Gestern habe ich eine derartig geballte Ladung an Japan-Informationen bekommen, dass ich das erstmal über Nacht etwas verdauen musste, bevor ich anfange, etwas davon zu erzählen.
Ich fuhr am Morgen nach Tenri, einem Ort im Süden von Nara, um eine alte Freundin zu treffen. Allerdings hatte ich sie vorher noch nie gesehen. Vor etwa fünf Jahren haben wir uns zufällig auf Facebook in irgendeiner Art&Crafts-Gruppe getroffen, und als ich erfuhr dass sie in Nara wohnt, aus Estland stammt und mit einem Japaner verheiratet ist, verabredeten wir, falls ich noch jemals wieder nach Japan reisen könnte, uns dann zu treffen.
Seitdem sind wir immer mal wieder lose in Verbindung geblieben und gestern war nun der große Tag. Es ist schon verrückt, was man sich für Vorstellungen von einem Menschen macht, den man nur über das Internet kennt! Sie ist völlig anders, als ich mir vorgestellt hatte, doppelt so groß, lebhaft, witzig und ausgesprochen herzlich.
Als ewige Ausländerin in einem sehr anderen Land zu wohnen, verbindet uns und gibt uns natürlich eine ganz andere Perspektive, aus der wir auf das Land gucken, in dem wir wohnen. Auch unser beider Blick ist sicher dadurch teilweise begrenzt, dass wir lange in einer ganz speziellen Kleinstadt gewohnt haben, von der aus wir das ganze Land beurteilt haben, aber sie hat auch teilweise in Osaka gewohnt und ich jetzt in Helsinki, also erweitert man seine Sichtweise mit der Zeit doch erheblich.
Trotzdem: Sie erzählt vom Leben in einer zutiefst religiös geprägten Gegend. Die Tenrikyo-„Religion“ hat in Japan 1,75 Millionen Anhänger, durch Mission weltweit 2 Millionen. Sie geht auf eine einzelne Frau zurück, die Mitte des 19.Jahrhunderts eine Vision oder „Erleuchtung“ gehabt hat und die Prinzipien dieser neuen Bewegung festgeschrieben hat. Zunächst war die Gruppe noch Teil des Shintoismus, wurde dann aber verboten, die Gründerin wurde ins Gefängnis gesteckt und danach war die Sekte, oder wie immer man das nennen will, dann selbständig, was bedeutet, dass jedes Mitglied jeden Monat 10000 Yen (etwa 55€) berappen muss, und das betrifft auch jedes einzelne Kind der Familie, um die ganze Angelegenheit zu finanzieren, Spenden kommen dazu.
Tenrikyo geht davon aus, dass die Gottheit (monotheistisch) will, dass die Menschen ein frohes (joyful) Leben haben, was schließlich zu einer harmonischen, glücklichen Welt führen soll, an der sie sich auch erfreuen will, und das soll erreicht werden, indem man die 8 Stäube vermeidet. Es gibt also keine Sünden und auch kein Versprechen für ein ewiges Leben, Paradies oder Hölle oder ein nie endendes Nirvana, allerdings eine Idee von einer wiederkehrenden Wiedergeburt, und dann kann man nochmal probieren.
Aber Staub ist das Schlimmste! Die Stäube, von denen man sich fernhalten soll, die man aber auch wegwischen kann, um dann froher zu werden, sind Arroganz, Gier, Geiz, Hass, Selbstliebe, Nachtragend sein, Wut und Maßlosigkeit (das klingt ja eigentlich nicht schlecht🙂). Um diese schlechten Züge zu vermindern, soll man Freiwilligenarbeit in der Gemeinschaft leisten und auch ansonsten Gutes tun.
Es gibt bestimmte Gesänge und Tänze, vor allem einen sehr bizarr-elegant aussehenden „Tanz der Hände“, mindestens die Morgen- und die Abendzeremonie, an denen man teilnehmen sollte, man hat auch eine Art Altar zu Hause, vor dem man sich ständig verbeugen muss und betet.
Diese Organisation hat in Tenri einen riesigen Tempel (oder Gebetshaus) mit unendlich vielen langen Korridoren und Sälen, in denen die Gläubigen auf den gekreuzten Füßen sitzen, singen, klatschen und ihre Handtänze absolvieren, es wird auch Reiki angeboten, das bestimmte höhergestellte Mitglieder vollführen, überall huschen Freiwillige mit Staubtüchern herum und wischen die Geländer und Böden, alles blitzt vor Sauberkeit und riesenhafter Größe.
Nebenan gibt es eine eigene Universität (die übrigens zu Marburg und München Beziehungen unterhält!) und ein wirklich großartiges Museum der Kulturen der Welt, vor allem der asiatischen. Hier sind die zerbrechlichen Gegenstände mit Angelschnur gegen Erdbeben gesichert oder auf Sockeln festgeklebt, damit sie nicht umfallen, wenn es wackelt.
