Mit Geschichte(n) um die Welt
Mit Geschichte(n) um die Welt
vakantio.de/mitgeschichteumdiewelt

Toronto: von der Stadt, Nepal in Toronto und nepalesische Perspektiven auf Südosteuropa

Veröffentlicht: 29.07.2023

Wenn ich nicht über jemanden, jemanden kenne und nur kurzzeitig eine Unterkunft brauche, nutze ich Airbnb. Ja, mittlerweile ist es ultra kommerzialisiert und an vielen Orten richtet Airbnb die Wohnungspreise und Mieten völlig dahin, zerstört die Städte. Die Ursprungsidee: bei jemandem zuhause wohnen, wenn die Person z.B. gerade nicht da ist oder ein Zimmer frei hat, fand ich vor so 10 Jahren toll. Es war eine Art Luxusversion von Couchsurfing - da zahlt(e) man nichts, sondern konnte kostenfrei auf der Couch bei jemandem bleiben.

Ein bisschen mehr “Raum” für wenig Geld, so war mal Airbnb. Betonung auf “war”. In den letzten Jahren hatte ich das jedoch kaum noch. In manchen Städten bestehen die Innenstädte fast nur noch aus Airbnb-Wohnungen, jemand, meist Reiches, hat die Wohnung oder das Haus gekauft und vermietet sie nun (noch) teuerer weiter - und macht damit noch mehr Geld, entzieht die Wohnung dem normalen Mietmarkt.

Da ich nach vielen Jahren Hostelerfahrung und vielen, vielen Nächten in Mehrbettzimmern mittlerweile mein eigenes Zimmer haben möchte und auch eine Couch nicht mehr reicht - ja, Ansprüche steigen im Alter ;) - ist Airbnb oft eine, manchmal sogar eine der wenigen Alternativen, besonders, wenn man sich in einer Ortschaft nicht so auskennt. Daher: ein Dilemma, wenn auch ein Luxusproblem, denn ich bin mir bewusst, dass das Reisen absolut ein Privileg ist.

Stadtansichten.
Straßen in Downtown Toronto, der Innenstadt.

So viel vorweg um nicht den Anschein zu erwecken, dass Airbnb nur toll ist. Eine für mich ganz gute Möglichkeit, Airbnb nach der eher ursprünglichen Idee zu nutzen, ist zu schauen, ob die vermietende Person dort vor Ort lebt - oder Ausschluss: die Person hat mehrere Wohnungen in einer Stadt zu vermieten. Das ist dann nämlich eher eine Art “Airbnb-Markler:in”.

In Toronto hatte ich, ohne es wirklich zu wissen, einen totalen Glücksgriff. Zwar weiter außerhalb, aber dafür ein guter Preis und dazu sehr nette Leute bei denen ich untergekommen bin. Ein Ehepaar aus Nepal. Tanka, Mitte 60, hatte lange für die UN in Serbien und im Kosovo gearbeitet, seit mehreren Jahren leben sie in Kanada.

Von Nepal wusste ich zuvor nicht so viel: irgendwo so bei China, Zentralasien. Oje, wie hieß denn da die Hauptstadt…? Oder andersherum: weiß ich eigentlich irgendetwas über dieses Land?

Nein, eigentlich nicht.

Ich kann nicht mehr sagen, was Tanka da trocknen ließ, aber es schmeckte gut - wie eine Art getrocknetes Sauerkraut.

Tanka erzählte mir, dass dort 30 Millionen Menschen leben, Kathmandu die Hauptstadt ist und viele Leute dort immer noch das Kastensystem pflegen, in den Städten spiele dies aber nur noch eine untergeordnete Rolle. Tanka hat eine sehr gute Ausbildung erhalten: er stammt aus der obersten Kaste und hatte somit auch die Möglichkeit ins Ausland zu gehen.

Shibanee ist etwas jünger und weiß ziemlich genau, was sie will, ist direkt und herzlich zugleich. Beide sind aufgewachsen mit arrangierten Ehen und so haben auch sie sich kennengelernt. Das sei kein Geheimnis und bei einem der vielen Küchengesprächen erzählte Shibanee mir davon. Sie habe niemanden heiraten wollen, der 10 Jahre älter ist - so wie Tanka. Sie fuhr also damals nach Kathmandu, traf Tanka und stellte fest, dass er gar nicht wie 10 Jahre älter aussah - und auch ganz nett sei. Und somit hatte sie, wurden sie, verheiratet. Einige Verwandte kannten sich bereits zuvor, so kam der Kontakt zustande.

Noch viel spannender fand ich Shibanees Erzählungen von ihren Jahren in Südosteuropa. Schnell hatte sie Serbisch gelernt, ihre Kinder sind dort aufgewachsen. Die UN-Mission, der Tanka damals angehörte war ohne Familie, d.h. es gab keine Unterstützung dafür. Sie entschieden sich eigenständig dazu Tanka nachzuresien und in Serbien zu leben. Nicht ganz einfach, denn wenn die UN-Angehörigen z.B. im Notfall ausgeflogen worden wären, hätte Shibanee und die Kinder keine internationale Unterstützung erhalten; sie wären auf sich allein gestellt gewesen.

Shibanee erzählte auch von Übergriffen, lauthalse Beleidigungen ihr sowie ihren Kindern gegenüber. Sie haben eine dunklere Hautfarbe und auch der nepalesische Kleidungsstil sowie Shibanees Serbischkenntnisse, ließen Leute vor Ort annehmen, dass sie eine Romafamile seien. Shibanee hatte Kraft sich zu wehren, und noch viel wichtiger einige serbische Freunde gefunden, sie sagt “serbische Familienangehörige”, die ihr stets zur Seite standen. Das half.

Besonders die letzte Geschichte ist mir immer noch im Ohr. Und macht mich betroffen, in mehrfacher Hinsicht. Und ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob die Freunde auch eingegriffen hätten, wenn es serbische Roma gewesen wären.

Die Tage in Toronto habe ich auch mit sehr gutem nepalesischen Essen verbringen dürfen. Zwar ist das bei Airbnb eigentlich nicht drin, doch Shibanee und Tanka gaben mir die volle nepalesische Erfahrung und das obwohl beide derzeit sehr im Stress sind: Ihr Sohn heiratet. 

In einem Jahr. 

Und die Vorbereitungen für eine Hinduhochzeit in Kanada laufen auf Hochtouren. Da seine Verlobte Christin ist, wird es im nächsten Jahr auch gleich zwei Hochzeitsfeiern geben: eine Christliche und eine nach Hindubrauch. Ich hoffe, ich bekomme Fotos davon, zumindest bei WhatsApp bleiben wir verbunden. Wirklich eine tolle Begegnung!

Antworten

Kanada
Reiseberichte Kanada
#toronto#nepal#airbnb#couchsurfing#diversity#culture#celebtatediversity