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Alleingelassen auf 4.000 Metern

Veröffentlicht: 03.11.2025

Tour
Wandertour auf den Toubkal
Wanderung
Sehenswert
Imlil
Imlil, Marokko
Unterkunft
Camp
Glamping · Imlil
Tour
Aufstieg zum Gipfel des Toubkal
Wanderung

In Imlil startet meine Wandertour auf den Toubkal – über 4.000 Meter hoch, der höchste Berg Nordafrikas. Hier, auf 1.600 Metern, will ich mich an die Höhe gewöhnen. Es ist noch sehr ungewiss, mit wem ich die Tour starte. Die Agentur schreibt grob auf WhatsApp. Erst zahlen, dann gibt es weitere Informationen. Aber ich will trotzdem vertrauen. Merke, wie sehr ich Strukturen gewöhnt bin, die zuerst Vertrauen geben, nicht fordern. Habe sie in Marrakesch gefunden - bewusst nicht online gebucht. Mit der Hoffnung, mein Geld würde dann dort ankommen, wo es gebraucht wird.

Imlil ist vorbereitet auf Wanderer. Vor allem auf die Anfänger wie mich. Schlafsäcke, Wanderstöcke, Handschuhe, Rucksäcke - alles können wir leihen. Müssen nicht kaufen. Ich habe fast alles dabei. Schnell lernen wir uns kennen. Die Bäcker, die Outdoorläden, die Straßenhändler und der Parkwächter, der auf meinen Drachen zwei Tage aufpassen wird. Es fühlt sich sicher an.

Omar soll mich zur Gruppe bringen. Er kommt eine Stunde zu spät, keine Begrüßung. „Schnell, es geht los.“ Ich laufe mit. Erst mit Omar, dann mit Hassans Gruppe. Eine Stunde. Dann soll ich „zu meiner eigentlichen Gruppe wechseln“. Warum die ohne mich gestartet sind – keine Erklärung. Ich bin verwirrt, aber vertraue weiter. Zu sehr vielleicht.

Die neue Gruppe: eine französische Familie. Reich. Sie haben eine private Tour gebucht: Eigener Koch, eigene Unterkunft, eigener Guide. Ich bin nachträglich dazu genommen worden. Niemand freut sich darüber. Nicht diese Familie, nicht der Guide. Ich auch nicht. Wir laufen im Eiltempo nach oben. Kein Innehalten für die Berge, den Bach, der unseren Weg begleitet, die kleinen Wasserfälle. Nur Rhythmus. Und Leistung. Es sind Sportler, heimisch in den französischen Bergen. Wollen wandern und dann in Essaouira Urlaub machen. Ein wenig das “einfache Leben” kennenlernen, erzählt der Vater. Es hat etwas Angebendes. Wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, interessiert sie. Den Status abgleichen. Wir harmonieren nicht. Kommen aus andern Welten.

Im Camp: Ein 32-Betten-Zimmer, zwei Loch-Toiletten, zwei richtige, schmutzige Dusche und Menschengeruch. Es sind etliche Gruppen mit rund hundert Wanderern. Abends lasse ich mich anstecken von der Heiterkeit. Es wird ein schöner Abend. Schlaf finde ich wenig.

4.30 Uhr: Ich stehe mit schwerem Rucksack vor dem Haus. Warte. Die anderen Gruppen sind schon weg. Die Familie erscheint aus dem Nachbarhaus. Hatten ein privates Zimmer. Kommen mit leichtem Gepäck. Der Guide verkündet: Die Familie hat sich umentschieden. Sie nehmen einen anderen Weg zurück, bleiben eine weitere Nacht im Camp. Dafür habe ich nicht bezahlt. Ich soll einfach mit hochlaufen und mir oben eine Gruppe suchen, die mich wieder runterbringt. Mitten in der Nacht. Ohne Navigation. Ohne Internet. Ohne irgendeine Zusage. Ich koche innerlich vor Wut. Aber ich laufe trotzdem mit. Kann nicht so schnell Schritt halten. Mein Gepäck ist schwerer, der Ärger lähmt mich. Es geht steil nach oben, über Geröll, Felsen, der Weg in der Nacht kaum zu erkennen. Ich bleibe zurück.

Die Worte vor mir scharf: „So schaffen wir nie unser Foto bei Sonnenaufgang.“ Ich bekomme Kopfschmerzen, Atem wird knapp. Nach 1,5 Stunden sagt der Guide: „Wir gehen ohne dich weiter. Du kannst dich an dem Licht der anderen orientieren. Noch eine Stunde.“ Dann lässt er mich zurück. Allein. Im Dunkeln. Im Sturm. Auf 3.700 Metern.

Eine Träne rollt. Ich will nicht aufgeben. Kann auch nicht zurück. Der Abstieg ist genauso gefährlich. Also weiter. Bis drei Wanderer mich einholen. Der eine, Ismail, ist Bergführer. Fassungslos. “Er hat dich allein gelassen?” Ich nicke. Er nimmt mich mit. Fühle mich wieder sicher und jemandem zugehörig. Mit ihnen schaffe ich es auf den Gipfel. Die Sonne ist bereits aufgegangen. Die anderen Gruppen auf dem Rückweg. Keine Spur von meiner Gruppe. Keine Spur von dem Mann, der oben auf mich warten wollte.

Was mich gelähmt hat, war nicht die Höhe. Nicht die Steigung. Nicht die Kälte. Sondern die fehlende Transparenz. Die Unsicherheit. Der Vertrauensbruch. Kraft kommt von innen. Und innen braucht Halt.

Am Ende war es trotzdem schön. Wegen Luisa* und Peter* aus Belgien. Wegen Ismail, der tat, was Guides tun sollten: führen, nicht zurücklassen. Luisa werde ich in Taghazout wiedersehen. Und Ismail? Den würde ich jedes Mal wieder buchen.

*Namen geändert

Auf einen Blick

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Wetter
Sommer
Begleitung
Mit Freunden
AbenteuerlichAbseits der Pfade
  • Wandertour auf den Toubkal ab Imlil
  • Aufstieg bis über 4.000 Meter
  • Allein im Dunkeln und Sturm zurückgelassen
  • Mit Hilfe von Ismail doch den Gipfel erreicht
SchlafsackWanderstöckeHandschuheRucksack
NaturBergeAbenteuer
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Antworten (2)

Einfachvor 9 Monaten
Beim Lesen deines Berichts ist mir richtig schwer ums Herz geworden. Ich bewundere, wie großmütig und ruhig du beschreibst, was dir da widerfahren ist – obwohl man jeden Grund gehabt hätte, laut zu werden. Bemerkenswert❣️ Ein Glück, dass du noch echte Menschen getroffen hast…

Josefinevor 9 Monaten
Vielen Dank! Am Ende bin ich froh, es gemacht zu haben. Und der Guide, der mich da hat stehen lassen, hatte wahrscheinlich Angst um seinen Job. Wollte die Familie nicht enttäuschen. Und ich habs ja dann doch noch sicher nach oben geschafft.

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