Von Schlachten und Helden
Die Zeit in Helensburgh war schnell vorbei. Am Samstag (6.9.) fuhren wir weiter. Auf unserem Weg nach Ashgill besuchten wir das William Wallace Monument. Dabei handelt es


Veröffentlicht: 15.09.2025
Vor zwei Tagen haben wir Schottland verlassen – ein guter Zeitpunkt, ein Fazit zu ziehen. Schottland gefällt uns allen wahnsinnig gut. Das herausragendste an dem Land ist auf jeden Fall seine Landschaft. Wer dabei «nur» an die Highlands denkt, irrt gewaltig: Ja, die Berglandschaft, die sich über den gesamten Westen Schottlands erstreckt und bis weit in den Süden reicht, ist atemberaubend schön. Alles ist grün, überall gibt es dieses wunderschöne, rötlich-violette Heidekraut und auch Wasserfälle sieht man einige. Die Landschaft ist dünn besiedelt und durchzogen von vielen Flüssen und Lochs, die den Bergen sozusagen zu Füssen liegen. Wenn man durch die Highlands fährt oder – noch besser – wandert, fühlt man sich häufig wie in einer Filmkulisse, so umwerfend ist die Landschaft. Zu meinem Frust lässt sich diese Schönheit auch mehr schlecht als recht fotografisch festhalten, zumindest mit einem simplen Handy.
Neben den Highlands hat Schottland landschaftlich aber noch viel mehr zu bieten: Da wäre zum Beispiel die Ostküste mit ihren Sandstränden und Klippen, die Wälder, die Westküste mit den äusseren Hebriden (Inseln im Nordwesten Schottlands) und die Orkney Islands. Die äusseren Hebriden und die Orkneys sowie den ganzen Norden Schottlands werden wir bei unserem nächsten Aufenthalt hier erkunden.
Der Osten Schottlands wird oft ausgelassen, dabei gibt es dort schöne Küstendörfchen, die höchste Castle-Dichte des Landes (z.B. Dunnottar Castle), viele Steinkreise und nicht zu vergessen: Aberdeen. Aberdeen ist die drittgrösste Stadt Schottlands und meine persönliche Lieblingsstadt. Klar, Edinburgh ist sehr besonders; dramatisch, historisch interessant und schlicht wunderschön. Genau deshalb wimmelt es dort leider von Touristen. In der Royal Mile ist gefühlt kaum ein Schotte unterwegs. Wer trotzdem hin will: Ein Must-See ist das Edinburgh Castle, das majestätisch über der Stadt thront, Holyrood-Palace am anderen Ende der Royal Mile, in dem Charles bei seinem Besuch jeweils residiert, die Mary King’s Close – ein Erlebnis, bei dem man sehr anschaulich gezeigt bekommt, wie es früher in Edinburgh aussah - und das schottische Parlament, das architektonisch herausragend ist. Ausserdem sollte man unbedingt an einer «Ghost Tour» teilnehmen – Schotten sind brilliante Geschichtenerzähler und in den Katakomben Edinburghs gruselt es einen auch, wenn man nicht an Geister glaubt. Vom Arthur’s Seat (einem Hügel in Edinburgh) aus hat man einen fantastischen Ausblick über die Stadt.
Aber genug von der Hauptstadt. Wie gesagt: Aberdeen gefällt mir am besten. Nicht nur, weil die Stadt sehr schön ist, sie ist meiner Meinung nach auch sehr authentisch. Touristen hat es nicht allzu viele und es gibt auch menschliche Abgründe zu sehen.
Glasgow gefällt mir auch gut. Die Stadt ist viel schöner als ihr Ruf und man findet dort neben der einzigen U-Bahn Schottlands auch sehr viel Kultur.
Abschliessend zur Landschaft und den Städten lässt sich sagen: Schottland ist überall schön!
Wer sich im Land fortbewegen möchte, steht allerdings vor einer etwas grösseren Herausforderung: den Strassen. Die sind nämlich mehrheitlich schrecklich. Das Problem ist nicht der Linksverkehr, an den gewöhnt man sich sehr schnell. Nein, die Dimensionen und der Zustand der Strassen sind herausfordernd. Eng, enger, schottische Strassen. Am schlimmsten sind die sogenannten «Single Track Roads», also einspurige Strassen mit Gegenverkehr. Die Einheimischen rasen darauf mit 60 Meilen pro Stunde (knapp 100kmh) und reissen bei heranfahrendem Gegenverkehr einen Vollstopp. Man weicht dann in Einbuchtungen aus, um aneinander vorbeizukommen. Wirklich NICHT LUSTIG! Häufig hat es zur Erhöhung des Beklemmungsfaktors auch noch links und rechts meterhohe Hecken, dass man sich fühlt wie in einem Tunnel ohne Ausweichmöglichkeit. An den Seen entlang scheint beim Bau der Strassen auch Platzmangel geherrscht zu haben. Dort gibt es eine hohe Verkehrsdichte und gleichzeitig Strassen, auf denen knapp zwei Fahrzeuge nebeneinander Platz finden. Ausserdem ist es so kurvig, dass man sich fühlt wie auf einer Passfahrt. Reto meinte mal im Scherz, das liebste Verkehrsschild der Schotten sei «Achtung Kurve» oder «Vorsicht, gewundene Strasse». Die Strassen sind aber nicht nur eng und kurvig, viele sind auch in einem schlechten Zustand – voller Schlaglöcher und komischen Erhebungen – Achterbahnfeeling garantiert! Wenn es dann mal regnet, was in Schottland ja nicht oft der Fall ist, fährt man dauernd durch Mini-Teiche, das Wasser spritzt bis übers Dach und man fühlt sich wie auf einer Safari – sehr zur Belustigung unserer Kinder.
