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Nähe im Fremden

Veröffentlicht: 15.12.2025

„Ist das dein erster Besuch in einem Hamam?“ fragt die Frau, die mich gleich eine Stunde lang von oben bis unten säubern, peelen, eincremen und abrubbeln wird. Mein Nicken erklärt ihr offenbar meine unsicheren Bewegungen.

Ich habe mich in Essaouira für ein Spa-Hamam entschieden. Ein traditionelles Bad, aber kein öffentliches. In der Hoffnung, sanft behandelt zu werden und mich nicht mit hundert anderen Frauen aus einem Eimer waschen zu müssen – so, wie es vor dem Freitagsgebet überall im Islam praktiziert wird. Dort steht das Waschen im Vordergrund, nicht die Erholung.

Meine Hamam-Erfahrung ist erholsam. Das Bad und die Frau habe ich für mich ganz allein. Fünfmal werde ich eingesalbt, gewaschen, dazwischen darf ich auf einem warmen Marmorstein ausruhen. Eine Kerze brennt, ein Öl erfüllt den Raum mit einem weichen, beruhigenden Duft. Zunächst ist es befremdlich, nichts selbst zu tun. Mich nicht selbst zu waschen. Kontrolle abzugeben.
Dann lasse ich mich darauf ein. Auf die fremden Hände auf meinem Körper. Auf dieses An-die-Hand-genommen-Werden. Meine Haare werden eingeschäumt, warmes Wasser aus einem Holzeimer über mich gegossen. Sanft legt sie mich zurück auf die Liege. So vergeht eine Stunde, bis ich leicht benebelt wieder nach draußen trete – und mich ungewöhnlich rein und frei fühle.

Meine Liste der Dinge, die ich auf dieser Reise erleben wollte, ist fast abgehakt. Es bleibt nicht mehr viel. Nur der Weg entlang der Atlantikküste zurück Richtung Norden. Ein wenig traurig verabschiede ich mich ein zweites Mal von Sidi Kaouki. Von Ahmed und seinem Team, den besten Surflehrern, die ich mir hätte wünschen können.

El Jadida hebt meine Stimmung. Einst von portugiesischen Siedlern gegründet und von Touristen weitgehend ignoriert, empfängt mich die Stadt herzlich. Die Medina ist die sauberste und gepflegteste, die ich bisher gesehen habe. Die Menschen sind unaufdringlich, keine anstrengenden Verkaufsdialoge. Ich werde gut beraten, kaufe Gewürze für ein ganzes Jahr.
Später erzähle ich Kadin, dem Guide in Casablancas gigantischer Moschee, von El Jadida. Von der entspannten, angenehmen Atmosphäre dort. Er runzelt die Stirn. Dreimal habe er es dort probiert, sagt er, und jedes Mal habe es Stress gegeben.
„Aber klar“, fügt er hinzu, „du hast es als blonde Frau und als Touristin natürlich überall leicht.“
Alles eine Frage der Perspektive, denke ich. Und davon, von wo aus man schaut.

Die Hassan-II.-Moschee in Casablanca ist die größte, höchste und reichste Moschee Afrikas – und eine der wenigen, die auch Nicht-Muslime betreten dürfen. Wir werden nach Sprachen aufgeteilt. Als einzige Deutsche habe ich Kadin für mich allein. Er überschüttet mich mit Superlativen: die zweitgrößte Moschee Afrikas, das höchste Minarett, das höchste religiöse Bauwerk der Welt. Nach nur siebenjähriger Bauzeit 1993 eingeweiht. 25.000 Menschen finden in der Gebetshalle Platz, weitere 80.000 auf dem Außengelände. Während des Ramadans ist jeder Platz belegt.
„Aber warum wurde so eine riesige Moschee überhaupt gebaut?“, frage ich.
„Um Touristen nach Casablanca zu ziehen“, sagt Kadin. Marrakesch habe die Souks, Fès die älteste Universität der Welt – Casablanca habe lange nichts gehabt. Die Moschee änderte das. Ein Prestigeprojekt von König Hassan II., ein Wahrzeichen für die Stadt, ein Aushängeschild für Marokko. Über 600 Millionen Dollar teuer. Finanziert durch „nationale Spenden“. Jeder, der konnte, sollte zahlen. In einer Zeit großer Armut ein enormer sozialer Druck – denn kaum jemand konnte sich dieser Spende entziehen.

Mit jedem Kilometer Richtung Norden wird es kühler, und Rabat wirkt plötzlich vertraut. Kaum Müll auf den Straßen, grüne Rasenstreifen, Straßenbahn, Hochhäuser, ein modernes Theater. Die Medina und die Kasbah sind aufwendig restauriert. Die Stadt der Regierung und des Königs soll nicht bröckeln. Es wirkt wie ein Wunschbild Marokkos. Doch nur weil eine Stadt ihren Müll kehrt, verschwindet er nicht. Wenige Minuten weiter, in Salé, ist er wieder da. Die Enge, die Bitten um Spenden, das Gedränge.

Orte wie Larache, Assilah und Tanger entsprechen eher dem Marokko, das sich mir eingeprägt hat und das ich inzwischen mag. Die kleinen dunklen Läden mit staubigem Boden, ungewaschenem Gemüse und unaufgeräumten Regalen wirken vertraut. Das Essen schmeckt nicht besser, weil es aus einem hygienisch perfekten Supermarkt kommt. Es sind die gleichen Lebensmittel. Nur teurer und glatter.

Was ich hier so mochte, sind die Menschen. Die mich mit einem Lächeln begrüßen, sich merken, was ich kaufe, fragen, wie es mir geht. Das ist Nähe im Fremden. Gemeinschaft ohne große Worte. Das ist es, was ich vermissen werde.

Und auch den Muezzin. Wenn freitags die Läden schließen und die Straßen leer sind, weil alle zum Gebet in der Moschee sind. Und danach gemeinschaftlich zurückkehren. Nicht eilend, sondern bedächtig. Noch in Gedanken, kaum Worte wechselnd. Diese Bilder bleiben. Und das Gefühl der Demut. Demut vor dem Glauben, den Ritualen, dem Fleiß und dem Engagement für etwas, das größer ist als wir selbst. Der Glaube verbindet. Und manchmal trennt er auch.

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