Salam ya Amman
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Hebron. Die geteilte Stadt.

Veröffentlicht: 05.02.2020

Dienstag, 4. Februar

7:30 am. Ich sitze so lange mit meinem Laptop im Gemeinschaftsraum des Hostels, bis Lea mir schon geduscht Gesellschaft leistet und ich mich dann auch ausgehfertig mache. Durch die großen Glastüren des Hostels scheint uns schon die strahlende Sonne entgegen. Auf geht es also, zu Fuß Richtung Altstadt.

Wir haben uns heute dazu entschieden, nicht im Hostel zu frühstücken, sondern stattdessen unterwegs zu schauen, was Hebron so zu bieten hat. In nicht einmal 10 Minuten erreichen wir die Altstadt, wo die meisten der gelben Tore, hinter denen sich die Shops verbergen, noch geschlossen sind. Vielleicht ist es hier nicht so üblich, früh zu frühstücken oder generell schon einkaufen zu gehen. Wir betreten also zunächst eine Glasbläserei – wir haben bereits gelesen, dass Hebron für das Glasbläser-Handwerk bekannt ist. Leider ist der große Ofen nicht in Betrieb. Das Öl sei ihnen ausgegangen, sagt uns der Besitzer. Aber In sha Allah kann der Betrieb morgen wieder weiterlaufen.

Also gut. Wir schlendern die Straße weiter entlang, bis wir am Ende vor einer Drehtür stehen, hinter der der Gehweg in zwei Teile geteilt ist. Ein Checkpoint. Davon haben wir schon gehört. Es gibt hier mehrere davon in Hebron, in der Regel, um jüdische Siedlungen zu „sichern“, die sich hier mitten in der Stadt befinden. Teilweise ist es Palästinenser*innen komplett untersagt, solche Wege zu passieren. An diesem Checkpoint hier werden jedoch Jüd*innen von Palästinenser*innen durch ein Gitter in der Mitte der Straße getrennt, um Zusammenstöße zu vermeiden.

Wir fühlen uns noch nicht bereit dazu, den Checkpoint zu passieren, und gehen stattdessen noch einmal in die andere Richtung. Es ist jetzt schon später Vormittag, aber die meisten Läden in der Altstadt immer noch geschlossen. Lea fragt bei einem Shop am Eck nach, und bekommt prompt die Antwort darauf. „They are closed! Second Intifada!“ Wir schämen uns fast ein bisschen, das Thema hier angesprochen zu haben. Wissen wir doch, dass es hier auch eine Straße in der Altstadt gibt, die nach dem letzten größeren arabisch-israelischen Konflikt von israelischer Seite komplett für Palästinenser*innen abgeriegelt wurde, was zur Folge hatte, dass alle Läden, die sich dort befanden, schließen mussten. Dass dies auch Konsequenzen für die ganze restliche Altstadt hatte, hatten wir für einen kurzen Moment ausgeblendet. Die Leute hier wurden im Gegensatz zur Al-Shuhada Street allerdings nicht gezwungen, ihre Läden aufzugeben, wie uns die Ladenbesitzer jetzt sagen. Das Geschäft nach der verstärkten Besetzung und der Aufteilung der Stadt in zwei Teile (dazu später noch mehr), war hier schlichtweg so schlecht, dass die meisten Ladenbesitzer ökonomisch dazu gezwungen waren, ihre Shops aufzugeben. Ich kann mit Blick auf die verschlossenen Tore nur noch mit dem Kopf schütteln. So extrem hätte ich es mir nicht vorgestellt.

Wir gehen unseren Weg weiter durch die Altstadt, wo uns die vereinzelten Ladenbesitzer, die ihre Geschäfte noch geöffnet haben, fast verzweifelt versuchen, zum Kauf zu bewegen. Mit Blick nach oben stellen wir außerdem fest, dass sich in den oberen Häuserreihen hier wieder eine Siedlung befindet. Metallgitter hängen zum Schutz über der Altstadt – von der Siedlung oben kommen hier regelmäßig Müll und Fäkalien heruntergeflogen. An einer Kreuzung spricht uns ein Mann an. Es stellt sich heraus, dass er immer mal wieder als Stadtführer arbeitet und Touristen durch Hebrons Straßen führt. Wir zögern, als er uns fragt, ob er auch uns für eine halbe Stunde begleiten soll, wollen wir doch eigentlich kein Geld für eine Stadtführung ausgeben. Er merkt schnell, worum es geht und sagt, dass er nichts dafür haben möchte. Wir sind immer noch etwas unsicher, aber stimmen schließlich zu.