Als ich frage, ob es etwas gibt, was man nicht tun darf, ist es das absolute Verbot, etwas ins Internet zu stellen, also keine Photos, keine Informationen, keine Texte. Im Grunde genommen dürfte ich hier gar nicht erzählen. Es ist schwer für Interessenten überhaupt an Informationen zu kommen, alles wird persönlich erledigt. Neue Mitglieder müssen zunächst Kurse besuchen und Tests absolvieren.
Da der Mann meiner Freundin eine Art Hohepriester (das ist aber ein Ehrentitel, kein Beruf) ist, musste auch sie diese Prozeduren hinter sich bringen, damit sie überhaupt heiraten durften. Ansonsten scheint er aber ganz normal und nett zu sein.
Der ganze Ort wird völlig beherrscht von dieser Sache, ein aus der Reihe tanzen ist so gut wie unmöglich. Es hat mich ein wenig an die Rolle der katholischen Kirche im Kleinwalsertal erinnert.
Was hat sie noch vom Leben in Japan erzählt? Sie meint, ihr Mann würde an ihr so schätzen, dass bei ihr „ja“ ja bedeutet, und „nein“ nein. Die Japaner (und jetzt kommen natürlich Stereotypen, an denen aber immer auch ein bisschen Wahrheit klebt) sind wohl nicht sehr direkt und winden sich lieber in aller Art Höflichkeiten, anstatt klare Antworten zu formulieren.
Ein Japaner habe immer drei Gesichter: Eines für die Öffentlichkeit, das immer froh, höflich, aktiv und fleißig erschiene (die ständige fast hektische Aktivität z.B. in den Restaurants, in denen die Angestellten ständig die blitzsauberen Tische abwischen und die Sojasaucenflaschen neu arrangieren, ist mir auch schon aufgefallen. Bloß nicht still stehen oder gar sitzen und untätig erscheinen! Eine gewisse Parallele zu Finnland kann nicht ganz von der Hand gewiesen werden), eines für die Familie und das letzte nur für sich selber.
Japaner seien bei weitem nicht so freundlich und höflich, wie es Touristen und Menschen, die die Sprache nicht verstehen, erscheinen mag. Es wird offen, laut und bösartig kommentiert, wenn ein Ausländer etwas falsch macht, das Aussehen wird lauthals kritisiert, und meine Freundin wird offen beschimpft, dass sie nach neun Jahren dies oder das noch immer nicht kapiert hat oder kann (ich muss sagen, dass mir so etwas selber in Finnland nie passiert ist. Die Menschen denken sich vielleicht ihr Teil, sind aber nie offen bösartig), auf der anderen Seite erklärt einem aber auch niemand etwas, man wird völlig alleine gelassen und dann gemein ausgeschlossen. Nach einiger Zeit hat auch sie sich dann entschieden, die Rolle des Dorfnarren (kylähullu) zu übernehmen und im Großen und Ganzen zu tun, was sie will.
Die Rolle und Macht der Schwiegermutter ist überwältigend, vor allem über den eigenen erstgeborenen Sohn, denn dem fällt die Rolle zu, für die Eltern und die übrigen Geschwister zu sorgen, wenn Not am Mann ist, nicht nur finanziell, sondern in jeder Hinsicht. Darum übernimmt die Mutter die Aufgabe, eine passende Frau für den Sohn zu finden und entscheidet, ob diese oder jene die Geeignete ist, denn auch die Schwiegertochter muss natürlich mitsorgen. Darum ist es für erstgeborene japanische Männer so überaus schwierig, eine Frau zu finden und die Partnerschaftsseiten und -Vermittlungen sind voll von ihnen.
Eheleute sind sich oft sehr fremd, der Mann geht arbeiten und kommt erst spät nach Hause, hat wahrscheinlich eine oder mehrere Liebhaberinnen, die Frau ist mit den Kindern beschäftigt, macht ansonsten aber auch was sie will. Auch das kann man oft in den Restaurants beobachten: Der Mann hockt vor seinem Laptop und spricht nicht, die Frau guckt gelangweilt in die Gegend und versucht immer mal die unruhigen Kinder irgendwie zu beschäftigen.
Sie hat noch viel mehr erzählt, aber mir schwirrte schon so der Kopf, dass mir jetzt nicht mehr alles einfällt.
Diese Reise hat auch Züge eines Kurses in vergleichenden Religionswissenschaften (was ich auch irgendwann mal studieren wollte😅). Am Abend wieder in meinem Hostel brauchte ich erstmal einen großen japanischen Chochu-Schnaps!