Das Saharageschäft
Kamele und Motorenlärm Hassan erreicht mich auf seinem Moped, noch ehe ich mich fünf Schritte vom Bus entfernt habe und meine erste Sahara-Erkundung starten kann. „Ah, aus Berlin!...

Veröffentlicht: 25.10.2025
In Tinghir will ich Gemüse und Gewürze kaufen, dann wandern in der Todra-Schlucht. Ich parke. Offenbar falsch. Ein Mann, wohl selbst ernannter Parkwächter, fuchtelt wild mit den Armen und ruft Anweisungen. Noch ehe ich etwas sagen kann, stehen drei Männer neben mir und wissen besser, wie ich mein Auto zu manövrieren habe als ich. Gedanklich bin ich noch bei dem Lkw-Fahrer, der mich in den Serpentinen fast abgedrängt hat, und bei der Landschaft, die sich seit der Sahara so verändert hat: rote Felsen, grüne Täler, Oasen voller Dattelpalmen. Ich will nur mal kurz Luft holen. Aber das geht hier oft nicht. Sobald ich halte, bin ich Aufmerksamkeit. Jeder will etwas, fragt, schaut, spricht mich an. Das ist gewöhnungsbedürftig.
Angestrengt, aber mit dem schönsten Gemüse im Gepäck, fahre ich weiter durch die Todra-Schlucht. Unglaublich schön. 400 Meter hohe Felswände, ein schmaler Bach, eine enge Straße, auf der sich Reisebusse, Touristen, Verkäufer und nun auch ich durchquetschen. Auch hier: Jeder will sein Geld verdienen.
Nachts wird es still. Ich wache mit der Sonne auf, die die Felsen in goldenes Licht taucht. Packe meine Sachen und ziehe los, bevor die anderen wach sind. Jetzt habe ich sie – die Ruhe, nach der ich gesucht habe. Drei Stunden wandere ich, blicke hinab auf Palmen, Fluss, Oasen. Traumhaft. Und während ich gehe, denke ich über das Geben nach.
Hier oben, zwischen den Lehmdörfern der Nomaden, ist vieles noch traditionell. Zwei Kinder treiben ihre Ziegen über den Berg. Ich winke. Freue mich über das Zurückwinken – und dann kommt die Handbewegung. Manger, manger. Gib Geld. Etwas zu essen. Ich gebe die Kekse, die ich dabeihabe, und denke: unten im Tal ist es nicht anders. Dort sind es Erwachsene, die um Spenden bitten, hier sind es Kinder. Sie haben früh gelernt, dass Bitten belohnt wird. Ist das falsch? Oder einfach menschlich?
Ich denke an die Gründerinnen und Gründern von Technolgie-Startups in Kenia, die ich mal interviewt habe. Die haben sich lieber von Freunden und Familie unterstützen lassen, als von europäischen Investoren. Sie wollten unabhängig bleiben, frei von dem, was sie nicht kontrollieren konnten. Diese Kinder hier können sich nicht darauf verlassen, dass immer dann ein Tourist vorbeikommt, wenn sie Hunger haben. Direkte Hilfe scheint intuitiv gut, wirkt aber oft nur kurzfristig. Nachhaltiger ist, wer Strukturen stärkt, nicht Abhängigkeiten schafft.
Abends halte ich an einem See. Es ist Samstag. Familien picknicken, Väter angeln mit ihren Kindern. Zwei Kinder klettern neugierig in meinen Bus. Entdecken meine Lieblingsecke auf der Couch und entspannen. Schauen mir beim Kochen zu, inspizieren neugierig jeden Winkel. Wir sammeln noch etwas Müll zusammen. Ein Prinzip der im Buslebenden: Verlasse jeden Ort sauberer, als du ihn vorgefunden hast. Die Mutter bringt Tee und Kekse, lädt mich ein, bei ihnen zu übernachten. „Damit du nicht so allein bist“, sagt sie. Mehr will sie nicht. Ich bleibe. Und lächle über diese Wandlung des Tages: Geben hat viele Formen. Manchmal ist es Geld, manchmal Kekse, manchmal einfach Zeit.
