vogel-fliegt-aus
vogel-fliegt-aus
vakantio.de/vogel-fliegt-aus
Zuletzt in SBY

Food und Fake in Kuala Lumpurs Chinatown

Veröffentlicht: 21.07.2026

Spaziergang
Bukit Bintang → … → Chinatown
Kuala Lumpur, Malaysia
Sehenswert
Petaling Street
Kuala Lumpur, Malaysia
Essen
Canzhou Gir-Restaurant
$ · Abendessen

Nach zwei entschleunigenden Wochen auf der Insel Samosir im Tobasee auf Sumatra reise ich am 16. Juni 2026 zurück nach Medan und einen Tag später nach Kuala Lumpur. Ich habe vergeblich versucht, mein indone-sisches Visum um einen Monat zu verlängern, und nutze die malaysische Hauptstadt für einen sogenannten Visa Run, das heisst zur kurzen Aus-reise, um bei der Wiedereinreise nach Indonesien ein neues Visum für einen weiteren Monat zu bekommen.

Nun bin ich allerdings bei meinen diversen Besuchen zu einem Fan von K.L. geworden, und statt der geplanten wenigen Tage blieb ich schliesslich zwei Wochen. Kuala Lumpur zeigt sich gern als hypermoderne Stadt mit Shopping Malls, Hotelpalästen, Stadt- und U-Bahn. Und natürlich mit sei-nen Wolkenkratzern aus Stahl, Beton und Glas. Bekannte Beispiele sind die Petronas-Zwillingstürme oder der soeben eröffnete Merdeka 118, das zweit-höchste Gebäude der Welt, das bis zur Spitze der Antenne 678,9 Meter misst und nur vom schwindelerregenden Burj Khalifa in der Blingbling-Welthauptstadt Dubai übertroffen wird.

Merdeka heisst «Unabhängigkeit»; diese rief der erste malaysische Pre-mierminister nach Ende der britischen Herrschaft, Tunku Abdul Rahman (1903–1990), am 31. August 1957 an exakt der Stelle aus, an der in den letz-ten Jahren der futuristische blaue Glasturm emporgezogen wurde. Auf hi-storischen Fotos reckt Tunku Abdul Rahman bei der Zeremonie den recht-en Arm mit gestreckter Hand senkrecht in die Höhe. Die 160 Meter hohe Antenne auf dem Merdeka 118 soll, verkündet eine Stimme auf dem Hop-on-Hop-off-Bus, den ich benutze, an diese Geste erinnern.

118 ist die Zahl der oberirdischen Stockwerke, in denen sich ein Einkaufs-zentrum, Büros, in den Etagen 97 bis 112 das Luxushotel «Park Hyatt» und zuoberst die höchste Aussichtsplattform Südostasiens befinden.

Einen reizvollen optischen Kontrast stellt man her, indem man den Mer-deka 118 von der Chinatown aus fotografiert, mit traditionellen Gebäuden, zum Beispiel dem Canzhou Gir-Restaurant an der Petaling-Strasse im Vor-dergrund. Denn zwischen den himmelstürmenden Türmen entdeckt man ein ganz anderes Kuala Lumpur, eines, das seine Vergangenheit sorgfältig bewahrt und restauriert – zumindest in gewissen Stadtvierteln.

Tempel und Theater

Aus dem Quartier Bukit Bintang, wo ich logiere, bin ich mit der Metro-Linie 9 (sie heisst hier MRT oder Mass Rapid Transport) zur Station Pasar Seni gefahren und will von dort hinüberlaufen in die Chinatown. Zuerst gerate ich allerdings an eine indische Institution: Der Sri Mahamari-amman-Tempel aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der älteste noch aktive Hindu-Tempel der Stadt. Der Turm über dem Eingang zum Tempel wirkt wie ein dreidimensionaler Cartoon: Er ist über und über ver-ziert mit farbenfrohen hinduistischen Gottheiten.

Wenig später der nächste Tempel, diesmal in Rot und Gold: Der Guan Di-Tempel ist dem chinesischen Kriegsgott Guan Yu gewidmet. Diesen habe ich schon in Koh Samui getroffen, in Form einer riesigen, furcht-einflössenden Statue (siehe mein Beitrag «Koh Samui abseits der Strände» vom 20. Januar 2026).

Guan Yus 1888 erbauter Tempel in K.L. mit seinen roten Säulen wirkt be-scheidener. Immerhin finde ich auch hier wilde Darstellungen von Drachen und anderen Wesen aus der östlichen Mythologie. Dass der Ort nicht einer einzigen, klar umrissenen Konfession zugeschrieben werden kann, wie wir uns das aus der jüdisch-christlichen Welt gewöhnt sind, erstaunt mich in-zwischen nicht mehr. Im Guan Di-Tempel verschmelzen Elemente des chi-nesischen Volksglaubens mit solchen aus dem Taoismus, dem Buddhismus und dem Konfuzianismus.

Zufällig gerate ich auf meinem Spaziergang in die Jalan Sang Guna, eine schmale Gasse im Herzen von Chinatown, benannt nach Sang Guna, einem legendären Krieger aus dem historischen Sultanat von Melaka, bevor dieses 1511 von den Niederländern erobert wurde. (Siehe meinen Beitrag «Ma-lakka – Festhütte und Geschichtsbuch» vom 3. Februar 2025.)

