Wenn man nicht schlafen kann fährt man eben. Jedenfalls mache ich mich viel zu früh auf, und fahre Richtung Montreal. Mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits freue ich mich auch auf daheim, denn diese Reise hat mir total viel Inspiration gegeben. Andererseits ist so ein Abschied auch nichts schönes. Und so halte ich auch nur einmal und nehme noch ein paar letzte Kanada Impressionen mit. Mein Flug geht zwar erst um 19:00 Uhr, aber ich habe das Mietauto früher bekommen als gedacht. Unter zielt ab da die Zeit immer im 24 Stunden Rhythmus. D.h., sollte ich später als 13:28 Uhr zurückgeben, muss ich einen Extrasack bezahlen. Und der ist richtig teuer. Also heißt es 6 Stunden am Flughafen verbringen, nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung.

Die Rückgabe des Autos an sich ist total problemlos, und der Mensch aus Quebec der mein Auto entgegen nimmt ist ein besonders netter. Leider muss ich ihm eine nicht so tolle Nachricht überbringen, denn ich habe einen Steinschlag auf der Windschutzscheibe. Er nimmt es aber sehr gelassen. Und ich auch, denn ich bin ja gut versichert. Früher hatte ich tatsächlich mal Autos gemietet ohne sie komplett abzusichern. Würde ich nicht mehr machen. 

Der Flughafen hier ist überschaubar und für meine Empfindung total leer. Ein Glück, ich kann den Koffer schon abgeben. Allerdings muss ich umpacken. Er ist zu schwer. Was kaufe ich auch schwere Mitbringsel. Eine total dumme Angewohnheit weil man ja sowieso nicht alle zufrieden stellen kann. Ich glaub ich muss da mal was ändern. Bei der Sicherheitskontrolle wird wieder mal mein Name erwähnt. „Wolfgang“ ist ein richtiger Bringer. Dabei mochte ich den Namen früher mal eine Weile gar nicht. Mein geliebter Tim Horton ist auch hier und so kann ich bei einem English Muffin und einem Hashbrown meine Gedanken sammeln. Und da gibt es einige. 

Das letzte Jahr war das beschissenste meines Lebens. Ich kann mich jedenfalls an kein schlimmeres erinnern. Die Isolation und die Schule haben mich an den Rand des Wahnsinns gebracht. Es war alles wirklich grausam, und nicht verreisen zu können, hat dem ganzen die Krone aufgesetzt. Dieser Trip hat mir gezeigt, dass das Leben viel zu kostbar ist, um es so verstreichen zu lassen. Und diesen Eindruck habe ich. Ich habe in vier Wochen mehr gesehen als in 18 Monaten davor. Natürlich war es nicht einfach weil Kontakte kaum möglich waren. Aber auch diese kleinen Gespräche, die immer wieder entstanden sind, waren erbaulich.

Zudem war es eine Reise in die Vergangenheit. Ich habe an viele Menschen gedacht die nicht mehr da sind. Als erstes natürlich an meinen Vater. Irgendwie war er dann dabei. Dann dachte ich oft an meine Großeltern, die nie weit weg gefahren sind. Ich kannte sie kaum denn sie sind schon gestorben als ich noch relativ jung war. Wie gerne würde ich mich heute mit ihnen unterhalten. Dann dachte ich an meine Mutter die ich so lange nicht gesehen habe. Ich bin froh dass sie noch so fit ist. Immer gut gelaunt hat sie mir fast täglich geschrieben, und ich habe dann per Sprachnachricht geantwortet. Auch sie war irgendwie dabei. Ganz besonders für sie ist dieser Blog. 

Dann dachte ich an die Engländer und meinen besten Freund Wolfgang. Beide habe ich noch nie so lange nicht gesehen seitdem ich sie kenne. Ich kam immer bisher gut allein zurecht, aber ich vermisse sie sehr. Und ich freue mich auf den Tag, an dem ich sie wiedersehe. 

Dann dachte ich an verstorbene Künstler, die mir so viel Freude gemacht haben und die nicht mehr da sind. Freddie Mercury, Rik Mayall, John Candy, Rudi Carell. Komisch diese Kombination. Aber sie fehlen mir wirklich und es überkam mich hier das zu bemerken. Und dann dachte ich oft an meine Kollegen, die unter diesen Umständen Unterricht halten müssen. Ich fand es immer entsetzlich. Mir tun die Kinder unendlich leid. Es reicht jetzt wirklich langsam. Kein Fünftklässler verdient es, solche Jahre zu erleben. Seine Mitschüler mehr mit Maske als ohne zu sehen. Mimik und Gestik völlig außen vor zu lassen. Keine Partner Arbeit. Keine Gruppenarbeit. Einfach fürchterlich. Diese Pandemie ist das schlimmste was diesen Kindern passieren konnte. Schule ist fast zum reinen Verwaltungsakt geworden. Erst am Schuljahresende ist so etwas wie Spaß entstanden. Der ist oft vollkommen auf der Strecke geblieben. Ich bewundere wie manche an meiner Schule immer noch so durchhalten. Mit dieser positiven Energie. Allen voran unser Rektor. Ich hoffe so sehr dass dieses Jahr eine Wendung nimmt, die positiv ist.

An alle diese Dinge musste ich hier denken auf den stundenlangen Autofahrten, und sie haben mich oft zum Heulen gebracht. Aber dann durfte ich diese wahnsinnige Landschaft hier sehen. Tolle Orte kennenlernen. Und Kanadier, die einfach ein total liebes Volk sind. Es ist ein absolutes Privileg zu diesen Zeiten so etwas unternehmen zu können. Und ich werde diese positive Energie nach Hause mitnehmen. Das wünsche ich mir sehr. Ich will dieses Sabbat-Jahr ganz bewusst erleben. Auch daheim.

Reisen reinigt die Seele, aber das ist nur dann von Dauer, wenn man die Eindrücke auch daheim für sich arbeiten lässt. Die Erinnerung ist wichtig, denn sich bewusst zu machen, das es einem Momente gibt, an die man sich jederzeit zurück erinnern kann - das ist das große Geschenk das man bekommt. Und das durfte ich wieder erleben. Das möchte ich wieder erleben. Bis zum nächsten Mal. 

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