miriamandjakob
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Albanien war für uns ein grauer Fleck auf der Landkarte. "Geht nicht nach Albanien, da ist es gefährlich...". Eingerahmt von exjugoslawischen Ländern und Griechenland zeigt sich Albanien von einer ganz eigenen Seite. Man fühlt sich ein wenig wie nach Südostasien versetzt: im Straßenverkehr gibt es nur eine Regel: es gibt hier keine Regeln. Autos parken auf der Straße, Hunde stehen bewegungslos im Kreisverkehr während Autos und Fahrräder um sie herumfahren, viele Personen strampeln sich langsam auf ihren rostigen Klapprädern voran, Ampeln und Zebrastreifen werden ignoriert, Menschen laufen ungeachtet dem Verkehr kreuz und quer über die Straße und es gibt viele Geisterfahrer. Doch an all das gewöhnt man sich relativ schnell. Über all auf den Gehwegen haben die Menschen kleine Shops aufgebaut und verkaufen alle möglichen Dinge: Schuhe, Klamotten, Spiegel und viel Obst, Gemüse und Fleisch. Es fahren Kutschen mit Tieren beladen umher, tote Hühner werden mit den Füßen nach unten auf dem Fahrrad befestigt, auch gibt es vereinzelt Street Food. Um ehrlich zu sein haben wir einen kleinen Kulturschock bekommen, den wir aber schnell überwunden haben und wir tauchen ein und beginnen stattdessen die Atmosphäre zu genießen. 

Über Hippohelp sind wir auf Florians Guesthouse in Shkodar, Nordalbanien aufmerksam geworden und haben angefragt, ob wir für 6 Tage bei ihm mithelfen können und dafür umsonst Unterkunft und Essen bekommen. Florian betreibt ein Hostel, in welchem man hautnah das albanische Land- und Familienleben miterleben kann. Wir bekommen zwei Betten im Mehrbettzimmer. Das Frühstück und Abendessen teilen wir mit seiner Familie. Jakob hilft ihm bei der Überarbeitung seiner Website und bei Bewerbungen nach Europa, da Florian gerne über den Winter in einem anderen Land arbeiten möchte. Miriam unterstützt in dieser Zeit seine Schwester Ella, welche Köchin in einem kleinen Restaurant ist. Miriams gesammelte Erfahrung von ihrem Studentenjob in der Schlappen-Küche in Freiburg ist nützlich und zusammen stellen Ella und Miriam Fingerfood Köstlichkeiten für einen Cateringauftrag für 30 Personen her. Wir helfen der Familie bei ihrer Weihnachtsdekoration und wir dürfen ihren Plastikbaum hübsch kitschig schmücken. In Florians Hostel werden 90% der Lebensmittel selbst produziert und wir genießen hausgemachte Suppe, gebackene Auberginen und Paprika, selbstgemachtes Brot, Käse sowie Pancakes und Eier zum Frühstück. Knoblauch wird hier zu jeder Mahlzeit nebenher gesnackt und Florians Rekord liegt bei 36 Knoblauchzehen an einem Abend. Auch wir gewöhnen uns langsam an diese Traditionen und verputzen jeder um die 5 Knoblauchzehen zu einer Mahlzeit. Nachdem Abendessen bekommen wir unterschiedliche Sorten hausgemachten Wein serviert und wir unterhalten uns viel mit Florian über unsere Reiseerfahrungen. Einmal haben wir sogar miterleben dürfen, wie ein Küken im warmen Ofen aus seinem Ei geschlüpft ist und Miriam durfte es auf die Hand nehmen. Jedoch bekommen wir auch die Schattenseiten des Landlebens mit: die Familie besitzt einige Tiere und für ein Barbecue nächste Woche schlachten sie an einem Morgen eines ihrer Schafe. Das Heulen des zweiten Schafes, welches nun alleine ist und nach seinem Kameraden ruft, begleitet uns mehrere Tag. Auch die vier Schweine werden für das Weihnachtsessen noch geschlachtet. Der Hofhund ist angekettet an sein Hundehaus und in unserer Zeit hier darf er nicht einmal umher laufen und muss in seinem eigenen Kot sitzen. Unsere Versuche ihm zu helfen, werden von der Familie erstickt, denn es sei Aufgabe des Vaters sich um ihn zu kümmern, was dieser aber nicht tut. All dies ist sehr schwer zu ertragen, vor allem für Miriam, ebenso wie die unendlich vielen Straßenhunde und Katzen, die jeden Tag auf der Suche nach Essbarem im Müll wühlen. 

