Aufbruch
...vor dem Losgehen, noch in Deutschland
Veröffentlicht: 29.01.2026








In Memmingen am Montag Früh: Eis und Schnee; in Malaga einige Stunden später: Regen und Sturm - aber immerhin noch vereinzelte Sonnenstrahlen für kurze Minuten zwischendurch.
Busfahrt nach Estepona, wo ich von einem alten Freund von Freunden... am Busbahnhof abgeholt werde. Zum Glück, denn es regnet in Strömen... ...und so wird aus der Verabredung zum Mittagessen ein Besuch von zweieinhalb Tagen. An der "Costa del Sol" ist Land unter: Es schüttet und stürmt nahezu ununterbrochen; Wiesen, Straßen, Parkplätze, Gärten, alles steht unter Wasser; Wege und Straßen sind bedeckt von herabgerissenen Palmwedeln, Blättern, Apfelsinen, Zweigen... Vor allem die leuchtend orangen Apfelsinen sehen hübsch aus auf grau-nassem Asphalt.
In wenigen kurzen Fast-Regenpausen erkunde ich die Altstadt Esteponas und versuche, vielleicht doch mal einen verhangenen Blick auf den Felsen von Gibraltar zu erhaschen - einmal kann ich zumindest Teile des Felsens erahnen und nehme den für Sekunden blass aufscheinenden Regenbogen vor dem dunklen Himmel als gutes Zeichen! Immerhin ist der Wind nicht so eisig wie bei uns daheim...
Heute Vormittag nahm ich nun beherzt den Bus nach Tarifa (auch wenn ich bei den beiden lieben Gastgebern in Estepona noch hätte bleiben dürfen, dies auch trocken-verlockend erschien, so soll es doch die nächsten drei Tagen nicht mehr durchgehend regnen...) Merkwürdig, in einem Bus an der "sonnigen Mittelmeerküste" entlangfahren und aus den Fenstern nichts sehen als weißgrauen dichten Nebel, kaum mal schemenhaft etwas Gebüsch oder einige Häuser, Müll, Leitplanken am Straßenrand; kein Gibraltar, keine afrikanische Küste zeigt sich! Aber ist es nicht meist so im Leben, dass die Wirklichkeit sich einfach anders gestaltet als unsere Vorstellungen?! Hatte ich vom sonnigen Südeuropa geträumt? Nun finde ich mich jedenfalls in der - wie meine Gastgeber versichern - unglaublichsten Regen- und Sturmzeit, die sie hier in Spanien seit Jahrzehnten erleben...
Trotzdem streife ich durch Tarifas weiße, verwinkelte Alstadtgassen, kann meinen Rucksack in einem kleinen Café lassen und zur Isla de Tarifa wandern. Auf dem schmalen Damm, welcher diese vorgelagerte Felseninsel mit dem Festland verbindet, muss ich mich regelrecht gegen den Sturm lehnen und mein Halstuch gut festhalten - die Möwen scheinen fliegend zu stehen, auch sie kommen kaum gegen den heftigen Wind an. Die Luft ist nass von Nieselregen und von sprühendem Gischt. Auf der einen Seite des Dammes verhält sich Mittelmeerwasser noch recht "ruhig", während auf der anderen Seite die Wellen des Atlantiks weiß und hoch an die Felsen tosen. Das Tor zur "Insel" ist verschlossen! Aus Wettergründen, wenn ich es richtig verstehe. Eine junge Asiatin akzeptiert dies auch nicht - und während ich ein Stück neben dem Tor vom Strand aus über die ehemalige Festungsmauer klettere, übersteigt sie (mit Maske vor allem geschützt!) kurzerhand das Eisentor. Wir streifen durch die Ruinen kriegerischer Zeiten: verrostete Geschütze, zerfallene Stellungen, Festungen und Mauern. Der Leuchtturm ist eingerüstet und abgesperrt. Überall bevölkern einzig große Möwen diese unwirkliche Umgebung.
Und dann stehe ich doch so südlich wie es in Europa eben geht, die Brillengläser halb blind vom Meerwasser in der Luft, mit den Möwen nach Afrika hinüberschreiend, das ich zwar nicht sehen kann, das ich dort am Horizont aber weiß. Und das Geschenk ereignet sich: Für Augenblicke nur wird der Himmel hell über Afrika, zeigt sich schemenhaft die Küste des anderen Kontinents, kann ich einen Blick erhaschen.
Von der Dachterrasse des Hostels aus gibt es kurz vor dem Dunkelwerden dann sogar noch einige magische Ausblicke auf helle, weiß leuchtende Gebäude, dort, am anderen Ufer; froh, im kalten Sturmwind auf dem Dach ausgehalten zu haben, genieße ich diese Erscheinung, ehe der dunkle Vorhang wieder vorgezogen wird...
