Veröffentlicht: 30.10.2025




























Alles halb fertig
Mein Drachen verlangt nach Pflege. Seit Tagen schon leuchtet die Motorkontrollleuchte mahnend. Ich lerne: Leuchten ist noch nicht schlimm. Blinken wäre es. Trotzdem macht es nervös, wenn noch so viele Kilometer vor einem liegen. Also gebe ich nach und schaue, was los ist. ChatGPT und zwei Freunde vermuten: schlechte Dieselqualität, hohe Temperaturen, zu viel Staub. Ich folge dem Rat der KI und fahre zu Ilyas Werkstatt, ein Stück außerhalb von Marrakesch. Eine von vielen: klein, staubig, schmierig, das Garagentor offen – wie so oft hier. Ilyas zeigt mir sein Telefon. Darauf die Erklärung der Fehlerauslese, übersetzt von ChatGPT: Zu viel Abgas im Motor. Auch hier also KI. Und wieder ein Bild, das nicht ganz passt.
Ilyas besorgt ein neues Ventil, fährt mit dem Moped los, verschwindet irgendwo im Gewirr. Zwei Mechaniker schrauben und suchen, seit der Minute, in der ich angekommen bin. Sechs Stunden später ist das Problem halb behoben. Ich soll zu Hause noch einmal nachsehen lassen. Zum Schluss eine Probefahrt. „Willst du fahren?“, frage ich. „Nein, du. Hier ist viel Verkehr.“
Mit repariertem Ventil und halb beruhigt fahre ich am nächsten Morgen weiter in Richtung Stadt. Viele vertrauen Taxis, lassen ihre Camper stehen. Ich vertraue lieber mir. Rote Ampeln werden ignoriert, Mopeds und SUVs drängeln sich vorbei, während ich brav warte, bis es grün wird. Hinter mir hupt es nervös. So ist das vor jeder Stadt – nur dass in Marrakesch die Mopeds aus allen Richtungen kommen.
Ich stoße auf einen Markt entlang der N8, einer Bundesstraße, keine kleine Seitenstraße. Ein Mann zieht zwei Kühe hinter sich her. Hat er sie gerade gekauft? Eine rutscht aus, tritt fast gegen meinen Bus. Ein anderer balanciert ein Schaf auf dem Moped, während er auf mich zusteuert. Zweispurige Straßen werden zu vier. Von links und rechts überholen mich Tiere, Mopeds, Menschen, Lieferwagen. Und ich: bleibe ruhig.
Als der Hund in den Bergen seine Zähne fletschte, war ich nervöser als jetzt, in diesem wilden Straßengetummel. Denn das Sicherste, was ich tun kann: dem Fluss vertrauen. Mitschwingen, mit dem chaotischen Rhythmus dieser Stadt. Wie der Mann mit Blindenstock, der sich unbeirrt seinen Weg bahnt.
Vor Marrakesch wurde ich gewarnt. Wild, laut, überteuert. Ich solle nichts kaufen. Die Frau am ersten Kaffeestand verlangt 55 Dirham für einen kleinen marokkanischen Kaffee – fast sechs Euro, teurer als in Berlin. Es ist erst zehn Uhr morgens. Noch sind alle beschäftigt, ordnen andächtig Schachteln und Döschen, damit später alles schön aussieht, wenn die Touristen kommen. Andere sitzen beim Frühstück vor ihrem Laden. Der Verkaufsmodus hat noch nicht eingesetzt. Ich schlendere unbemerkt durch die Medina. Sie funkelt mehr als andere, leuchtet prunkvoll, da, wo Umsatz erwartet wird. Aber schon zwei Ecken weiter beginnt das andere Marrakesch. Halbe Kühe hängen herunter, Tiergedärme liegen ausgebreitet. Ich verziehe das Gesicht, leicht angewidert. „Magst du das nicht?“, fragt einer.
„Nein.“
„Warum fotografierst du, was du nicht magst?“
Keine schlechte Frage.
Ja – ich bin eine von denen, die festhalten will, was anders ist. Die Tischler, die Schmiede, die öligen kleinen Werkstätten neben rohem Fleisch, Fisch, Gemüse, Stoffen. Alles offen zur Straße, alles sichtbar, echt und ungeschminkt. Ich will es zeigen, damit es nicht vergessen wird. Deshalb fotografiere ich Gedärme. Was ich nicht fotografiere, sind Schildkröten, Affen, Vögel und Schlangen in Käfigen, die auf ihre Auftritte warten. Hier bleibe ich nicht stehen. Zeige mein Unverständnis.
Es wird viel gebaut. Auch Marrakesch macht sich bereit für die Fußball-WM 2030. Überladene Esel tragen Zementsäcke von einem Ort zum nächsten, wiehern laut, wirken erschöpft. Wie auch das Akrobatenpärchen in Fußballtrikots, das auf dem Djemaa el Fna kunstvoll mit dem Ball jongliert. Sie sehen aus, als wüssten sie selbst nicht, was sie davon halten sollen – und auf welcher Seite sie eigentlich stehen. Ich sehe ihnen bei einer Tasse Minztee zu. Überall wird abgerissen und Platz gemacht für mehr Glanz. Der Kellner bestätigt: Ja, Marrakesch rüstet auf. Für die WM. Für den Tourismus. Große Erwartungen. Große Hoffnungen. Und kritische Blicke. Was er wirklich denkt, sagt er nicht. Ich bin Touristin. Nur zum Geldverdienen da. Doch in seinem Lächeln liegt etwas Schweres.
Eine Frau nimmt meine Hand, beginnt Henna darauf zu malen.“Für Glück in der Liebe", sagt sie. Ich ziehe die Hand weg, will nicht wieder zum Zahlen gedrängt werden. Sie hört auf – ein halbfertiges Henna bleibt zurück. Nur halbes Glück, vielleicht? Ich will dieser Botschaft keine zu große Bedeutung geben. Aber dieses angefangene Henna passt gut zu diesem Land: Es hat schon vieles verstanden, ist fortschrittlich und geschäftig. Und dann, wenn die Arbeiter auf dem Eselskarren mit der Familie nach Hause fahren, wirkt es ruhig, fast friedlich. Neben der Hektik: eine seltsame, leise Gelassenheit. Und das Unfertige passt auch gut zu mir und dieser Reise. Wir bleiben im Fluss und schauen neugierig, auf das, was vor uns liegt.