Ah, England meine Perle. Was soll ich sagen, in einem früherem Leben war ich englisch, dessen bin ich mir mittlerweile sicher. Anders lässt sich meine -nennen wir das Kind beim Namen- Obsession mit diesem schönen Land nicht erklären. So schön wie Irland ist und ich habe meine Zeit dort sehr genossen, ich freute mich diebisch wieder nach England zu reisen. Ich bin sehr spät in Liverpool gelandet und habe die Nacht im Flughafen geschlafen. Ja es war ungemütlich, ja ich habe nicht gut geschlafen, aber das war egal, ich war in England! Mein Ziel war die kleine mittelalterliche Stadt Ludlow im Herzen Shropshires. Shropshire liegt an der Grenze zu Wales in den Midlands und eigentlich habe ich die Stelle nur angenommen um das Wort Shropshire oft sagen zu können. Shropshire. Hihi.

Ich arbeite bei Fern, Penny und Janet auf ihrer Glamping site. Fern ist mein Alter und wir haben uns auf Anhieb super verstanden, da wir exakt dieselben Interessen teilen. Ihrer Mutter Penny gehört der Glampingplatz, und Fern managt das tägliche Geschehen. Oma Janet wohnt im angebauten Cottage und hilft ebenfalls aus. Glamping ist ein relativ neuer Trend, der erst vor einigen Jahren auf die Insel geschwappt ist und Camping auf eine luxuriöse Ebene hebt. Quasi Zelten mit den Annehmlichkeiten eines Hotelzimmers. Fern und Penny haben eine kleine Hütte in der Nähe des Hauses und einen Kuppeldom und ein großes Tipizelt im Wald. Allesamt ausgestattet mit Holzofen, hübschen Holzmöbeln, Parkettboden, Badezimmer und einer kleinen Küchenzeile. Ich bin für den Star Dome und das Zelt zuständig. Das Zelt ist mittlerweile zu kalt, selbst mit Ofen, und nur wenig belegt. Es steht sowieso nur in der Saison und wir werden es wohl demnächst demontieren und dem Winterschlaf übergeben. Der Dome macht am meisten Arbeit, weil er ganzjährig genutzt werden kann und einen 5-Sterne-Service bietet, inklusive hot tub (Draußen-Badezuber). Der muss geleert, geschrubbt, gefüllt und mit Holz angefeuert werden und das dauert den ganzen Tag. Dafü können die Gäste dann aber mit einer schönen Aussicht mitten im Wald baden gehen und die einzigen die ihnen zuschauen können sind die Kühe auf der Nachbarweide. Die Gäste sind ausnahmslos englisch und es macht immer Spaß sie einzuchecken und mit ihnen zu reden. Penny ist großer Glamping Fan und hat den Dome und das Zelt wunderschön eingerichtet. Wir waren alle gemeinsam auch schon auf einer Glamping-Show, auf welcher ich das ganze Ausmaß des Trends ersteinmal gesehen habe, die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt.

Pennys Haus steht inmitten der Shropshire Hills Area of Outstanding Beauty und diese Bezeichnung hält was es verspricht. Die Gegend ist sanft hügelig und grün, man sieht überall die typisch englischen, von Hecken umgrenzten Felder die sich bis zum Horizont aneinanderreihen. Vom Fenster über meinem Bett aus erstreckt sich diese grüne Landschaft bis nach Wales und ich kann mich daran gar nicht sattsehen. Janet hat im Laufe der Jahre um das Haus herum einen wunderschönen Garten angelegt. Die ersten Tage hier waren ein Kontrastprogramm zum regnerischen, von der Sommerhitze vollkommen ignoriertem Irland, und so hat mich England mit einem goldenen Herbst entschädigt. Das Haus und alles was dazugehört ist so sehr englisch, mit Landhausküche und Gemüsegarten, einer kleinen Streuobstwiese, Holzofen und Bildergalerie der Familie im Wohnzimmer. Ich habe mich direkt wohlgefühlt. Fern hat zwei Hündinnen, Schoko-Labrador Darcey und Collie Dixie. Darcey ist nach Mr Darcy aus Stolz & Vorurteil benannt und so haben Fern und ich auch gleich auf dem ersten Spaziergang mit Darcey unsere gemeinsame Leidenschaft für Literatur und Jane Austen  herausgefunden. Dixie ist steinalt, hört und sieht kaum noch etwas, kann es auch nicht mehr länger als zwei Stunden halten und pupst das gesamte Wohnzimmer zusammen. Sie kommt nicht mehr auf die langen Spaziergänge mit, weil sie nur ihrem Geruch folgt, der meist in der entgegengesetzten Richtung interessanter ist und sie dem nach entschwindet. Mit Darcey gehen wir jeden Morgen im Wald spazieren, der das Haus umgibt und ich genieße diese halbe Stunde immer sehr.