Und das war eine wirklich gute Entscheidung. Thalal, wie er sich uns nun vorstellt, führt uns durch die Gassen und erklärt, wo sich hier die Siedlungen befinden. Das ist nämlich ausschlaggebend für das Leben der benachbarten Palästinenser*innen. Etwa 2000 palästinensische Läden wurden wegen der Siedlungen geschlossen, mehr als 400 davon gewaltsam von der Armee. Etwas mehr als 800 jüdische Siedler*innen wohnen hier in der Innenstadt Hebrons, die von 650 israelischen Soldaten beschützt werden. Im normalen Alltagsbild sind die Siedler*innen allerdings nicht zu sehen, sagt uns Thalal. Nur samstags, am Shabbat, machen sie in der Regel Touren durch die Stadt, um anderen Siedler Hebron zu zeigen. Solche Touren sind immer strengstens vom israelischen Militär umschirmt.

Wir gehen weiter über einen Markt, der sich von der Altstadt wegen schlechtem Geschäft hierhin verschoben hat. Aber auch hier laufen die Läden nur mäßig, wie Thalal uns sagt. Aber Hebron sei eine heilige Stadt. Hier müsse niemand hungrig schlafen gehen. Man helfe sich gegenseitig. Wir bekommen bei Freunden von ihm auf dem Markt ein paar frisch geröstete Nüsse geschenkt und stehen dann wieder vor einer Drehtür. Der Eingang der Al-Shuhada Street. 

Die Al-Shuhada Street wurde 1998 im Zuge der Teilung Hebrons und der dort entstehenden Siedlung für Palästinenser*innen geschlossen. Hebron ist mittlerweile in zwei Teile unterteilt: H1 unter palästinensischer Kontrolle, H2 unter israelischer Kontrolle. Die Al-Shuhada Street ist außerdem ein besonderer Fall. Nur ein paar Palästinenser*innen, die immer noch dort leben, ist es erlaubt, diese Straße zu betreten. Ansonsten ist das Betreten nur Jüd*innen (oder Christ*innen) gestattet. Wo einst reges Treiben herrschte, findet man jetzt verschlossene Tore vor. Ghost Town, wird dieser Teil Hebrons auch genannt.

Am Checkpoint müssen wir unsere Visas zeigen und werden durchgewinkt, sobald wir sagen, dass wir aus Deutschland kommen. Thalal hat eine Sondergenehmigung und darf noch eine Weile mit uns gehen, bis wir vor einer nächsten Drehtür stehen. Hier ist auch ihm der Zutritt verweigert. Ein junger israelischer Soldat lässt Lea und mich durch und wir laufen ein paar Treppen hoch, von wo aus wir einen schönen Blick auf die Stadt haben. Zu wehenden israelischen Fahnen erklingt nun das Mittagsgebet aus den Moscheen. Es ist ein wirklich groteskes Bild. Unter uns hören wir Kindergeschrei und sehen, wie palästinensische Kinder aus einer Grundschule gerannt kommen, die sich hier in der Al-Shuhada Street befindet. Sorglos scheinen sie an dem israelischen Checkpoint vorbeizuhüpfen.

Wir gehen noch ein paar Treppen weiter hoch und finden uns dann in einem Olivenhain wieder. Hier oben wirkt alles seltsam ruhig und friedlich. Als wir auf der anderen Seite wieder heruntersteigen, kommen wir an einem Friedhof vorbei, wo palästinensische Kinder mit einer Spielzeugwaffe herumtoben. Die Gegensätze in dieser Stadt sind wirklich schwer in Worte zu fassen.

Wieder unten in der Al-Shuhada Street angekommen laufen wir durch die menschenleeren Gassen, an deren Seiten Informationstafeln angebracht sind, die von einer anderen Wahrheit erzählen, als wir es eben noch von Thalal gehört haben. Aus israelischer Sicht ist die Straße hier wegen palästinensischem Terrorismus gesperrt. Und die Soldaten und Checkpoints notwendig, um die Siedler*innen zu beschützen, die ohnehin in der Stadt schon total eingeschränkt seien. Andere Schilder zeigen Bilder von Israelis, die durch israelische Terroranschläge ums Leben kamen. Es ist natürlich nicht einfach für uns, sich hier ein objektives Bild von der Lage zu machen. Aber wir fragen uns schon, mit welcher Motivation man sich hier ansiedelt. Wissend, welcher militärische Aufwand und welche Konsequenzen für die hiesigen Anwohner*innen das mit sich bringt.

