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Malaysias viele Götter

Veröffentlicht: 03.05.2026

Unterkunft
Vintage Villa
Hotel · Kuah, Langkawi
Sehenswert
Kampung Kling Moschee
Malakka, Malaysia
Attraktion
Batu-Grotten
Kuala Lumpur, Malaysia
Attraktion
Kek Lok Si Tempel
Penang, Malaysia
Sehenswert
schwimmende Moschee
Malakka, Malaysia

Knapp zwei Drittel der Malaysier bekennen sich zum sunnitischen Islam. Die Verfassung ist ambivalent: Einerseits benennt sie den Islam als Staatsreligion; anderseits postuliert sie einen säkularen Staat. Andere Religionen können demnach legal ausgeübt werden, doch Christen wie Hindus und Buddhisten beklagen Situationen der Diskriminierung.

In meinem Hotel «Vintage Villa» in Kuah auf der Insel Langkawi sitzt eine überaus kompetente Frau an der Rezeption. Im Lauf unserer Gespräche stellt sich heraus, dass sie als Katholikin zum Islam übertreten musste, als sie einen Muslim heiraten wollte.

Das Umgekehrte, der Übertritt vom Islam in eine andere Religion, ist ungleich schwieriger. So weit wie andere Länder, zum Beispiel Iran, Saudi-Arabien, Jemen, Mauretanien, Afghanistan oder Katar, in denen der Abfall vom Glauben mit der Todesstrafe geahndet wird, geht Malaysia nicht. Aber ein Scharia-Gericht befindet darüber, ob jemand austreten darf oder nicht. Das Gericht kann drakonische Strafen gegen Austrittswillige verhängen.

«In der Realität ist es fast unmöglich, vom Islam zum Christentum überzutreten», sagt ein katholischer Geistlicher, der seinen Namen nicht in den Medien wiederfinden will und zudem über staatliche Schikanen klagt. Er selbst lebe in ständiger Unsicherheit, denn «es ist strikte verboten, mit Muslimen über das Christentum zu reden».

Falsche Götter ablehnen

Für den Islam gilt diese Regel nicht. Vor der Kampung Kling Moschee in der Altstadt von Malakka sitzt im Februar 2025 eine Frau mit Kopftuch, auf einem Schildchen als «Volunteer» betitelt. Ich habe, seit mehr als drei Monaten im schwülheissen Südostasien unterwegs, meinem einstigen, formellen Kleiderstil entsagt und trage Shorts. Weil diese gemäss einem Plakat am Eingang als unschicklich katalogisiert sind, darf ich die Moschee nicht betreten.

Ob ich an Gott glaube, will die Frau wissen. Ich sei als Katholik erzogen worden, antworte ich ausweichend. SAuf eine theologische Diskussionn werde ich mich ganz bestimmt nicht einlassen. «Sie wissen aber, dass der Islam die einzige wahre Lehre ist?» Das erinnert mich an die Primarschulzeit in Luzern, als uns katholische Geistliche einbläuten, nur unsere eigene Konfession entspringe dem Willen Gottes.

Die Volontärin vor der Moschee drückt mir eine Broschüre in die Hand: «Der Koran – die endgültige Offenbarung für die Menschheit». Darin lese ich, «weil Allah der einzige Anbetungswürdige ist, müssen falsche Götter und Gottheiten abgelehnt werden». Dass mehrere Muslime in Deutschland gerade in diesen Tagen Terroranschläge verübt haben, bestärkt nur die Erkenntnis, dass der Absolutheitsanspruch von Religionen jeder Couleur in der Geschichte der Menschheit immer wieder zu Krieg und Gewalt geführt hat.

Malaysia wurde im 14. und 15. Jahrhundert gleichzeitig wie Indonesien unter dem Einfluss arabischer Händler und Seeleute islamisiert. Trotz der Dominanz des Islam ist die religiöse Vielfalt im ganzen Land auffällig. Unterschiedlichste Kultstätten – Moscheen, Kirchen, hinduistische, buddhistische, taoistische Tempel – finden sich auf engstem Raum. Fährt man zum Beispiel mit der Standseilbahn auf den höchsten Punkt der Insel Penang, stehen dort ein verschnörkelter hinduistischer Tempel und eine Moschee mit goldenen Kuppeln fast direkt nebeneinander.

Ganz in der Nähe der Talstation besuche ich den Kek Lok Si Tempel, eine prachtvolle Anlage, die gleichzeitig beweist, dass es fernöstliche Religionen mit dem Anspruch auf die alleinige Wahrheit nicht so ernst nehmen wie Christentum und Islam: Im Tempel finden sich Hunderte von Buddha-Statuen, aber auch eine 30 Meter hohe Bronzefigur von Kuan Yin, der Göttin des Mitgefühls, die vor allem im chinesischen Taoismus verehrt wird.

