt jemand, der den ganzen Tag mit Tieren auf einem Berg lebt?
Ich sitze da, in meinem Bus, warm, sicher, frei. Und denke: Was für ein Luxus, sich das alles aussuchen zu dürfen. Zu entscheiden, wann ich gehe, wo ich bleibe, was mein Ziel ist. Vielleicht ist genau das das größte Privileg – nicht die Freiheit, überall hinzufahren, sondern die, stehen bleiben zu können.