Wir gelangen nun zum bedeutendsten Gebäude Hebrons: der Al-Ibrahimi Moschee, auch Grab der Patriarchen genannt. Hier befinden sich gemäß Judentum und Islam die Gräber der Erzväter Abraham, Isaak, Jakob und deren Frauen Sara, Rebekka und Lea. Was ursprünglich eine Kirche war, wurde unter dem ägyptischen Sultan Saladin im 12. Jahrhundert zur Moschee erklärt. Mittlerweile ist das Gebäude getrennt: halb Synagoge, halb Moschee. Aber dazu gleich noch mehr. Es gibt heutzutage also zwei Eingänge in das Gebäude: der Eingang zur Synagoge ist nur Jüd*innen erlaubt, der Eingang zur Moschee nur muslimischen Gläubigen. Wir als Christinnen dürfen beide Seiten betreten, und fangen mit der Synagoge an.

Wir wissen mittlerweile um die vielen Checkpoints in Hebron Bescheid, was nichts daran ändert, dass der Anblick der schwerbewaffneten jungen Menschen dort immer noch befremdlich ist. Waffen sind hier nicht erlaubt, sagt uns das Schild über dem Kontrollpunkt. Wir laufen durch den Detektor, der piepst, wofür sich niemand interessiert. Die Soldat*innen am Checkpoint sitzen in einem Kreis und halten einen Plausch. Als wir an ihnen vorbeigehen, wollen sie wissen, woher wir kommen. „Germany? Are you Christian?“ Wir nicken. „Okay. Enjoy!“ Die Tatsache, dass wir Deutsche sind und zusätzlich noch Christinnen schließt offensichtlich aus, dass wir gefährlich sein könnten.

Wir betreten die Synagoge, wo wir orthodoxe Jüd*innen beim Thorastudium vorfinden. Alles hier drinnen wirkt außerdem etwas improvisiert. Die Regale mit den Thoras, die an den Wänden etwas fehl am Platz wirken, und Trennwände aus dünnem Material vor den zweifarbigen Steinwänden, die man sonst aus Moschees kennt. Weiter innen haben wir nun einen Blick auf vier der heiligen Gräber, die man sich durch Glasscheiben anschauen kann. Wir beobachten ein paar orthodoxe Jüd*innen, die während des Gebets wippend mit ihrer Thora vor den Wänden stehen, und verlassen dann diesen Teil des Gebäudes wieder, auf den Weg zur muslimischen Seite.

Auch hier passieren wir wieder einen Checkpoint, und müssen dann vor Betreten der Moschee einen Umhang mit Kapuze überziehen, die vor dem Eingang hängen – das Prinzip kennen wir ja schon von unserem letzten Moschee-Besuch. Neben uns zieht sich gerade eine andere deutsche Touristin einen Umhang an, die mit ihrem Freund von einem Palästinenser begleitet wird. Er bietet uns an, ebenfalls zuzuhören, während er etwas die Moschee erzählt. Wir kennen die Geschichte schon in Teilen, die er uns jetzt im Inneren der Moschee berichtet, was nichts an deren Tragik ändert.

Im Jahr 1994 während des Ramadans betrat der extremistische Siedler Baruch Goldstein die Moschee. Er wartete, bis sich die Menschen in der vollen Moschee zum Beten nach vorne beugten und eröffnete dann das Feuer. 29 betende Muslim*innen kamen damals ums Leben, hunderte wurden verletzt. Goldstein selbst konnte überwältigt wurden und kam dabei ums Leben, woraufhin die Moschee zunächst geschlossen wurde. Als die israelische Regierung sie wiedereröffnete, hatte sie die Moschee geteilt. Seitdem ist das Gebäude zu einer Hälfte eine Moschee, zur anderen Hälfte eine Synagoge. Auch wenn ich nun aus erster Hand vom Massaker und den Konsequenzen erfahre, ist es immer noch schwer zu begreifen. Und ich weiß immer noch nicht, was ich dazu sagen soll.

