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Kannibalen und Kopfjäger am Tobasee

Veröffentlicht: 18.07.2026

Sehenswert
Samosir
Samosir, Indonesia
Attraktion
Kampung Huta Siallagan
Ambarita, Indonesia
Attraktion
Steinerne Stühle von Huta Siallagan
Ambarita, Indonesia
Attraktion
Hinrichtungsstätte von Huta Siallagan
Ambarita, Indonesia
Attraktion
Eventhalle neben der katholischen Kirche von Tuktuk
Tuktuk Siadong, Indonesia
Sehenswert
katholische Kirche von Tuktuk
Tuktuk Siadong, Indonesia
Attraktion
mehrstöckige steinerne Familiengräber auf Samosir
Samosir, Indonesia
Attraktion
Wochenmarkt von Ambarita
Ambarita, Indonesia

Ich habe die ersten zwei Juni-Wochen auf der Insel Samosir im Tobasee im Innern von Sumatra verbracht. Samosir ist zwar eine beliebte touristische Destination, auch für Indonesier selber, aber weniger überlaufen als Inseln wie Bali, das zusammen mit Barcelona, Venedig, dem Machu Picchu oder Dubrovnik auf fast sämtlichen Listen jener Orte aufscheint, welche man wegen «Overtourism» meiden sollte.

Samosir wirkt friedlich und relaxt, hat allerdings eine blutige Geschichte: Noch im 19. Jahrhundert berichteten europäische Reisende mit sensations-lüsternem Schaudern über Kopfjagd und rituellen Kannibalismus der Batak. «Meine Vorfahren waren tatsächlich Kannibalen», lacht Dewi Sia-gallan, eine Batak, die im Ferienort Tuktuk Siadong eine Apotheke besitzt und mit dem Schweizer Unternehmer Felix Amann verheiratet ist. 

Dewi fordert mich auf, die historische Stätte zu besuchen, die nach ihrem Clan benannt ist: Kampung Huta Siallagan in der Gemeinde Ambarita, etwa eine Viertelstunde mit dem gemieteten Motorroller von Tuktuk entfernt.

Man tritt durch ein steinernes Tor ins Dorf, bezahlt eine Eintrittsgebühr von umgerechnet 45 Cents und sieht als erstes zwei Reihen traditioneller Batak-Häuser. In deren Mitte stehen die Zeugnisse für die blutige Ver-gangenheit: Unter einem Baum, verwittert wie ein uralter Mensch, stehen einige steinerne Stühle. Auf diesen richteten der König, der Schamane und die Dorfältesten über Angeklagte und Kriegsgefangene. Etwas ausserhalb der Häuserzeilen steht die Richtstätte, wo Todesurteile durch Enthaupten vollstreckt wurden.

Bei der Hinrichtung wurden Körperteile wie Herz und Leber entnommen, von denen der Raja (König oder Dorfvorsteher) ass; wichtige Männer oder Älteste erhielten kleinere Stücke von Brust, Schultern oder Oberschenkeln; andere Dorfbewohner bekamen nur kleine Anteile. Die Verteilung war streng ritualisiert. Es ging nicht darum, sich mit Menschenfleisch zu sättigen, sondern man war überzeugt, mit diesem Ritual die Kraft und die Eigenschaften des Verurteilten oder Gefangenen aufzunehmen. Gleich-zeitig demonstrierte der Herrscher so seine Autorität.

Die Kopfjagd fand meist im Zusammenhang mit einem Überfall oder einen Kampf statt. Gefangene oder getötete Gegner wurden enthauptet; die Köpfe wurden dann zum Kultplatz oder ins Dorf gebracht und dort in Ritualen präsentiert. Oft wurden Schädel an Häuser genagelt; manchmal wurden ganze Köpfe konserviert. Das Erbeuten gegnerischer Köpfe sollte die spi-rituelle Lebenskraft des Feindes auf das eigene Dorf übertragen und dessen Abwehrkräfte stärken.

Im 19. Jahrhundert missioniert

Ab 1860 wurde die Region von deutschen Lutheranern, später auch von niederländischen Katholiken missioniert, und die kannibalistischen Praktiken verschwanden. Noch heute hört man Erzählungen von den Missionaren der Rheinischen Missionsgesellschaft, vor allem von Ludwig Ingwer Nommensen, der hier ab den 1860er-Jahren wirkte. Er lernte die Batak-Sprache, übersetzte biblische Texte und gründete Schulen.

