Paradiesinsel Ilha Grande
Einem weiteren bewölkt-regnerischen Tag in Paraty, folgte dann die Abfahrt in Richtung Ilha Grande. Mit mir zusammen reisen zwei deutsche Mädels, die ihr Auslandssemester in Rio...

Veröffentlicht: 02.11.2017

















Nachdem meine Reisebegleitung wieder seinen studentischen Pflichten in Rio nachgehen muss, war ich also in Ilha Grande wieder auf mich alleine gestellt. Da ich mich inzwischen wieder richtig in das Inselleben verliebt hatte, entschied ich mich, noch ein paar Tage dranzuhängen und meinen Aufenthalt im Welcome Surf Hostel zu verlängern. Mein Hostel war wirklich entspannt und mit den Leute dort ließ es sich gut aushalten. Das Beste war aber, dass ich die restlichen Nächte mein Vier-Bettzimmer ganz für mich alleine hatte.
Das Wetter glich weiterhin mehr einem Glücksspiel und auf die Vorhersage konnte man sich erst recht nicht verlassen. Trotzdem beschloss ich, an noch einer Bootstour mitzumachen. Zum einen, weil ich die zum Meer gerichtete Seite der Insel nochmal sehen wollte und zum anderen, weil ich unbedingt den Postkartenstrand Aventureiro mit seiner berühmten Palme sehen wollte.
Dieses Mal war Petrus leider nicht so auf meiner Seite, denn es sollte die Fahrt über eher bewölkt bleiben. Die mit 150 Reais (40€) ziemlich teure Tour sollte sich diesmal leider nicht wirklich lohnen, denn zum baden fand ich es etwas zu kühl und
auch meine 13 südamerikanischen Mitreisenden samt Bootsfahrer waren allesamt dem
englischen nicht mächtig. So wurde es für mich eine eher ruhige Fahrt. Außerdem hebten sich die Strände nicht sonderlich von denen ab, die ich bereits bewundern durfte.
Wir hielten in der türkisblaue Bucht Caxadaco und besuchten die Strände Praia de Dios Rios und Praia do Aventureiro (praia = Strand). Ich konnte den Tag trotzdem genießen, entspannte schön am Strand und schaffte es, mein zweites Buch fertig zu lesen. Außerdem bekam ich in Aventureiro dann auch die berühmte, schief gewachsene Palme
zu Gesicht. Bei der Gelegenheit muss ich den vielen Fotografen Respekt
zollen, denn auf den Bildern sah die Palme doch deutlich eindrucksvoller
aus als von Angesicht zu Angesicht. Leider ein nicht seltenes Phänomen.
Tags darauf unternahm ich noch eine Wanderung zum nahe gelegenen Strand
Praia do Abraãozinho und verschlief ein paar Sonnenstunden am Strand.
Außerdem lernte ich in meinem Hostel eine Gruppe Briten kennen und schloss mich denen zum Pizza all you can eat an. Weltklasse Erfindung und mit 39 Reais (10,50€) auch bezahlbar. So gab es insgesamt acht riesige, unterschiedliche Pizzastücken nach italienischer Art bis ich am Ende kaum mehr die Hose zu bekam sowie eine lange Diskussion mit unterschiedlichsten Ansichten über den Brexit.
Mein Inselleben neigte sich aber langsam dem Ende zu und ich begab mich so langsam auf dem Weg in Richtung der nächsten Großstadt, der zweitgrößten Stadt Brasiliens - Rio de Janeiro.
Rio de Janeiro, weltbekannt durch den Zuckerhut, Cristo Redentor, den Strand Copacabana oder den jährlich stattfindenen Karneval, heißt übersetzt so viel wie Fluss Januar. Dies basiert auf einem Irrtum des Seefahrers Gaspar de Lemos, der die Bucht am 1. Januar 1502 erreichte und sie für die Mündung eines großes Flusses hielt. Mehr als 500 Jahre später wohnen im Stadtgebiet 6,5 Millionen und in der Metropolregion sogar knapp 12 Millionen Menschen.
Zwischen 1815 und 1821 war Rio de Janeiro sogar für kurze Zeit Hauptstadt des Königreichs von Portugal und Brasilien. Nach Brasiliens Unabhängigkeit 1822 blieb Rio de Janeiro Landeshauptstadt, bis es 1960 den Titel an Brasilia abtrat. Warum die Hauptstadt in die mit 2,5 Million Einwohnern im Vergleich zu Sao Paulo und Rio de Janeiro, deutlich kleinere Stadt Brasilia geändert wurde, lag an Brasilias geografisch zentraler Lage und weil Brasilien die Entwicklung im Binnenland fördern wollte. Deshalb wurde 1891 der Beschluss gefasst, Brasilia zu errichten und Stadtplaner Lucio Costa sowie der berühmte Architekt Oscar Niemeyer trugen die Verantwortung für das Projekt. Als Grundriss wurde die Form eines Kreuzes gewält, welches an der Achse, auf Grund der landschaftlichen Gegebenheiten, leicht gekrümmt ist. Heute kann man an Hand des Stadtplans noch erkennen, dass Brasilia damals am Reißbrett entwurfen wurde, was der Stadt in meinen Augen so ein bisschen den Charme nimmt.