Karma und Reinkarnation

Vor der Islamisierung waren die Königreiche der malaiischen Halbinsel zum Teil buddhistisch, zum Teil hinduistisch geprägt. Die beiden Religionen sind noch präsent: Knapp 19 Prozent der Malaysier sind Buddhisten, gut sechs Prozent Hindus; Christen machen etwa einen Zehntel aus.

Buddhismus und Hinduismus vertreten beide das Konzept des Karma und der Reinkarnation: Die Seele wird nach dem Tod in einem neuen Körper wiedergeboren, je nachdem, welches Leben man geführt hat. Beide streben nach Erleuchtung, im Buddhismus Nirvana genannt. Der grosse Unterschied: Buddhisten kennen keine Gottheiten; Buddha ist ihr verehrtes Vorbild. (Er wurde unter dem Namen Siddhartha Gautama im 6. oder 5. Jahrhundert v.Chr. im heutigen Nepal geboren, lebte und wirkte vorwiegend in Nordindien.)

Der Hinduismus ist noch etwa tausend Jahre älter. Und im Gegensatz zum Buddhismus gibt es hier eine komplexe Götterwelt. Deepak, ein Englischlehrer mit Wurzeln im südindischen Kerala, den ich bei den Batu-Grotten in Kuala Lumpur angesprochen habe, versucht, mich durch das göttliche Dickicht zu geleiten.

Zuoberst thronen drei Haupt-Götter mit ihren Frauen: Brahma und Sarasvati, Vishnu und Lakshmi, Shiva und Parvati. Vishnu wird oft in der Inkarnation von Krishna verehrt. (In der Modereligion Hare-Krishna, gegründet in den 1960er-Jahren, der unter anderem die Beatles George Harrison und John Lennon und der Apple-Gründer Steve Jobs folgten, ist Krishna sogar die höchste Gottheit.)

Als Statuen und Bilder sind in Hindu-Tempeln, Geschäften und Haushalten weitere Gottheiten präsent, zum Beispiel Ganesha mit dem Elefantenkopf, Hanuman der Affenkönig oder Murugan, Gott des Krieges. Bei der breiten Treppe mit 272 Stufen, die zu den Batu-Grotten hinaufführt, steht eine 43 Meter hohe goldene Statue von Murugan. Die Grotten sind ein bedeutender Pilgerort für Hindus. Bei meinem Besuch geht gerade Thaipusam zu Ende, das wichtigste Fest für tamilische Hindus. Eine Menschenmenge wogt über den Platz. An Hunderten Ständen werden Essen, Getränke, Souvenirs verkauft – und Regenschirme, weil gerade ein heftiges Gewitter niedergeht.

Liberaler Islam?

Neben prachtvollen Buddha- und Hindu-Tempeln fallen vor allem die Moscheen auf. Die «schwimmende Moschee» in Malakka zum Beispiel – so genannt, weil sie bei Flut auf dem Wasser zu schweben scheint – wird in der Nacht in allen Farben erleuchtet, welche die Neonröhren hergeben.

Die Kirchen hingegen halten sich auffällig zurück. So wirkt die anglikanische Kathedrale in Kuala Lumpur eher wie eine englische Dorfkirche als wie der Sitz des Bischofs für West-Malaysia.

In Europa hört man oft vom angeblich liberalen Islam, der in Malaysia und im benachbarten Indonesien herrsche. (Dieses ist mit mehr als 280 Millionen Einwohnern das weltweit grösste muslimische Land.) Der Liberalismus ist allerdings am Schwinden; auch hier gewinnt, wie fast überall, der konservative Islam allmählich die Oberhand. Wer sich Youtube-Filme aus dem Kuala Lumpur der 1960er-Jahre anschaut, sieht kaum Kopftücher. Heute sind sie allgegenwärtig; sogar Mädchen im Vorschulalter werden verhüllt. 

Bei einem Thema hört der angebliche Liberalismus des malaysischen Islams definitiv auf: Mahatir Mohamad, der noch immer weitherum verehrte Langzeit-Premierminister (von 1981 bis 2003 und von 2018 bis 2020), inzwischen mehr als hundert Jahre alt, ist ein bekennender Antisemit. Israelische Staatsbürger können nicht nach Malaysia einreisen; Jüdische Touristen behalten ihre Religionszugehörigkeit besser für sich, wenn sie keine Scherereien bekommen wollen. Und nach jeder, wirklich jeder Nachrichtensendung am Radio wird mit der immergleichen Floskel die Eliminierung des Staates Israel gepredigt: «Palestine will be free, from the river to the sea.»

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