Heute prägen Kirchen, die mir oft ziemlich exotisch vorkommen, neben den traditionellen Batak-Häusern mit ihren geschwungenen Giebeln das Landschaftsbild auf Samosir. Die wichtigste protestantische Gemeinschaft ist die Huria Kristen Batak Protestan HKBP (Protestantische Christliche Batak-Kirche), die mit mehr als vier Millionen Mitgliedern als grösste christliche Gemeinschaft ganz Indonesiens gilt.

Manche traditionellen Bräuche haben sich trotz Christentum erhalten, etwa die aufwändigen Familienfeste und mehrstufigen Bestattungsriten. Dewi nimmt mich zu einer Hochzeitsfeier und, ein paar Tage später, zu einer Trauerfeier im Kreis ihrer ausgedehnten Familie mit. 

Obwohl das Hochzeitspaar und die verstorbene Grosstante protestantisch sind, hat man für die Feier eine Eventhalle neben der katholischen Kirche von Tuktuk gewählt. Das Verhältnis zwischen den Konfessionen sei hier entspannt, sagt Dewi, macht aber eine kleine Ausnahme: Mit Muslimen sei es nicht ganz einfach. Sie redet aus Erfahrung; einst war sie mit einem Muslim verheiratet, dem Vater ihrer zwei Teenage-Töchter.

Beide Feiern werden von dröhnender traditioneller Musik und ebenso dröhnenden Reden untermalt. Und beide laufen nach klar definierten Ritu-alen ab. So ist genau bestimmt, wie stark Frauen für den Anlass geschminkt sein müssen – je enger der familiäre Grad, desto mehr Schminke –, wie viel Geld und welche Ulos man dem Hochzeitspaar oder den Hinterbliebenen schenkt. Ulos sind traditionelle, handgewebte Stoffe, die bei Feiern in Bahnen über der Schulter getragen werden und als Symbole für göttlichen Segen, Schutz, Respekt und familiäre Verbundenheit gelten.

Eine Landschaft voller Grabstätten

Uralte Begräbnis-Riten schlagen sich, ebenso wie die Kirchen und die Batak-Häuser, im Landschaftsbild nieder: Mitten in den Feldern oder in auch mitten in Dörfern stehen mehrstöckige steinerne Familiengräber, die oft wie kleine Häuser oder kleine Kirchen wirken. In den unteren Kammern ruhen frühere Generationen, während obere Ebenen späteren Bestattungen vorbehalten sind. 

Verstorbene werden zuerst in normalen Gräbern be-erdigt, Jahre oder Jahrzehnte nach der ersten Beisetzung jedoch im Rah-men einer grossen Familienzeremonie umgebettet. Diese zweite Bestattung gilt als wichtiger Ausdruck des Respekts gegenüber den Ahnen und stärkt zugleich den Zusammenhalt der Grossfamilie. Sie ist sehr teuer; unter an-derem müssen für die Feiern Wasserbüffel geschlachtet werden.

Ich war bei keiner Büffelschlachtung dabei. Ein blutiges Handwerk ist allerdings auch der Verkauf von frischem Hühnerfleisch auf dem Wochen-markt von Ambarita. Die Tiere werden in Plastike-Käfige gepfercht angeliefert. Auf Bestellung einer Kundin oder eines Kunden holt ein junger Mann ein aufgeregt gackerndes und flatterndes Huhn aus dem Käfig und schneidet ihm mit einer Schere den Kopf ab. Das noch zappelnde Tier wird kurz in heisses Wasser getaucht und nachher in eine Maschine gesteckt, die es rupft.   

Während einigen Tagen, bevor ich aus Samosir abreiset, hatte ich Mühe, zum Essen Huhn zu bestellen. 

Auf einen Blick

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Dauer
14 Tage
Kulturell
  • Samosir im Tobasee
  • Kampung Huta Siallagan in Ambarita
  • Batak-Häuser und steinerne Stühle
  • traditionelle Hochzeits- und Trauerfeiern
  • mehrstöckige Familiengräber
  • Wochenmarkt von Ambarita
gemieteter Motorroller
KulturGeschichteEssen
  • Eintritt Huta Siallagan0 $
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