Arnprior - Bracebridge
Der sechsundzwanzigste Tag (03.10.2021)

Veröffentlicht: 04.10.2021

































Die Nacht war kurz, denn ich konnte nicht schlafen. Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass die Bettwäsche kratzt. Vielleicht hat es auch nur psychologische Gründe gehabt, aber diese Schrabbelbude machte einfach keinen guten Eindruck. Jedenfalls war ich froh als ich um 8:00 Uhr schon das Weite gesucht habe. Die Besitzer waren nett, aber solche lieblosen Zimmer sind einfach eine Zumutung.
Das Wetter ist trübe und ich fahre auf dem Highway bis Toronto durch. Man merkt deutlich den Einfluss der großen Stadt. Aus zwei Spuren werden ganz schnell vier, am Schluss sind es sechs. Und der Verkehr ist abartig. Um Toronto herum staut es sich gewaltig. Ja die größte kanadische Stadt ist eben ein Moloch. Da bin ich fast froh das ich bis nach Montreal geflogen bin. Obwohl Toronto ja schön sein soll. Aber das sind mir deutlich zu viele Menschen.
Auch als ich mich von Dieser Großstadt entferne, dauert es eine Weile, bis der Verkehr nachlässt. Bis Niagara Falls sind es etwas mehr als 100 km, und das Wetter wird zunehmend schlechter. Die Sicht ist einfach bescheiden und es regnet auch ziemlich. Ich male mir schon aus, dass ich diese Wasserfälle nicht sehen werde, sondern nur schemenhaft im Hintergrund erkenne. Aber wie so oft auf meiner Fahrt klart es sich doch zum Schluss etwas auf.
Als ich in der Stadt ankomme, staune ich nicht wenig. Es ist absolut nichts los. Die Straßen sind ziemlich leer und auch die Hotels scheinen verweist zu sein. Ich finde meine Unterkunft echt schnell und bekomme sogar gleich um 11:00 Uhr ein Zimmer. Julian, der nette Besitzer, meint, dass hier im Sommer echt die Hölle los sei. Ich hätte einen guten Zeitpunkt gewählt. So sehe ich das auch. Das Zimmer kostet mit Abstand das wenigste Geld bisher, und ist in den Top 5 meiner Reise. Die Konkurrenz ist wirklich riesengroß und verdirbt zu diesen Zeiten die Preise. Ich bekomme eine Karte wie ich laufen soll und mache mich nach kurzer Bekanntmachung mit meinem Zimmer auf dem Weg.
An zahlreichen Riesenparkplätzen vorbei und Hotelblöcken laufe ich den vorgeschlagenen Weg und nach 15 Minuten höre ich ein Rauschen. Nach weiteren 5 Minuten sehe ich dann dieses Naturwunder vor mir. Mir schießen Tränen in die Augen. Es ist noch viel imposanter als ich mir jemals vorgestellt habe. Und wenn man als kleine Junge schon davon hört und irgendwann mal davor steht, dann glaubt man seinen Augen kaum. Die kanadische Seite liefert einem den direkten Blick auf die eigentlich 3 Wasserfälle, die hier herunter stürzen. Von den USA ausgesehen kann man sie nur von der Seite betrachten.
Ganz links sind die schon imposanten American Falls, die auf eine Schutthalde aufschlagen, und so bisher immer tödlich waren, was Menschen betrifft, die von dort herunter gestürzt sind. Direkt rechts daneben sind die „kleinen“ Bridal Veil Falls, die neben den großen Geschwistern natürlich ein wenig untergehen.
Die Gewaltigsten der drei Fälle sind die Horseshoe Falls, die 90 % des Wassers ganz rechts 51 m in die Tiefe stürzen lassen. Die Gischt, die dabei entsteht, ist so riesig, dass man hier die Mitte des Wasserfalls gar nicht erkennen kann. Dieser Anblick raubt einem wirklich den Atem. Die Bootstouren, die sich diesem gewaltigen Wasserfall nähern, wirken oben wie kleine Spielzeugboote. Auffällig ist, dass die amerikanischen Boote alle voll besetzt sind, während die kanadischen maximal zu einem Drittel voll sind. Das liegt wohl vor allem daran, dass man von meiner Seite aus wirklich alles super erkennen kann.
Ich verzichte deshalb auf die Fahrt mit dem Boot, und brauche mich auch nicht danach trockenlegen. Denn was ich gelesen habe wird man dabei vollständig nass. Der Plastiküberzug, den man bekommt, schützt einen da nur wenig. Ich verbringe 3 Stunden bei diesem Anblick und laufe immer von einem Ende zum anderen und kann es nicht fassen, dass ich hier bin. Kein Bild kann diese Gewalt, die hier entfesselt wird, darstellen. Es ist ein Anblick den ich nie vergessen werde.
Nachdem der Regen wieder ein wenig einsetzt gehe ich zum Clifton Hill, dem Vergnügungsviertel von Niagara Falls. Und dieser Ort ist wirklich furchtbar. Hier reihen sich Fressbuden an obskure Vergnügungsstätten und Souvenirläden. So spärlich besucht wie jetzt sieht es fast ein wenig traurig aus. Ich beschließe das erste Mal und auch das letzte Mal denke ich in eine Bierbar zu gehen. Dort gönne ich mir ein paar Craft Bier, die hier hergestellt werden. Das meiste war gut, das Cranberry Weizen hat geschmeckt wie nasse Socken. Pfui Deibel.
Um 17 Uhr komme ich müde aber richtig beglückt zu meinem Quartier zurück. Der Abstecher hierher, so weit er auch war, hat sich unglaublich gelohnt. Und auch wenn morgen ein ziemlich doofer Reisetag kommen wird, mit einer wahrscheinlich unangenehmen Fahrt an Toronto vorbei zu meinem letzten Quartier, so werde ich es nie bereuen, diese letzte Runde gefahren zu haben. Der Indian Summer und die Fälle waren einfach ein Traum. Und dazu noch ein sehr ungeplanter. Ich bin sehr, sehr glücklich. Was für ein Privileg, eine solche Reise machen zu können.
