Veröffentlicht: 09.11.2025































„Ist das dein Mittagessen?“, fragt ein Tourist den Surflehrer vor dem Straßenladen in Taghazout.
Der Surflehrer: schwarz, sehnig, Oberkörper glänzt in der Sonne. In der Hand: Banane, Kaki, Mandeln.
Der Tourist: Brite, blass, klein, dünne Arme. Bewundernder Blick.
„Nein, mein Frühstück“.
Der Brite lacht kurz, dann ernst: „Du siehst so gut aus. Was machst du, um so auszusehen?“
Eine mutige Frage. Wir hören beide zu, als wäre es ein Vortrag über ewige Jugend.
Der Brite legt die Pringels zurück. Das Brot sei „nur für seine Freundin“.
Ich blicke auf meine Avocados. Fühle mich kurz überlegen – und dann doch nicht. An der Kasse kaufe ich Mandeln. Und eine Kaki. Nur für den Fall.
Meine Reise hat inzwischen die Küste erreicht. Ich bin in Taghazout. Das Inland war zugeknöpft. Hier zeigt jeder, was er hat - Muskeln, Schönheit, Selbstbewusstsein. Überlege, was ich zeigen will.
Die erste Surfstunde. Hunderte Surfer mit mir im Wasser. Alle suchen die Welle, die uns Anfänger kurz stehen lässt. Es hat sich herumgesprochen. Marokko ist ein Surferparadies. Lange Wellen. Breite Strände. Günstig. Taghazout bietet dafür alles: Hostels, Surfschulen, Yoga, Boards und Bars. Den Surfervibe. Auf so vielen Reisen hab ich die Surferspots umfahren. Zu voll, zu quirlig. Ich mag es ruhiger. Und bin jetzt mittendrin. Lass mich von Wellen vom Board werfen. Hab Spaß aber finde es ermüdend. Will es lieber gleich gut können.
Es ist Nationalfeiertag. Schulkinder laufen mit Flagge durch die Stadt. Familien picknicken und kochen Tajine am Strand. Surferinnen im Bikini. Muslimische Frauen in langen Badekleidern. Beten am Strand. Diese Bilder wirken harmonisch. Frage mich, wie die nackte Haut auf Einheimische wirkt. Vielleicht alltäglich, weil hier schon seit den siebzigern gesurft wird.
Abends sitze ich mit Luisa vom Toubkal und ihrer Freundin beim Essen. Dort, wo auch die Einheimischen hingehen. Unauffällig, einfach und richtig gut. Fleisch und frischer Fangfisch werden offen gegrillt, hohe Rauchschwaden umgeben uns. Katzen und Hunde betteln um die Reste. Es sieht schmutzig aus. Mein Bauch hat’s vertragen.
Einen Ort weiter ist es ruhiger. Tamraght. Hier fahren wir uns nicht mehr gegen die Bretter. Ich kann entspannter üben und meinen eigenen Takt finden. Ohne Schule. Frauen kochen Muscheln am Strand. Beim Sonnenuntergang eine wunderbare Stimmung. Surferbars und Restaurants leuchten in bunten Farben.
Und wie überall: Viele Baustellen. Hotels entstehen. Das Straßennetz soll bis zur WM bis Agadir ausgebaut werden. Tara erzählt, sein Nachbardorf Tifnit, ist platt gemacht. Zum schön machen hat es nicht mehr gereicht. Die Einheimischen mussten umziehen. Den großen Hotelanlagen weichen. Geplant von ausländischen Investoren. Nun verkauft er Arganöl in Tamraght.
Der Takt meiner Tage ist jetzt ruhiger: Surfen. Sonnenbaden. Eintauchen in das Gefühl der Orte. Die Bilder wirken nach. Die Yogi-Kultur mit Matcha-Latta ähnelt Berlin Prenzlauer Berg und passt nicht in mein Bild von Marokko. Aber das ist meine Schranke im Kopf. Menschen bringen mit, was sie kennen. Verändern, was sie finden. Ist das der Rhythmus dieses Landes? Ständig im Umbau, ständig im Gleichgewicht. Wie die Wellen am Strand.
