Back to Amman
Donnerstag + Freitag, 23. + 24. Januar 3:30 am. „Der Himmel ist sternenklar!“, höre ich Papa sagen, der gerade von der Toilette kommt. Als Mama und Papa gerade vom...

Veröffentlicht: 01.02.2020















25. – 31. Januar
In diesem Beitrag fasse ich grob meine vorerst letzte Woche in Amman zusammen, bevor ich mit Lea zu unserer 3-wöchigen Palästina-Reise aufbreche, und dann die allerletzte Woche noch einmal zusammen mit Caro in Jordanien bin. Und die sah ungefähr so aus:
Morgenstunden:
Es kann gut sein, dass sich in den letzten Wochen und Monaten ein wenig Schlafmangel aufgestaut hat. Zumindest habe ich es in den letzten Tagen fast immer genossen, lange auszuschlafen. Und war endlich seit Ewigkeiten mal wieder joggen. Das hat meinem Körper und meiner Seele wirklich gut getan. Außerdem hat sich die Sonne in den letzten Tagen oft gnädig gezeigt, sodass ich mit Lea und Rebecca einige Male draußen in unserem Treppenhaus frühstücken konnte, wo die Morgensonne genau auf den kleinen Holztisch scheint. So lässt sich wirklich jeder Tag entspannt anfangen.
Mittagsstunden:
Nach unseren ausgiebigen Frühstückssitzungen habe ich meine Tage immer außerhalb der Wohnung verbracht. Ich war seit langem Mal wieder in der MMAG-Stiftung, wo ich Bashar mal wieder angetroffen habe. Nach der letzten Ausstellung, die mit der Theatervorstellung von Mubarak geendet hat, gibt es dort jetzt eine neue interessante Ausstellung zu „Independent publishers“, wo es um die Herausforderungen geht, mit denen unabhängige arabische Schriftsteller*innen zu kämpfen haben.
Natürlich bin ich auch in den bekannten Orten Jungle Fever und Manara, wo ich jetzt nach Semesterabschluss ganz entspannt mit den Bedienungen plauschen und oben im Schaukelstuhl zu Musik und Cappuccino entspannen kann. Im Manara gibt es zur Zeit außerdem auch eine Kunstausstellung im zweiten Stock. Sie zeigt Bilder des syrischen Künstlers Majd Kurdieh, die nicht nur wunderschön sind, sondern auch richtig Tiefgang haben. Sie zeigen die beiden Hauptcharaktere Fasoon und Fasooneh, ein Mädchen und ein Junge, die immer lächelnd dargestellt werden. Außerdem haben die beiden keine Arme, auch wenn sie sich umarmen. Es geht darum, dass kein Mensch einem anderen Mensch gehört, wie uns die junge Frau erklärt, die uns durch die Ausstellung führt. Fasoon und Fasooneh haben den Auftrag, die Traurigkeit der Menschen zu stehlen, mit einer Blume als Waffe. Traurigkeit zu nehmen ist die Alternative davon, Glück zu bringen, was nicht immer möglich ist. Begleitet werden Fasoon und Fasooneh von einer Tierarmee, wobei jedes Tier andere Charaktereigenschsaften symbolisiert. Der große schwarze Wal symbolisiert dabei die Traurigkeit. Sowohl Kurdieh’s schwarz/weiß-Zeichnungen, als auch seine großen farbprächtigen Bilder sind wirklich sehr berührend.
Abendstunden:
Nachdem ich mich tagsüber endlich mal ausgiebig der arabischen Sprache widmen kann, treffe ich mich zweimal mit Rose zu Privat-Arabisch-Stunden, da Sophia schon mit einer Freundin am Reisen ist. Nach der letzten Arabisch-Stunde leiste ich Rose außerdem zusammen mit Lea bei einem Mädels-Abend in einem Café in Weibdeh Gesellschaft, wo wir zu Lemon Mint und Shisha zusammen Karten spielen. Wenn man sich hier abends in Cafés so umschaut, scheint das nichts Ungewöhnliches zu sein. Und es ist wirklich eine schöne Alternative zu einem Drink in einer Bar. Ich gehe außerdem einmal mit Lea zum kostenlosen Zumba im House of Dreaming (sehr schön und sehr anstrengend), und einmal zu einer Jam Night in Weibdeh, wo eine arabische Coverband für ausgelassene Stimmung sorgt. Ich werde außerdem nie von Sonnenuntergängen auf der Zitadelle genug bekommen, wo ich so lange oben sitzen bleibe, bis wirklich die allerletzten Klänge des Abendgebets ausgeklungen sind, und es so dunkel ist, dass man die Taubenschwärme nicht mehr sehen kann, die ununterbrochen über Amman ihre Kreise drehen.