Wir haben mit vielen Schotten gesprochen und festgestellt, dass auch sie selbst die Strassen schlimm finden und die engen lieber umfahren. Also aufgepasst: Eine zweistündige Autofahrt in Schottland fühlt sich an wie eine vierstündige Autobahnfahrt in der Schweiz!
Nun möchte ich gerne noch einige Worte über die Schotten selbst verlieren. Ich würde sie als warmherzig, hilfsbereit, witzig und unaufgeregt bezeichnen. Ohne grosses Gewese sind sie freundlich und nie um einen guten Spruch verlegen. Und ja, sie sprechen gerne über das Wetter. Das macht auch Sinn, weil es darüber viel zu sagen gibt. An einem Tag kann man in Schottland alle Jahreszeiten erleben – das ist nicht nur ein «running gag», sondern schlicht wahr. Wir hatten in unseren sechs Wochen eher untypisches Wetter: Es war häufig sonnig und hat sehr wenig geregnet. Sogar einige Sommertage waren dabei.
Aber zurück zu den Schotten selbst. Überall wo wir waren, haben wir uns willkommen gefühlt. Wir wurden nirgends komisch beäugt oder schlecht behandelt. Das ist erstaunlich, bedenkt man, wie lange wir unterwegs waren. Auch als ich ein medizinisches Problem hatte, wurde mir viel Warmherzigkeit und Verständnis entgegengebracht. Ich fühlte mich vor allem in den Cafés in Schottland wohl: Häufig sind sie ganz klein (z.B. das, indem wir unseren herrlichen Afternoon Tea geniessen durften) und es sieht aus, als sässe man bei jemandem im Wohnzimmer. Und genauso wird man auch behandelt.
Ein Thema, was auch immer geht, ist Geschichte. Schotten wissen viel über ihre eigene Geschichte, sind stolz darauf und sprechen gerne darüber. Für mich als grosse Geschichtsliebhaberin ein gefundenes Fressen. Im ganzen Land wird grossen Wert darauf gelegt, Geschichte sichtbar zu machen. Alles ist gut beschildert, dokumentiert und meist auch erhalten. Grössere Stätten (z.B. Castles) haben immer ein sogenanntes «Visitor Center»; dort gibt es Zusatzinformationen, ein Café und einen Shop. Ich wünschte mir, die Schweiz würde ebenso vorbildlich mit ihrer Geschichte umgehen und sie besser zugänglich machen, so dass auch schon die Kleinen in Kontakt damit kommen können.
Verständigungsprobleme hatten wir übrigens kaum, die meisten Schotten haben einen erträglichen Dialekt. Der allerschlimmste kam zum Schluss: In der Region South Lanarkshire, südlich von Glasgow, sprechen sie das, was ich als «Endgegner-Schottisch» bezeichnen würde. Wir fühlten uns wie komplette Englisch-Anfänger! So unverständlich, so lustig fanden wir den Dialekt auch. Also, wer eine sprachliche Herausforderung braucht: Auf nach South Lanarkshire!
Das letzte, worüber ich noch kurz schreiben möchte, ist das Essen. Wie überall in Grossbritannien gibt es häufig Rind- oder Lammfleisch, Fisch, Bohnen, Erbsen, Coleslaw (Kohlsalat – wahnsinnig lecker!) und last but NOT least: Kartoffeln, in Schottland häufig als Tatties bezeichnet. Der Schotte denkt, ohne Kartoffeln könne man nicht überleben, deshalb gibt es kaum ein Menü ohne. Selbst wenn man Teigwaren bestellt, gibt es Chips (die leckeren dicken Pommes) dazu. In den «Pubs» oder «Inns» isst man abends das obengenannte, in den Cafés gibt es verschiedene kalte oder warme Sandwichs, Suppen oder «Jacket Potatoes» (gefüllte Ofenkartoffeln). Dort hat man ausserdem die Qual der Wahl zwischen Scones mit Cream und Jam, zahlreichen Shortbreads (ein Mürbeteiggebäck mit unterschiedlichen Toppings) und leckeren Cakes und Torten.
Neben den traditionellen Angeboten gibt es natürlich auch italienische, indische oder andere Restaurants. Wir konnten uns auf jeden Fall nicht beklagen, auch für uns Vegetarierinnen war immer etwas dabei.
Fazit vom Fazit: Wir werden Schottland vermissen und kommen auf jeden Fall wieder!
(von Olivia)
