Im Schongang machte ich mich am Montag auf den Weg nach Duino, dort war ein Wanderweg Rainer Maria Rilke gewidmet. Er verbrachte einige Zeit auf dem Schloss als Gast der dort ansässigen Adelsfamilie Thurn und Taxis und schrieb hier die Duineser Elegien. Das wechselhafte Wetter und die Abgeschiedenheit boten einen dramatischen Blick auf Meer und Steilküste. Das Schloss selbst zeigte eine Privatausstellung der Adelsfamilie mit allerlei Tand, Kunstgewerbe, Mineralien, Korallen usw. Dabei durfte auch die Selbstdarstellung nicht fehlen: Familienportraits und Ahnentafeln, welche auf den europäischen Hochadel und sogar den bürgerlichen Napoleon zurückführten.
Hier flackerte die europäische Idee des 19. Jahrhunderts wieder auf, Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Adelshäusern, Kultur jenseits von Nationalgrenzen, die Aristokratie als Mäzene und Stifter. Eine Welt von Gestern. Außerhalb des Schlosses führte ein kleiner Pfad durch den prächtigen Garten hinab in den Felsen unter dem Schloss. Die Nazis hatten hier einen Bunker zur Verteidigung der Triester Bucht angelegt. In skurriler Weise diente die Anlage heute zur Ausstellung von Kriegsmaterial und Nazidevotionalien, analog zu den Sammelstücken in den Vitrinen und Cabinette des Schlosses. Eine Schautafel verdeutlichte anhand von Zeitzeugenberichten, wie harmonisch Dorfbewohner die deutsche Besatzung empfanden. Die Verstrickungen derer von Thurn und Taxis mit den Nazis blieben unerwähnt. Der völkerrechtswidrige Einsatz von Zwangsarbeitern fand nur am Rande Erwähnung. Europäische Geschichte ohne Kontext. Der Nationalsozialismus wurde auf Schloss Duino als Tragödie empfunden, dabei war es ein Verbrechen!
Nachmittags nahm ich die Bahn und fuhr ins bergige Hinterland. Die Grenzstadt Gorica (SL) / Gorizia (I) - österreichisch: Görz - war in diesem Jahr europäische Kulturhauptstadt (zusammen mit Chemnitz!). Dort erwartete mich ein seltsames Ensemble mit k.u.k-Barock, sozialistischer Architektur und Kulturhauptstadt-Marketing unter dem Slogan "GO!2025 - Borderless", alles arg bemüht und etwas uninspiriert. Beim Grenzübertritt, zurück aus Slowenien nach Italien, geriet ich ersteinmal in eine Ausweiskontrolle, Go Europe! Auf dem Weg zurück zum Bahnhof stolperte ich noch in eine Vernissage mit Häppchen und Freigetränken.
Europa gab mir an diesem Tag viel zum Nachdenken, angefangen in der guten alten Zeit von Rilke und Stefan Zweig, dann das Trauma des 20. Jahrhunderts bis zur Europäischen Union, die sich im 21. Jahrhundert neu bewähren muss. Draußen in den Bergen regnete es in Strömen, in Triest dann die Abendsonne, es war abgekühlt.
Auf einen Blick
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Dauer
1 Tag
Wetter
Sommer
Stimmung
KulturellAbseits der Pfade
Highlights
Schloss Duino und der Rilke-Weg
Bunker und Ausstellung unter dem Schloss
Gorizia/Gorica als Europäische Kulturhauptstadt
Grenzübertritt Slowenien–Italien mit Ausweiskontrolle
Abendsonne in Triest
Themen
KulturGeschichteArchitekturNaturTransit
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