Zwei meiner ersten freien Tage habe ich in Ludlow verbracht, der kleinen Marktstadt einige Minuten vom Haus entfernt. Es ist eine neidliche kleine Stadt mit vielen Fachwerkhäusern und einer Burg, die während der Rosenkriege kurzzeitig Hauptquartier der Anführer des Hauses York war. Später in der Tudorzeit war es Residenz für bekannte Persönlichkeiten wie Katharina von Aragon, Arthur Tudor und Maria Tudor. Dass es seit jeher ein Handelszentrum war kann man heute immer noch an den Fachwerkhäusern der reichen Händler und dem Marktplatz im Herzen der Stadt erkennen.

Bis Clee Hill, dem nächsten Dorf vom Haus aus, kann man in einer guten halben Stunde laufen und weil es inmitten der Area of Outstanding Beauty liegt laufe ich oft ins Dorf um die Aussicht auf das Tal zu genießen. Außerdem steht dort eine Gedenkbank, die ich immer wieder sehr amüsant finde. Auch das Nachbardorf Hope bagot habe ich mir angeschaut, denn dort gibt es eine kleine normannische Kirche und eine 6000 Jahre alte Eibe, an welcher Menschen ihre Wünsche in Form von Bändern hinterlassen.

Mein größter Ausflug aber war meine Reise nach Bath und Bristol, welche ich im September unternommen habe. Hab ich mich gefreut, Jane Austen Land wartete auf mich! Sie hat zwischen 1801 und 1806 in Bath gelebt und Ende September fand dort das Jane Austen Festival statt, welches ich schon immer unbedingt sehen wollte und dieses Jahr habe ich es getan! Bath ist circa zwei Stunden von Ludlow entfernt und ich fuhr am Samstag zum Festival, welches die ganze Woche stattfinden sollte. Ich habe mich extra früh auf den Weg gemacht um die Kostümparade anzusehen, die das Festival am Samstag eröffnen sollte. Ich habe eine großes Festival erwartet, welches die ganze Stadt in Atem hält, Straßenabsperrungen für die große Kostümparade, überall Menschen, gekleidet im Stil der Regency-Zeit, und ein herausgeputztes Bath. Naja, vielleicht waren meine Erwartungen ein bisschen zu groß, das Festival war eher klein gehalten mit ausgewählten kleinen Veranstaltungen, die sich vereinzelt über die Stadt streuten aber das normale Leben eher weniger tangierte. Trotzdem war es schön, ich habe mir das Theaterstück Stolz & Vorurteil angeschaut, einen Markt besucht, der mit Dingen aus der Regency Zeit handelte, eine Jane- Austen-Stadtführung gemacht, einer Lesung der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Nichte Jane Austens beigewohnt (Ich weiß, aber näher dran kommt man nicht) und die Parade angeschaut. Die war zwar nach 15 Minuten schon vorbei aber es war schön anzusehen. Am zweiten und letzten Tag in Bath habe ich meinen Liebsten vom Bahnhof abgeholt und konnte ihn nach vier Monaten der Trennung endlich mal wieder in den Arm schließen. Wir haben uns die Stadt angeschaut, die römischen Bäder, die Kathedrale, den Royal Crecent, den Circus, Victoria Park und die Pultney-Brücke. Bath ist wunderschön, mit einer ausgedehnten Altstadt und vielen georgianischen Häusern, grüne, ruhige Parkanlagen und strahlte einen gewissen elegant-bescheidenen Reichtum aus. Es nicht zu unrecht Unesco Welterbe.

Am selben Tag haben wir uns auf den Weg nach Bristol gemacht. Den ersten Tag haben wir mit klassischem Sightseeing verbracht. Die Kathedrale in Bristol ist wunderschön, mit kleinen Kapellen in jeder Ecke und einer Ausstellung und einem schönen Kirchengarten. Den zweiten Tag haben wir auch wieder mit Sightseeing verbracht aber in einer anderen Form. Streetartkünstler Banksy kommt aus Bristol und hat dort vor allem in den 90ern einige seiner bekanntesten Werke hinterlassen. Am Ende des Tages haben wir mit dem Wassertaxi die Stadt vom Wasser aus angesehen, was ich sehr genossen habe.

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