Ein kleines Juwel
TAG 3: Wir haben in Vesoul auf einem öffentlichen Parkplatz übernachtet – und überraschend ruhig geschlafen. Um 10 Uhr ging’s los. Wir hatten uns vorgenommen, die 80 Kilometer,...


Veröffentlicht: 19.03.2025








TAG4: Als ich gestern Abend in meinem Hubbett lag und so über den bisherigen Verlauf unserer Reise nachdachte, kam es mir spanisch vor, dass bisher alles so glatt gelaufen war. Gut, Ickes zwischenzeitlicher „Abschied von der Außenwelt“ und die damit verbundenen Problemchen waren kaum der Rede wert im Vergleich zu den Katastrophen, die auf unseren bisherigen Reisen treue Begleiter waren. Aber ansonsten? Eigentlich Grund zur Freude, wenn da dieses flaue Gefühl im Magen nicht gewesen wäre.
Und auf das ist Verlass. Wir hatten uns heute zu einer kurzen Mittagspause in La Canourgue – das auch als „Das kleine Venedig“ bekannt ist – entschieden und dort Mitten im Ort einen riesigen Parkplatz entdeckt, den wir nur für uns alleine hatten. Icke war mit den Hunden schon ausgestiegen und ich ließ unseren Hymer in einer großen Rechtskurve ausrollen. Ich sah es schon am Gesicht von Icke: Irgendetwas stimmte nicht. Ich öffnete die Seitenscheibe. „Fahr mal nochmal linksrum“, lautete die Anweisung. Also eine große Linkskurve. Ich stand wieder. „Nochmal rechtsrum.“ Ich hätte eigentlich auch fragen können, warum, aber ich ließ es. „Der rechte hintere Reifen quietscht, wenn du rechtsrum fährst“, sagte Icke in einem Ton, der mögliche Zweifel von vornherein ausschloss.
Der rechte Hinterreifen quietscht, wenn wir rechtsrum fahren. Ich habe manchmal den Eindruck, in unserem Wohnmobil quietscht alles und jeder. Aber vielleicht war das ein Quietschen zu viel ...? Ich war gestern in Vesoul hinten rechts am Bordstein angeeckt. Aber nur minimal. Am Reifen war nichts zu sehen, beim Fahren nichts zu spüren. Der Wagen lief schnurstracks geradeaus, wenn ich die Hände vom Lenker nahm. „Wir müssen in eine Werkstatt“, sagte Icke wieder in diesem Ton, den ich noch weniger als gar nicht leiden kann. Moment! Ich zog den einzigen Joker, den es in solchen Fällen gibt: „Wir rufen Deinen Papa an“, sagte ich. Egal, in welchem Ton – dieses Argument ist unschlagbar.
Ich habe also meinen Schwiegervater angerufen. Der meinte, ich sollte den Wagen mit einem Wagenheber aufbocken und nachsehen, ob sich das Rad drehen lässt. Ich weiß, wie ein Wagenheber aussieht und wo er in meinem Wohnmobil verstaut ist. Nähere Bekanntschaft habe ich mit diesem Gerät noch nicht gemacht. „Lass es lieber“, meinte Ernie daraufhin und ruf lieber den ADAC.“
Da kam der überraschende Einspruch von Icke. „Und wenn es gar nicht so schlimm ist? Wenn dieses Quitschen plötzlich nicht mehr zu hören ist?“ Es waren gefühlte fünf Telefonate über eine kleine Ewigkeit, bis schließlich das Ergebnis feststand: Wir fahren die restlichen 100 Kilometer vorsichtig an unser Etappenziel in Beziers. Morgen früh prüfen wir rechtsrumfahrend ob das Quietschen lauter oder leiser geworden ist oder vielleicht aus Angst vor dem, was da eventuell auf es zukommen würde, keinen Mucks mehr von sich gibt. Wenn es noch da ist, werden wir eine nahegelegene Werkstatt aufsuchen.
Wir stehen hier fast alleine auf einem riesigen Stellplatz. Icke liegt in ihrem Bett und spielt mit dem Autoschlüssel. Quietscht es noch, oder quietscht es nicht mehr? Ich weiß, die Gefahr ist groß, dass ihr diese Frage eine schlaflose Nacht bereitet. Aber ich sehe mich auch schon mit dem Wohnmobil Runden drehen wie ein Zirkuspferd in der Manage. Und wer die Dressurmeisterin ist, weiß ich auch schon …