In der Gasse vergnügten sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Chinesen bei Opern- und Theater-Aufführungen. Ein Theaterhaus, das Ma-dras Theatre, brannte 1952 ab und wurde als Kino für chinesische Filme neu gebaut. Einheimische nennen die Jalan Sang Guna deshalb auch «Madras-Gasse». Ein weiterer gebräuchlicher Name ist «Drury Lane», eine Anspielung an die gleichnamige Strasse im Londoner Westend nahe Covent Garden und Holborn. Sie gilt als Mittelpunkt des Londoner Theaterviertels, weil hier das 1663 gegründete Theatre Royal steht, eines der bekanntesten und ältesten Theater der britischen Hauptstadt.

Später wurde die die Jalan Sang Guna zum Frischmarkt mit vielen Ver-kaufsständen für Gemüse, Fleisch und Streetfood. Nach Jahrzehnten des Verfalls und Leerstands wurde sie schliesslich, wie man Informationstafeln auf Malaiisch und Englisch entnehmen kann, im Rahmen eines städtischen Sanierungsprojekts restauriert und revitalisiert. Heute ist sie eine – etwas museal wirkende – Fussgängerzone mit kleinen Läden, Cafés und kunst-vollen Wandgemälden.

Für alle Sinne gleichzeitig

Endlich gelange ich in die Petaling-Strasse, die Schlagader der Chinatown. Viele Besucher meinen sogar, sie sei das wahre Herz von Kuala Lumpur. Sobald man das traditionelle Eingangstor mit seinem mehrstufigen, gelben chinesischen Ziegeldach passiert (von wo der allgegenwärtige Merdeka 118 ebenfalls zu sehen ist), tauche ich ein in eine Welt, die alle Sinne gleich-zeitig reizt.

Überdacht von einem riesigen Glasdach, das tagsüber vor der sengenden Sonne und abends vor Regenschauern schützt, erwacht die Strasse am Nachmittag und mutiert zum quirligen Markt. Auf beiden Seiten der Jalan Petaling hat sich ein Labyrinth aus engen Gassen und Durchgängen ge-bildet. Gesäumt werden sie von B auten aus der Kolonialzeit, von denen viele halb zerfallen sind und nur noch aus leeren Fassaden bestehen, Ku-lissen für die dicht gedrängten Marktstände, an denen Menschenmassen vorbeiströmen.

Man kommt nicht durch die Petaling-Strasse, ohne alle paar Sekunden von einem Händler oder einer Händlerin angequatscht zu werden. Begehr-lichkeiten, die zu stillen im wahren Leben arg an der Geldbörse nagen würde, können hier für eine Handvoll Ringgit erfüllt werden: von Rolex- und Omega-Uhren über Nike- oder Adidas-Sneaker und Shirts mit Balen-ciaga-, Polo-Ralph-Lauren- und Stone-Island-Aufdrucken bis hin zu Gucci-, Prada- und Louis-Vuitton-Taschen gibt es hier alles – alles ge-fälscht, alles im Überfluss.

Wer den geforderten Preis bezahlt, ist selber schuld. Verlangt der Händler für ein T-Shirt zum Beispiel 100 Ringgit (gut 20 Euro) bietet man zehn und landet schliesslich, nach lautem, aber lachend vorgetragenen Protest des Verkäufers, bei vielleicht 25 (also fünf Euro). Ein schlechtes Gewissen für den gedrückten Preis ist unangebracht: Kein Händler würde einem eine Ware für eine Summe verkaufen, bei der er drauflegt.

Nudeln und Pudding

Über der ganzen Chinatown hängt eine Geruchsmischung, aus der man gebratenen Knoblauch, heisses Frittieröl und gegrilltes Schweinefleisch herausriechen kann. Essen ist hier noch wichtiger als Einkaufen; China-town ist ein kulinarisches Wunderland, und die chinesische Küche wird in edlen, stadtweit bekannten Restaurants ebenso zelebriert wie in der be-scheidendsten Garküche an irgendeinem verlorenen Strassenrand.

In Erinnerung bleiben werden mir etwa Hokkien Mee: gebratene Nudeln, traditionell über Holzkohlefeuer zubereitet, in dicker Sojasauce mit Schweinebauch und oft mit Garnelen; Air Mata Kucing: ein eiskalter Kräu-tertrunk aus Longan-Früchten (auch «Drachenaugen» genannt); Tau Foo Fah: ein warmer, glitschiger Tofu-Pudding mit süssem Sirup.

So kehre ich denn spätabends ohne Einkaufstüte – kein Bedarf für eine Fake-Rolex und genügend T-Shirts im Koffer – in mein Hotel zurück, dafür mit einem befriedigenden Gefühl der Sättigung. 

Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Dauer
14 Tage
Begleitung
Allein
KulturellKulinarisch
  • Sri Mahamariamman-Tempel
  • Guan Di-Tempel
  • Jalan Sang Guna
  • Petaling Street
  • Merdeka 118
  • Petronas-Zwillingstürme
  • Hokkien Mee
  • Air Mata Kucing
  • Tau Foo Fah
StadtEssenKulturArchitekturGeschichteTransit
vogel-fliegt-ausFolge diesem Blog und verpasse keine neuen Beiträge.
Antworten

Malaysia
Reiseberichte Malaysia
#petalingstreet#jalanpetaling#petalingstrasse#chinatown#kualalumpur#malaysia#streetfood#markt#faelschungen#hinus#hinduismus#chninesen#kolonialzeit#malakka#melaka#bukitbintang