Zudem macht uns die Kälte hier sehr zu schaffen: das Hostel hat mehrere Wohnkomplexe, doch nur ein einzelner kleiner Raum wird von einem Ofen beheizt. In unserem Schlafzimmer ist es genauso kalt, wie im Zelt und vor allem abends kann man sich nur in dem beheizten Raum aufhalten. So kommt es, dass wir jeden Abend mit der Familie (Mama, Papa, Florian, 2 Schwestern und eine Nichte) in dem kleinen Zimmer zusammen sitzen. Die Gespräche mit den anderen Familienmitgliedern außer Florian sind einsilbig, da sie kaum Englisch sprechen, der Fernseher die ganze Zeit läuft und viel telefoniert wird. Da die Familie sehr gläubig ist (katholisch) beten Mama und Papa jeden Abend um 9 Uhr das Ave Maria, welches laut aus der Musikanlage dringt. Duschen können wir hier fast nicht, da es sich um eine Solardusche handelt und es jeden Tag höchstens für eine Person warmes Wasser gibt. An einem Abend ist ein Pärchen aus Frankreich als Gast in dem Hostel, die mit ihrem Van bis nach Vietnam reisen. Für uns eine abwechslungsreiche Erfahrung, da wir mit den beiden unterhaltsame Gespräche auf Englisch führen können. In unser Freizeit am Nachmittag sind wir oft im Zentrum von Shokdar unterwegs, leider ist es dann schon sehr kalt und nicht mehr lange hell, so dass wir uns oft in ein warmes Cafe setzen. An einem Tag haben wir früher frei und fahren mit alten Klapperrädern zu einer Brücke aus der Ottomanenzeit. Das kristallklare und blauschimmernde Wasser des Flusses sieht so schön aus, dass wir es uns nicht nehmen lassen kurz hinein zu springen. Wir schätzen, dass es um die 10 Grad hat aber wenigstens kommen wir so zu einer kleinen Dusche. 

Die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit und wir wurden auch schon von neugierigen Jugendlichen ein Stück begleitet, die sich über unsere großen Rucksäcke lustig machten. Da unsere geliehenen Fahrräder kein Schloss besitzen, müssen wir sie immer unabgeschlossen auf der Straße stehen lassen. Während sie in Freiburg schon mitgenommen worden wären, stehen sie hier in Albanien immer noch am gleichen Fleck. Auch interessant ist, dass wir die einzigen Personen sind, die in bunten Kleidern herumlaufen und keine schwarze Jacke tragen. Man fühlt sich ein bisschen wie ein Paradiesvogel. 

Nun sind wir in Tirana angekommen, wo heute Abend Julia zu uns stoßen wird, die uns für 2 Wochen begleitet.

Da es hier immer kälter wird und der Winter nun nicht mehr zu leugnen ist, haben wir uns entschlossen nach Südamerika zu fliegen. Am 4.1.19 geht es für uns von Rom nach Argentinien! 


#albanien#shkoder#helpx-erfahrung#kulturschock#landleben
Kommentare

Sabine
Wieder sehr spannend und schön, euer Reisebericht ! Ich freue mich schon darauf, euch in Rom zu sehen!

du
Sehr interessant, was ihr alles in Albanien erlebt habt und welche Einblicke ihr bekommen habt.

nononwil
Echt spannend!