Wir verlassen die Moschee, und müssen jetzt erst einmal unsere Mägen füllen – wir haben immer noch nichts gefrühstückt. In der Altstadt finden wir ein Restaurant, in dem uns der nette Besitzer anspricht, und uns Hummus, Galaieh, Kartoffeln und Salat anbietet. Wir sind froh, endlich etwas zu essen, und kommen ein wenig mit dem Besitzer ins Gespräch. 

Auf Arabisch, wohl bemerkt, da er fast kein Englisch spricht. Es stellt sich heraus, dass er sein Restaurant hier erst vor einem Monat eröffnet hat. Was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass die meisten Läden in seiner Nachbarschaft seit langer Zeit geschlossen sind. Er sagt, dass das Geschäft zwar noch nicht sehr gut läuft, aber ist sehr zuversichtlich, dass das im Sommer besser wird. Und dass er Schritt für Schritt sein Angebot vergrößern kann. Ein Restaurant hier in der Altstadt sei mittlerweile eine Marktlücke, sagt er. Und wir haben tatsächlich außer ihm bisher nur zwei winzige Falafel-Buden entdeckt. Es ist wirklich wohltuend, zwischen all der Schwere heute auch etwas Optimismus zu erfahren. Und In sha Allah wird in der Zukunft alles besser werden.

Wir machen uns wieder auf den Weg zu dem Ort, an dem wir heute früh Thalal begegnet sind – wir wollen ihm als Dank für seine Stadttour einen Kaffee vorbeibringen. Zufällig treffen wir ihn schon unterwegs und gehen dann zusammen zu einem Kaffee in der Neustadt Hebrons, zu dem er uns führt. Wieder reden wir ein wenig mit ihm über Politik, und erfahren nach dem positiven Gespräch mit dem Restaurant-Besitzer jetzt wieder etwas Ernüchterung. Seit dem „Deal of the Century“, wie Trumps neuster Israel-Palästina-Plan genannt wird, gebe es keine Hoffnung mehr. Netanjahu und Trump zusammen hätten schlicht zu viel Macht, als dass irgendjemand etwas an der derzeitigen Situation ändern könnte. Zusätzlich, und das sagt Thalal uns als Palästinenser, müsse man ehrlich gesagt zuerst die Regierung der Palästinenser bekämpfen, bevor man Kämpfe auswärts austrage. Die sei nämlich korrupt, und handele nicht im Geringsten zum Vorteil ihrer Bevölkerung. Wir können ihm dazu wirklich nichts ermutigendes entgegnen.

Thalal bringt uns dann gegen Ende des Nachmittags noch zur Abraham-Eiche, die an dem Platz steht, wo der Überlieferung nach Abraham sein Zelt aufschlug. Neben der Eiche steht mittlerweile eine hübsche orthodoxe Kirche, die wir uns noch anschauen, und danach wieder zurück in die Stadt schlendern. Thalal will uns noch eine empfehlenswerte Falafel-Bude zeigen, wo wir vom Besitzer auf ein Falafel-Sandwich eingeladen werden und uns dieses selbst füllen können. Yum.

Mit gefüllten Bäuchen wollen wir nun noch etwas Obst kaufen und landen im Dunkeln bei einem Stand, der von zwei Jungs Anfang 20 und einem Minderjährigen betrieben wird. Sie sind Brüder und stehen hier jeden Tag, sagt uns Thalal. Auch wenn die israelischen Soldat*innen das nicht gerne sehen, weil sie diesen Ort als nicht angebracht für einen Obststand halten. Aber irgendwie müssen die drei ihren Lebensunterhalt verdienen, zuckt Thalal mit seinen Schultern. Und lassen sich davon auch nicht abhalten.

Es ist noch relativ früh, als wir zurück ins Hotel kommen, aber unsere Köpfe sind voll. Wir haben heute unglaublich viele Informationen und Eindrücke bekommen, die wir erst einmal alle verarbeiten müssen. Wir tauschen uns noch einmal über alles aus und versuchen, die Situation und die Geschichte der Stadt durch zusätzliche Recherche etwas besser zu verstehen. Falls wir das irgendwann schaffen werden – heute definitiv nicht mehr. 

… das Internet reicht gerade nicht aus, um Bilder hochzuladen. Aber die reiche ich so bald wie möglich nach :-) 

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