susanne-reist
susanne-reist
vakantio.de/susanne-reist
Zuletzt in Venedig

11.Kapitel: Arashiyama im Dauerregen und die Geschichte vom Yamatoya

Veröffentlicht: 09.11.2025

Attraktion
Arashiyama
Kyoto, Japan
Attraktion
Togetsukyo Bridge
Kyoto, Japan
Essen
Yamatoya
$ · Snack
Essen
Yamatoya
$ · Snack
Essen
Ramen-Lokal
ramen · $ · Abendessen

Heute ist der erste ganze Regentag, da kann ich ja mal ein bisschen weitererzählen.

Ausgerechnet heute! Eigentlich sollte, wie immer am zweiten Sonntag im November, in Arashijama im Westen Kyotos, das Momi-Ji, das traditionelle Herbstfest mit einer Bootsprozession auf dem Fluss, mit Menschen in traditionellen Kostümen aus höfischen Zeiten, mit Theater und Tanzvorstellungen zur Feier der bunten Blätterfärbung begangen werden, aber nun fiel buchstäblich alles ins Wasser, es goss wie aus Kübeln den ganzen Tag!

Da mir Wetter in jeglicher Form nicht die Laune verderben kann, fuhr ich trotzdem hin, in der Idee vielleicht Szenen wie auf dem berühmten Holzschnitt von Utagawa Hiroshige (1797 – 1858), „Menschen auf der Brücke, vom Regen überrascht“ vorzufinden, und so war es dann auch.

Die Landschaft am Fluss mit den bunten Bergen dahinter, die vielen Menschen mit Regenschirmen, teilweise in Festkleidung und Kimono, die Regentropfen auf dem grün schimmernden Fluss ließen mein Photographenherz hoch schlagen, und obgleich ich nach kurzer Zeit trotz Regenschirm völlig durchnässt war, machte ich eine große Runde und sah viele der Orte und Ausblicke wieder, die wir schon vor sechs Jahren mit angehaltenem Atem entdeckt hatten. Eigentlich hatte ich vorgehabt, nun endlich die Bootsfahrt zu unternehmen, die wir damals nicht gemacht haben, aber dafür war es heute zu nass, genauso wir für den Affenfelsen, aber das kommt dann später. Es ist ja wirklich herrlich, genug Zeit zu haben, an alle Orte, die einem gefallen, zumindest zweimal zurückzukommen! Und die unterschiedlichen Szenerien verschiedener Wetterlagen und Jahreszeiten sind ja sehr reizvoll.

Aber nun war es tatsächlich zu nass und ich gab die Hoffnung auf das Momi-ji endgültig auf und ging lieber in ein neu entdecktes sehr gemütliches Ramen-Lokal. Da stand auf dem Tisch eine Art Gewürzglas mit einer klaren Flüssigkeit und mehreren ganzen Fischen drin und ich konnte mir nicht verkneifen, das zu probieren: Es war Essig, aber ich habe keinen blassen Schimmer, was diese Fische darin zu suchen haben.

Und dann die Geschichte vom Yamatoya: Dieses Café oder diese Bar, die sich „Jazz&Whiskey“ nennt, habe ich entdeckt durch Berichte eines meiner liebsten Pianisten, dem Franzosen Thomas Enhco, der auch viel in Japan produziert hat und auf seinem Instagram-Konto erzählte, dass er manchmal in Kyoto in so einem kleinen Jazz-Café spielt. Das war lange, bevor ich zum ersten Mal nach Japan gereist bin, aber ich hatte es mir aufgeschrieben.

Als ich dann zum ersten Mal durch die Tür trat, blieb mir fast das Herz stehen: ein uraltes Ehepaar, stilvolle Möbel, ein Klavier, eine ganze Wand voller Vinylplatten, zwei erstklassige Grammophone, die ohne Pause immer abwechselnd mit Schallplatten belegt werden, und zwei riesige Lautsprecher, die wie große Eckschränke aussehen, alles in Mahagoni, und einen tatsächlich himmlischen Klang produzieren.

Aufgabe der Dame des Hauses ist es, die Musik aus der riesigen Sammlung zu wählen und darauf achtzugeben, dass immer gleich auf dem anderen Plattenspieler weitergespielt wird, wenn die eine LP-Seite zuende ist. Außerdem nimmt sie die Bestellungen an den Tischen entgegen und bringt die Getränke. Sie spricht nur einige Wörter Englisch, z.B. „where from?“ und schenkt dann jedem Gast einen kleinen selbstgefalteten Origami-Kranich. Ich habe eine ganze Sammlung, denn ich wurde da Stammgast und verbrachte viele Stunden dort.

Der alte Mann ist der Herrscher über die Whiskey-Sammlung (japanischer Whiskey schmeckt sehr gut!), der große Jazz-Kenner und der Kaffee-Meister. Im Regal hinter ihm stehen viele hübsche Sammeltassen, jede anders, und wenn jemand einen Kaffee bestellt, wählt er als erstes die passende Tasse aus. Dann mahlt er den Kaffee, für jede Tasse extra, in der roten Mühle, die auf der Theke steht, brüht Wasser auf, stellt einen Filter auf die Tasse und gießt das heiße Wasser ganz langsam darüber, es ist eine richtige Kaffe-Zeremonie und ich freue mich immer wieder, ihm dabei zuzusehen.

Er spricht kein Wort Englisch, lächelt aber liebevoll und freut sich, wenn er sieht, wie man alles genießt, die Musik, die Getränke und die Atmosphäre.

Die Tochter, die auch manchmal hilft, spricht dagegen ganz gut Englisch und so konnte ich erzählen von Thomas Enhco und wie ich dorthin geraten bin. Sie kramten sofort alle Platten, die sie von ihm haben, hervor und legten sie auf, auch solche, die nur in Japan erschienen sind und die ich selber nicht hatte. Die Tochter interessierte sich auch sehr für Finnland, weil ihre Freundin gerade dort gewesen war und wohl speziell von Salmiak berichtet hatte.😂

Als ich dann im Frühjahr das zweite Mal nach Kyoto reiste, brachte ich dem Ehepaar ein paar Platten finnischen Jazz, Iiro Rantala, Jukka Perko und Lenni-Kalle Taipale, mit und für die Tochter ein paar unterschiedliche Salmiak- und Lakritze-Pastillen. Sie waren so überrascht und ein bisschen verschämt, und das nächste Mal, als ich hereinschneite, überreichten sie mir die japanischen Platten von Thomas Enhco, die ich noch nicht besaß, mit einer Widmung, die er für sie darauf geschrieben hatte, also ein echter Schatz!

Auch diesmal habe ich wieder Salmiak mit, habe aber die Tochter gestern noch nicht gesehen.


Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Wetter
Herbst
KulturellEntspannend
  • Arashiyama im Dauerregen
  • Momi-ji fiel buchstäblich ins Wasser
  • Besuch im gemütlichen Ramen-Lokal
  • Jazz & Whiskey im Yamatoya
  • Blick auf die Brücke im Regen
Regenschirm
NaturEssenKulturGeschichteArchitektur
susanne-reistFolge diesem Blog und verpasse keine neuen Beiträge.
Antworten