Tarabot:
Ich gehe zum vorletzten Mal zu Tarabot, und werde nur noch einmal mit Sophia herkommen, wenn wir beide von unseren Reisen wieder zurück sind. Ich werde noch einmal Zeugin davon, wie etwa 70 Kinder gleichzeitig beschäftigt werden: mit Wettbewerben, Theater-Proben, Computerkursen und Anti-Mobbing-Gesprächskreisen. Außerdem schaue ich zu, wie eine Gruppe irakischer Frauen an einem Korb-Workshop teilnimmt. Während ein paar Frauen, teilweise mit Nikab bekleidet, noch ihre Körbe fertigstellen, drehen andere Frauen an den großen Boxen irakische Musik auf, schwingen ihre Hüften und schütteln ihre Brüste. Ich würde wirklich nicht glauben, was hier hinter verschlossenen Türen vor sich geht, wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehen würde. Dr. Amina gibt mir außerdem am Ende schon einmal mein Praktikumszeugnis und einen wertschätzenden Gutschein für die Amman Citymall. Sie lässt es sich außerdem nicht nehmen, mir noch ein paar ermutigende Worte zu sagen. Ich solle nicht vergessen, dass das Leben die Pläne macht, und nicht wir Menschen. Niemand kann wissen, wo wir in der Zukunft sind, sagt sie. Und ich glaube, da hat sie Recht.
Summer School People:
In den letzten Tagen, bevor Rebecca sich nach Deutschland verabschieden wird, kommt Bara’a uns noch einmal besuchen. Ich habe sie seit ihrer Verlobungsfeier wirklich nur ein paar Mal flüchtig gesehen. Und jetzt ist es schon bald so weit: am 1. März wird sie heiraten. Ich werde ihren großen Tag also leider ganz knapp verpassen. Ihr Leben wird sich grundlegend verändern. Zum ersten Mal in ihrem Leben wird sie nicht mehr zu Hause wohnen, sondern zusammen mit ihrem Ahmed. Ihr Hochzeitskleid hat sie schon. Sie wird pompös aussehen. Ganz sicher.
Wir treffen außerdem Adib. Ihn haben wir vor Weihnachten nach Syrien verabschiedet, wo er voller Hoffnungen und Visionen zu seiner Familie gefahren ist. Jetzt sieht er müde aus. Und desillusioniert. Das Positive, sagt er: in Damaskus kann man sicher leben. Idlib im Norden Syriens, wo der Krieg gerade noch so richtig tobt, sei von der Hauptstadt weit weg. Aber das Leben in Damaskus, hart. Die Inflation steigt täglich, die ökonomische Situation katastrophal. Die Menschen haben nichts, wovon sie leben können. Alle leiden unter Traumata, da sei er sich sicher. Während außerdem alle nach der kleinsten Chance greifen, um Syrien zu verlassen, geht Adib nun den anderen Weg nach Syrien zurück. Und fühlt sich ein wenig verloren, so in der Mitte. Jordanien auf der anderen Seite ist für ihn allerdings auch keine langfristige Alternative, da ihm dort so gut wie keine Zukunftschancen bleiben – als Syrer bekommt man in Jordanien keine Arbeitserlaubnis. Als Ehemann und Vater von zwei kleinen Kindern steht er jedoch in einer besonderen Verantwortung. Ich kann sehen, wie all das schwer auf seinen Schultern lastet. Und kann doch nichts mehr tun als hoffen, dass sich irgendwie alles zum Guten wenden wird.
Die letzten Stunden in unserer Wohnung:
Zum 1. Februar müssen wir unsere Wohnung verlassen – Rebecca verabschiedet sich dann nach Deutschland, Lea und ich nach Palästina. In unserer vorletzten Nacht bleiben wir also auf bis nachts um 3, um zu motivierender Musik und der letzten Flasche Wein alles wieder so herzurichten, wie es am Anfang war, als wir eingezogen sind. Wir erinnern uns noch gut daran, wie wir in unserer ersten Nacht hier unbedacht Möbel und Deko-Gegenstände aus allen Ecken der Wohnung so platziert haben, wie es uns am besten gepasst hat. Weniger gut wissen wir noch, wie genau es eigentlich aussah, bevor wir mit dem Möbelrücken angefangen haben.
Umso erleichterter sind wir, als Joud, unsere Vermieterin, am nächsten Tag vorbeikommt, alles absegnet und uns die Wohnung abnimmt. Es fühlt sich trotzdem komisch an, bald nicht mehr hier zu sein. Ich gehe mit Lea und Rebecca noch ein letztes Mal auf unsere Dachterrasse, von wo aus wir uns Ammans schönen Abendhimmel anschauen. Dann noch ein letztes Mal mit Rebecca in Weibdeh essen, Shisha rauchen am 2nd Circle, tanzen in Uncle Sam’s Pub. Die Tage in Amman sind erst einmal gezählt.