Aber zurück zu Rio de Janeiro. Ich verließ Ilha Grande gegen Mittag und erreichte am frühen Abend Rio de Janeiro. Unser Minivan schlängelte sich wacker durch den Berufsverkehr und wir passierten die ersten Favelas. Diese nicht enden wollende, aneinandergehäufte Blechhüttenlandschaft ist auf ihre eigene Weise schon beeindruckend. Weniger beeindruckend war der beißende Fäkalgestank, der mich auf der Reise durch die Favelas begleitete.
Angekommen in Rio checkte in Copacabana ins Casa del Mar Hostel ein, welches ich vorallem auf Grund seiner zentralen Lage und der Strandnähe gewählt habe. Zum Strand Praia de Copacabana sind es nämlich nur 4 Gehminuten und nach Ipanema zum Strand auch nur 20 Minuten zu Fuß.
Am nächsten Tag begab ich mich auch gleich zu besagtem Strand Copacabana, welcher nicht nur wegen Barry Manilow´s Hit weltberühmt ist, und tauchte in das brasilianische Großstadtstrandleben ein. Heute sollte zwar mit Allerseelen ein brasilianischer Feiertag sein, allerdings blieb es dafür vergleichsweise ruhig und leer am Strand. Es tummelten sich zwar die Menschen und spielten Strandfussball oder badeten in den hohen Wellen des Atlantiks allerdings nicht zu vergleichen mit dem Sonnenschirmmeer, welches ich im Kopf hatte. Gegen Mittag traf ich dann den in Rio studierenden Marco aus Ilha Grande wieder und wir machten uns auf zu dem Dois
Irmãos (Zwei-Brüder-Felsen).
Die Spitze des Dois Irmãos ist mit 533 Metern sogar knapp 150 Meter höher als der Zuckerhut.
Mit einem Uber ging es bis zum Beginn der Favela Vigidal und von dort aus mit dem Motor-Taxi den Berg hoch bis zu einem Fussballplatz gleichbedeutend mit dem Beginn der Dois Irmãos. Zsätzlich zu den 5 Reais (1,30€) für die Fahrt hinten auf dem Motorrad, gabs noch einige Nahtoderfahrungen inklusive.
Wir trafen zu Beginn dann den in Bangkok lebenden Australier Tony und machten uns dann zu dritt auf dem Weg den 1,5 Kilometer langen Wanderweg nach oben zu meistern. Auf Grund der schwierigen Gegebenheiten und des steilen Aufstiegs wurde uns ein circa 75 minütiger Aufstieg vorhergesagt. Knapp 35 viel zu sportliche Minuten später erreichten wir, völlig durchgeschwitzt und fertig mit der Welt, den Gipfel und hatten einen wunderbaren, einmaligen Blick auf Rio de Janeiro. Jetzt fühlte ich mich angekommen in diese Perle am Atlanik.
Auf der einen Seite lag die Ostküste Rios sowie der 800 Meter hohe Felsen Pedra de Gavea und auf der anderen Seite konnte man über die Strände Leblon, Ipanema und Copacabana blicken. Sogar die Christus-Statue und die Stadt Niteroi waren in der Ferne gut zu sehen.
Unter uns befand sich außerdem noch die vielleicht größte Favela Brasiliens oder gar Lateinamerikas, Rocinha. Lauf letzter offiziellen Erhebung leben dort 62.000 Menschen, geschätzt wird aber eher eine Zahl um 250.000. Ende 2011 wurde wegen Vorbereitung zur Weltmeisterschaft 2014 die Favela von der Polizei gestürmt und unter anderen der "Boss der Bosse", Antônio Francisco Bonfim Lopes, besser bekannt als Nem, verhaftet. Nem täuschte bereits Anfang 2010 erfolglos seinen Tod und sein Begräbis vor. Ende 2011 wurde er dann von der Polizei bei Versuch, Rocinha unbemerkt zu verlassen, in einem Kofferraum entdeckt und verhaftet. Klingt alles ein bisschen wie im Film.
Seitdem herrschen immer wieder Unruhen in und um Rocinha und man sollte diese Favela besser meiden.
Nach dem nicht minder antrengendem Abstieg, ging es dann für uns drei durch die harmloserere Favela Vigidal,vwir tranken in einer kleinen Bar noch ein Bier und unterhielten uns mit den Einheimischen. Oder besser gesagt Marco unterhielt sich mit den Einheimischen, den er sprach als einziger portugisisch. Als deutscher wird man von den Brasilianern gerne mit einem lachenden sete uno (7:1), in Anspielung an das Weltmeisterschaftshalbfinale 2014, begrüßt. Innerlich schmerzt es die Brasiliener aber immernoch. Ein bisschen Genugtuung nach dem enttäuschendem Finale 2002...